Raff - So lang der alte Peter... (Seite 213)
Eng verbunden ist das Münchner Volksleben mit der reichen Symbolik des katholischen Kults. Gleich in den Beginn jedweden neuen Jahres fällt das Fest der Erscheinung des Herrn, „Dreikönigstag" genannt. In alten Urkunden wird er als der „obrifte Tag" bezeichnet; mit ihm schließt die geheimnisvollste Zeit des Jahres ab, die der zwölf Rauchnächte (von Christi Geburt bis 6. Januar), in der christliche und uralt heidnische Überlieferung sich wundersam vermischen. Am Vorabend schon wird in der Kirche Wasser, Salz, Kreide und Weihrauch geweiht. Mit dem Weihrauch, der früh beim Gottesdienst an allen Kirchtüren zu Kauf steht, wird das Haus durchräuchert, während auf die Türen von Haus und Stall die Anfangsbuchstaben der heiligen drei Könige + C +M + B + mit geweihter Kreide gemalt werden. Ehemals räucherte der Hausherr sein Heim mit der Glutpfanne aus, auf die außer dem Weihrauch noch Wachholder und andere heilsame, zur Abwehr finsterer Mächte dienende Kräuter gelegt wurden.
An Dreikönig soll auch die Wünschelrute geschnitten werden, äußerdem noch zur Fastnacht und am Johannistag. Um Sonnenaufgang und wann der Mond sich erneut, soll der Schnitt geschehen; ein jähriger Trieb der Haselstaude hat die meiste Kraft. Während des Schnittes soll man sprechen: „Ich schneide dich, liebe Ruten, daß du mir mußt sagen, um was ich dich tu fragen und dich solang nit rühren, bis du die Wahrheit tust spüren." Darnach ward die Rute getauft in der Hl. Dreifaltigkeit Namen und auf einen der hl. drei Könige.
Sowohl am Vorabend wie am Abend des Dreikönigstages zogen ehemals Kinder und junge Leute Gaben heischend umher unter Absingen der uralten Dreikönigslieder, auch Sternlieder genannt. Meist waren drei dabei, die sich als „Könige" hergerichtet hatten und auf einer Stange einen goldpapierenen Stern trugen. Alte Münchner, zumal in den Vorstädten rechts der Isar, erinnern sich noch wohl an das „Ansingen" von Tür zu Tür; fast überall ward gern gespendet für den frommen Sang. Außerdem aber hat der Dreikönigstag noch die besondere Bedeutung, daß mit ihm der Fasching beginnt, der bei der genußfreudigen Münchner Bevölkerung von Alters wie noch heute sein volles Recht behauptet hat. Es muß jedem auffallen, wie gern und leicht sich der Münchner in einer Mummerei, einem angenommenen Charakter bewegt, zumal wenn eine Augenluft sich damit verbindet. Alle Schichten und Stände sind sich darin ziemlich gleich.
Im 16. Jahrhundert pflegte der Magistrat von München noch am Sonntag nach Dreikönig eine große nachmittägliche Schlittenfahrt zu veranstalten, an der die Bürgermeister, Ratsherren und Patrizier samt ihren weiblichen Angehörigen teilnahmen. Die Herzoge mit ihren Familien sahen aus den Fenstern der Neuveste, später der Residenz, dem Schauspiel zu und stifteten zu der Mahlzeit, welche hernach in der Trinkstube am Marienplatz stattfand, das Wildbret, fanden sich wohl auch bei dem nachfolgenden Tanze persönlich ein. Vom Jahre 1592 an suchte jedoch der Magistrat sich diesem Herkommen zu entziehen, während offenbar der herzogliche Hof, als einer ihm gebührenden Huldigung, darauf bestand. Bei Herzog Wilhelm V. entschuldigte sich der Magistrat im obengenannten Jahre mit der Tatsache, „daß bisher noch kein Schnee gefallen sei" — bat auch aus diesem Grund um Ausfallen der diesjährigen Schlittenfahrt, weil „mehrere ihrer Hausfrauen schwangeren Leibes seien und daher das Herumfahren mit Schlitten auf dem bloßen Pflaster gefährlich für sie sei." Mit Herzog Maximilian I. gab es eine längere Verhandlung in Sachen dieser Umfahrt. Der Herzog ließ dem Magistrat zu Beginn des Jahres 1604 sein Mißfallen wegen der unterlasienen Schlittenfahrt ausdrücken und gab den Befehl, herum zu fahren, „es schneie oder nicht". Worauf unterm 18. Januar die Ratsherren dem sparsamen Fürsten hinrieben, daß er
ihnen diesmal das Wildbret zum Bürgermahl nicht hätte zuordnen lasien, und daß sie daher geglaubt hätten, er selbst wolle den Brauch wegen der großen Unkosten abstellen. Sie rechneten ihm darnach die Ausgaben vor, die auch sie gehabt hätten und baten, die Umfahrt wenigstens bis zum Vorhandensein einer Schlittenbahn aufzuschieben, zumal wieder etliche ihrer Hausfrauen krank oder in gesegneten Umständen sich befänden. Es gab noch einiges Hin und Her, bis im Dezember des gleichen Jahres der Rat dem Herzog auseinandersetzte: sie (die Ratsherren) hätten nicht finden können, daß das Herumfahren „aus einiger Schuldigkeit" geschehen, sondern es sei nicht anders, als eine aus freiem Willen angestellte Ehrenbezeugung. Der „Pöbel" aber habe in letzter Zeit davon fpöttlich geredet, als geschehe es dem Magistrate zum Spott und wegen einer von alters verschuldeten Strafe. Es sei auch geschehen, daß die alten Geschlechter merklich abgenommen haben, so daß sie kaum mehr sechs Geschlechtspersonen des Äußeren Rates ersetzen können .... und Seiner fürstlichen Durchlaucht nur schlechte Ehr' erzeigt werde. Sie bitten daher um gänzliche Aufhebung dieses Gebrauches. — Im Jahre 1608 ward ihnen dann vom Herzog das jährliche Herumfahren wirklich für immer erlasien.
Es versteht sich, daß der Hof auch feine eigenen Faschingsfeiern hatte; namentlich unter Max Emanuel und Karl Albrecht, doch auch noch unter Max III. Joseph war als höfisches Karnevalsvergnügen besonders die Nachahmung einer ländlichen Wirtschaft oder Bauernhochzeit beliebt. Schon im Februar 1670 unter Ferdinand Maria stellte des Kurfürsten Schwägerin, Herzogin Febronia, die Wirtin eines in der Residenz sehr geschickt nachgeahmten Wirtshauses dar; der Hofratspräsident Fürst von Fürftenberg spielte den Wirt, die übrigen Persönlichkeiten des Hofes figurierten als Dienerschaft oder als Gäste. Noch luftiger waren die Bauernhochzeiten, welche im Jahre 1719 ihren Anfang nahmen. Der Hof und der hoffähige Adel, in die verschiedensten bayerischen Bauerntrachten gekleidet, versammelte sich in Nymphenburg und fuhr von dort im Schlitten nach München zur Residenz. Dort stiegen sie ab und begaben sich in den Eeorgssaal, an desien Türe ein Schild mit der Aufschrift „zum bayerischen Löwen" hing. Am Eingang des Saales wurden sie vom Kurfürsten als Bauernwirt und von der Kurfürstin als Wirtin empfangen und bewillkommnet, worauf alles nach Weife einer wirklichen ländlichen Hochzeit, zu der auch Stühle, Gedeck und alle Äußerlichkeiten stimmten, durchgeführt ward. Die Tänze waren im bäurischen Geschmack, die Musik bestand aus Geigen, Dudelsack und Schalmeien, der Hochzeitlader brachte seine ländlichen Sprüche in Knittelversen vor. Später wurden diese Bauernspiele durch die mehr und mehr aufgekommenen Schäferspiele verdrängt.
Minder üppig, aber um so lustiger und ungebundener, ging es im Volke her. DaS eigentliche Faschingsireiben zu München entfaltete sich am letzten Donnerstag im Fasching, dem „unsinnigen Pfinztag". Da zog alles in Maskengewändern, mitunter derb drolligen Verkleidungen einher. Typische Figuren waren: der Hansl und die Gretl (auch Dudl und Bartl genannt), die meist von jungen Burschen der Umgebung dargestellt oder ausgestopft auf einem Karren geführt wurden. Zwei groteske Bauerngestalten, er mit einem Stock und sie mit einem Korb. In der Neuzeit fand das in München außerordentlich beliebte „Masch- keragehen" hauptsächlich in den drei letzten Fastnachtstagen vom Sonntag bis zum Dienstag statt. Ehemals war es am Fastnachtsdienstag der Brauch, die Fastnacht in Gestalt einer hanswurstmäßig hergerichteten Stroh- und Lappenpuppe zu verbrennen; später, im München der Prinzregentenzeit, gab es richtige Fastnachtszüge mit geschmückten Wagen und allerlei witzigen Anspielungen auf jüngste Geschehnisse des öffentlichen Lebens. Die allbekannten, weithin berühmten Künftlerfeste, die sich von der Zeit Ludwigs I. bis in die Jahre kurz vor dem Weltkrieg erstreckten, pflegten den Höhepunkt des Münchner Faschings zu bilden.
Ein bedeutsamer Tag im Februar ist Mariä Lichtmeß (2. Februar), an dem das Wachs für die Kerzen und diese selbst geweiht werden. An diesem Tage soll sonnenloses Wetter sein, nach der alten Wetterregel: wenn der Dachs an diesem Tage seinen Schatten sieht, schlieft er wieder für 40 Tage ins Loch. Im übrigen tröstet sich jedermann, daß die kurzen Tage zu Ende sind, denn bis Neujahr wächst der Tag einen Hahnenschritt, bis Dreikönig einen Mannschritt, bis Sebastian (20. Januar) einen Hirschensprung und bis Lichtmeß eine ganze Stund. „Lichtmeß tut bei Tag eß", lautet ein bayerischer Spruch, der sich auf das ehemals übliche Nachtmahl um 6 Uhr bezieht, das an diesem Tage schon ohne künstliches Licht eingenommen werden konnte.
Der Aschermittwoch macht heute wie ehemals dem Faschingstreiben ein Ende. Im Brunnen am Marienplatz wäscht nach drolligem alten Brauch manch Einer den leeren Geldbeutel aus. Die bis Mitternacht gelacht und getollt haben, werden früh in der Kirche mit dem Aschenkreuz an der Stirn bezeichnet und vernehmen die alte, ernste Wahrheit: „Gedenke Mensch, daß du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirft!"
Die nun angebrochene Fastenzeit, die stille und hoffnungsreiche, wurde und wird bekanntlich unterbrochen durch die Bock- und Salvatortage mit ihrer derben Genußfreude. Fällt Ostern sehr früh, so kann der Ausschank der beiden berühmten Starkbiere in die Festzeit kommen; meist aber sind sie das, was sie auch heißen: Fastenbiere. Inzwischen regt sich schon überall das Walten des Frühlings: an Mariä Verkündigung (25. März) kommen die Schwalben wiederum; der verschiedenen Frühjahrsbräuche und Frühjahrskuren ist bereits gedacht worden. Die wackere Münchner Hausfrau läßt vor Ostern ihr Heim gründlich „stöbern" (groß reinemachen), wie das auch im Herbst geschieht; hauptsächlich aber nahm und nimmt die Sorge um den Schmuck der Seele, den die hohe kirchliche Festzeit bedingt, die Gemüter in Anspruch. Am Palmsonntag früh drängt sich jung und alt zur Palmenweihe. Die ersten jungen Zweige und Triebe der Palmweide mit ihren grauen, sammetnen Kätzchen werden entweder als Sträuße oder in künstlicher Form um den geschälten Stab einer Hasel gebunden, nach der Weihe heimgetragen und daheim in der Wohnstube, meist im sogenannten Herrgottswinkel (wo das Kruzifix hängt), aufbewahrt. Bei Ungewittern ein Stück der geweihten Palmen auf dem Herdfeuer zu verbrennen, galt als Schutz gegen Blitzschlag.
Am Gründonnerstag läuten bekanntlich die Glocken der katholischen Kirchen zum letztenmal. Nach altem Volksglauben, der noch lange Zeit in der Vorstellung namentlich der Kinder haften blieb, reiften die Glocken in der Nacht nach Rom, um ihren Teil von dem Segen zu empfangen, den der Papst am Karfreitag spendet; in der Nacht vom Freitag auf den Samstag flogen sie dann wieder heim. Während die Glocken schweigen, wird mit der „Ratsche", einer Art hölzerner Klapper, zum Gottesdienst gerufen. Eine Weibsperson, die mit ihrem Sprechwerk allzu ausgiebiges Geräusch macht, bezeichnet der Münchner Volksmund als „Karfreitagsratschen". Am Vormittag des Gründonnerstags werden in der Kirche die heiligen Öle geweiht; den „12 Aposteln" (ehrbaren bedürftigen Greisen) wusch ehmals der König die Füße und beschenkte sie; das Gleiche tut jetzt noch der Erzbischof, wie auch in allen Klöstern die Fußwaschung stattfindet. Daß am Gründonnerstag mittags eine grüne Suppe („Kräutlsuppe") verzehrt wird, ist wohl überall Brauch. Nachmittags strömen die Andächtigen zu den heiligen Gräbern, die bis zum Karsamstag in allen Kirchen errichtet und mit bunten Lampen (Grabkugeln), Blumen und Kerzen geschmückt sind. Am Karfreitag ward ehemals ziemlich allgemein gearbeitet; jetzt bürgert sich in München mehr und mehr der Brauch ein, geräuschvolle häusliche Arbeiten zu unterlassen, um die weihevoll trauernde Ruhe des Tages nicht zu stören.
Der Karsamstag Morgen war in Alt-München fröhlich bedeutsam dadurch, daß sich zumal die Knaben jeder Gemeinde in aller Frühe zur Feuerweihe einfanden. Dies Feuer, das auf dem Kirchhofe oder in der Vorhalle der Kirche entfacht und vom Priester geweiht wird, dient dazu, um daran zuerst die dreiarmige Kerze, die das Sinnbild der Drei-
faltigkeit ist, hernach die Osterkerze, die den auserstandenen Christus bedeutet, anzustccken. Wer an diesem geweihten Feuer ein Holzstück, Reisigbündel oder was immer Brennbares anzündet, trägt sich damit den Segen nach Hause. Drum hatten die Buben und jungen Burschen cs eilig, die am Osterfeuer entzündeten Scheite heimzubringen, wenn möglich brennend, wofür sie dann ein kleines Geschenk (Ostereier oder dergleichen) erhielten. Auch alte Reime wurden bei dem Lauf gesungen. Hier und da in den Münchner Vorstädten besteht der Brauch noch.
Gegen Abend wird, nachdem zuvor die „Auferstehung der Glocken" in gleichzeitigem weithallenden Geläut stattgefunden, die Auferstehung des Herrn gefeiert, wobei in früherer Zeit tatsächlich ein wächsernes oder hölzernes Heilandsbild, mit der roten Osterfahne in der Hand, überm Altar emporgezogen ward. Jetzt geschieht dies nur noch in ländlichen und einzelnen klösterlichen Kirchen; aber die Osterwonne, die aus aller Augen strahlt, ist darum nicht geringer.
Wer einem Nahestehenden eine Ostergabe reichen wollte, stand ehedem recht früh am Ostersonntag auf und brachte ein Körbchen voll leckerer Dinge in die Kirche, wo bei der ersten Messe die Speisen geweiht werden. Da standen, resp. lagen nebeneinander das Tüchel, in das etwa ein alter Austrägler die von ihm zu verschenkenden Eier gebunden und der Korb mit Osterschinken, Osterfladen, Eiern und sonstigen Leckerbissen, den eine begüterte Hausfrau ihren Gefreundeten zu- gedacht hatte. Erft die Nahrungsknappheit der letzten Jahre hat den schönen Brauch eingeschränkt. Von geweihten Speisen (vom „Geweichten" heißt es kurzweg) dürfen Reste und Abfälle nie weggeworfen werden: auf dem Herdfeuer werden sie verbrannt, damit der Segen beim Hause bleibe. Die liebe Jugend ergibt sich mit Eifer dem Spiel des „Eierspeckens", indem zwei Kinder je ein buntes Osterei in der Hand halten und diese gegeneinanderklopfen; wessen Ei dabei zerbricht, der hat verloren und muß es dem anderen abtreten. So umgeben freundliche und neckische Bräuche das hohe Auferstehungsfest. Sogar die Sonne soll nach altem Glauben am Ostersonntag, wenn sie aufgeht, drei Freudensprünge tun. Das Wasser, das jemand an diesem Tage vor Sonnenaufgang in heiligem Schweigen aus einem Bach oder Fluß schöpft, gilt als heilsam.
Das Fest Christi Himmelfahrt schließt die Osterzeit kirchlich ab. Altmünchnerische und überhaupt altbayerische Sitte war es, an diesem Tage wieder eine, den Heiland darstellende Figur durch das Kirchendach hinaufzuziehen. Etliche gaben dabei immer scharf acht, nach welcher Himmelsrichtung das Heilandsbild sein Antlitz gewendet hielt, denn daher sollten im Sommer die meisten Gewitter kommen. In München aber hatte dieser Brauch noch ein Vorspiel. Am Vorabend des Himmelfahrtstages vermummte irgend ein „Bacchant" oder „Vagant" (fahrender Gesell) sich als Teufel und wurde von etlichen, die als „Druden" ebenfalls greulich hergerichtet waren, mit Krücken und Ofengabeln unter Hallohgeschrei durch die Stadt gehetzt bis in die Hofburg, wo man ihm zu trinken gab. Darnach ward die Teufelsverkleidung ihm ausgezogen, fein mit Heu und Stroh ausgestopft, und diese Figur hing über Nacht an einem langen Strick aus dem Fenster des einen Frauenkirchturms heraus. Wenn dann am Himmelfahrts-Nachmittag die Gestalt des Herrn emporgeschwebt war, warf man die Teufelspuppe von der Höhe des Gewölbes herab, als ein Zeichen, daß der Fürst der Finsternis durch den Heiland überwunden fei. Dann schleiften die Buben die Teufelspuppe vor die Stadt auf den Gasteig, wo sie unter Lärm und Jubel verbrannt wurde.
Ein durchtriebener Schalk vom Hofe Herzog Wilhelms IV., mit Namen Liendl Lautenschlager, führte einst den Streich aus, den „Herrgott", der gen Himmel fahren sollte, vorher aus der Frauenkirche zu entwenden und mit ins Wirtshaus zu nehmen, wo er ihn hinter den Tisch setzte und ihm fleißig zutrank. Das Ding ward ruchbar und die Heilandsfigur ward zur Himmelfahrt in die Kirche zurückgebracht, Liendl aber wegen feines Frevels zur Verantwortung gezogen. Er gab an: er habe ja nur „die Letz" getrunken mit unserm Herrn, damit es der ihm einst vergelte und im Himmel ihn freihalte. Der Herzog verwies ihm streng seinen unzeitigen Scherz: mit dem Teufel könne er Schwank treiben, nicht aber mit unserm Herrgott. Darauf ging Liendl am nächsten Himmelfahrtstag hin und bemächtigte sich der vom Frauenturm herabhängenden Teufelspuppe und stellte sie nächtlicher Weile an den Pranger, nachdem er ihr noch einen schönen Fuchspelz, den er unter anderem Vorgeben von seinem Wirt entlehnt, angezogen hatte. Der Streich kam alsbald auf; Liendl jedoch, wiederum verklagt, redete sich frischweg auf den Herzog aus, der ihm im Vorjahr befohlen habe, künftig u)it dem Teufel Scherz zu treiben. Diesen Schelmenstreich hat kein Geringerer in Versen verewigt, als der teure Meistersinger Hans Sachs, der 1514 während seiner Wandcrzeit sich in München aufhielt. (Hans Sachs hat außer diesem Schwank noch andere auf München bezügliche Dichtungen und einen gereimten Lobspruch auf die Münchnerstadt verfaßt.)
Bald nach dem Himmelfahrtstage ist wiederum „Pfingsten das liebliche Fest" gekommen, wo alle Kirchen mit Maien (jungen Birken) geschmückt und die Altäre mit Pfingstrosen geziert sind. Auch der häusliche Tisch prangt mit Blumen und Grün. Vormals hielt zu München — (ein Brauch namentlich der Handwerksgesellen und Lehrlinge) — der „Pfingstlümmel" oder „Wasservogel" seinen Umzug, eine ganz in
Grünwerk vermummte Jungemannsfigur zu Pferde, von andern jungen Burschen zu Fuß oder zu Pferd umgeben. Er sagte seinen alten, in verschiedenen Fassungen üblichen, Spruch auf und wurde mit Eßwaren, auch mit etwas Geld beschenkt. Bis gegen Ende des 18. Jahr- Hunderts pflegten auch aus der Umgebung Münchens junge Bauernburschen beritten nach München zu kommen, wobei sie zwei ausgestopfte groteske Figuren, Hans und Grell genannt, herumführten. Diese Figuren waren an den entgegengesetzten Enden eines umlaufenden Rades befestigt, reichten einander wie zum Tanz die Hand und wurden von ihren Führern vor jedem Wirtshaus unter Hersagen eines gereimten Spruches, sowie unter großem Jauchzen und Johlen der Zuhörer vorgeführt. Das allzu ausgelassene Gebaren der Burschen bei Übung dieser Pfingstbräuche war schuld, daß das „Pfingstlreiten" verboten ward.
Da um Pfingsten die Zeit der Firmungen ist, herrscht große Nachfrage nach Firmpaten. Diese Würde ist zwar minder verantwortungsvoll als die Taufpatenschast, doch kann sie stets nur einer Person und zwar vom selben Geschlecht wie der Firmling übertragen werden.
Das mit dem größten Prunk und Aufbietung aller künstlerischen Kräfte begangene Kirchenfest im alten München war die Fronleichnamsprozession. Ihren Höhepunkt erreichte die Ausgestaltung dieses Festes unter Herzog Wilhelm V., der seinen Rat, den Lizenziaten Müller, einen Freund Orlando di Lassos, zum Generaldirektor der Prozession bestellte. Wochenlang vorher erwog im Verein mit diesem eine Anzahl von Hoftheologen, Hofbeamten, Mitgliedern des Stadt- rateö und erfahrenen Werkleuten alle Vorbereitungen. Gebete um schönes Wetter wurden angeordnet und durch Almosen unterstützt. Fast sämtliche Figuren des Alten und Neuen Testaments wandelten in Gruppen vorbei. Gottvater selbst erschien als würdige, bejahrte ManneSgeftalt mit langem grauem Barte; ein ähnlich ehrwürdiges Ansehen mußten die Patriarchen und Propheten haben, während die Hohenpriester und Pharisäer feiste, aufgeblasene Gesichter und künstlich auSgestopfte Bäuche zur Schau trugen. Sechzehnmal im Zuge trat die Gestalt der Gottesmutter Maria auf: die auf dem Esel Sitzende bei der Flucht nach Ägypten mußte das längste Haar, die als schmerzhafte Mutter Auftretende verweinte Augen haben. Hiob, auf dem Miste sitzend, kratzte sich von Zeit zu Zeit mit Scherben; Jonaö, der Prophet, dargeftellt durch einen kecken, gewandten Buben, schlüpfte an bestimmten Straßenecken in seinen Walfisch hinein und an anderen wieder heraus. Die Pharaonen durften in kostbaren Schlafröcken aus dem Nachlaß Herzog Albrecht V. prangen, mußten aber, wenn sie trinken wollten, zur Vorsicht ein „Tischfazinetl" (Serviette) vornehmen. Bei den neunzig Engeln hatte der Generaldirektor sehr darauf zu achten, daß nicht etwa einflußreiche Eltern ihre unansehnlichen Knaben unter die holdselige Schar hineinschmuggelten; überhaupt ward dem wackeren Manne das Leben so sauer gemacht, wie nur irgend einem heutigen Theaterintendanten, und er mußte ernstlich darauf Hinweisen, daß das Mitwirken an diesem gottseligen Werk gleich verdienstlich sei, ob eines nun eine hervorragende oder geringere Rolle spielte.
Der Eindruck so vieler wohlgebildeter und schöngewandeter Gestalten hat übrigens hie und da (wiewohl diese Ausgestaltung der Prozession auch zahlreiche Gegner fand) sehr anmutige Wirkungen gezeitigt. So hatte Lizenziat Müller einmal für die Darstellung der Rebekka am Brunnen die Köchin eines angesehenen Münchner Hauses mit Namen Veronika, die „ein schönes, wohlbetendes und gottesfürchtiges Mensch war", erkoren. Die sah ein vermöglicher Handelsmann aus Bozen, der zum Zusehen gekommen, und fand solches Gefallen an ihr, daß er sie vom Fleck weg heiratete.
Die hübscheste und bekannteste Geschichte, die sich an jene prunkvollen Umgänge knüpft, ist Müllers Erzählung von der Prozession des Jahres 1584, wo morgens um 4 Uhr ein schreckliches Wetter losging - der Generaldirektor erhob sich an diesem Tage stets um halb zwei Uhr — und auch zu Beginn der Prozession der Himmel jeden Augenblick mit Regen zu drohen schien. Im Augenblick aber, als das Allerheiligste aus der St. Peterskirche herausgetragen ward, und Meister Orlando di Lasso seinen „herrlichen, wohlkomponierten, lieblichen Gesang ,0u8tnte ed videte“" anheben ließ, brach die Sonne hervor und schien während der ganzen Prozession zur innigsten Freude des Lizen- ziaten Müller, sowie auch des Fürsten und aller Teilnehmer. Erft nachdem die Prozession vorüber war, fing eö wie mit Schäffeln zu gießen an.
Gut Wetter am Fronleichnamstage gilt auch der Ernte wegen für wünschenswert, denn „Lorpu8 Christi hell und klar, deutet ein gutes fruchtbares Jahr."
Am Fronleichnamstag sind selbstverständlich auch heute die Straßen, welche die feierliche Prozession durchschreitet, mit grünen Birken besteckt; bunte Decken und Teppiche hängen aus den offenen Fenstern der Häuser, in reichem Blumenschmuck prangen die im Freien aufgerichteten Altäre, an denen die vier Evangelien gelesen werden. Und wenn schon vom Bilderreichtum der früheren Zeit so gut wie nichts geblieben ist, tut der Anblick der hohen und höchsten geistlichen Würdenträger, das Mitgehen der Bruderschaften und katholischen Studentenkorporationen, der lieblichen weißgekleideten Kinder und jungen Mädchen immer noch seine Wirkung. Nach der Prozession stürzen die Zuschauer, die jugend- lichen zumal, sich auf die straßenschmückenden Bäume und reißen sie in Stücke, um ein Zweiglein mit heimzutragen.
Bald hinter dem Corpus Ckristi-Tag kommt Johannes des Täufers Tag mit seinem lohenden Feuerzauber. Vom Sonnwendfeuer zu München ist schon erzählt worden; wer darüber sprang unversengt, galt für ein Jahr als gegen Fieber gefeit. Wer durch den Kranz, den er beim Tanzen um das Feuer getragen hatte, hindurch ins Feuer sah, den befiel angeblich kein Augenweh; ein noch glühender Brand vom Subendfeuer sollte ein Feld, in das er gesteckt wurde, vor Hagelschlag schützen. Gegen solchen Aberglauben trat schon frühzeitig die Kirche auf; doch erhielt der Brauch des Sonnwend- oder Iohannisfeuers sich zu München bis ins achtzehnte Jahrhundert, bis wiederholte polizeiliche Verbote ihn als feuergefährlich abstellten. Wunderschön anzusehen sind die Bergfeuer am Johannisabend, die, auf einer Anhöhe oder Bergkuppe entzündet, wie große Sterne die Nacht erleuchten. Durch Hineinschauen in ein fließendes Waffer, in der St. Iohanniönacht unter Anrufung des Heiligen, hoffen junge Dirnen ihren künftigen Liebsten zu erblicken. Waffer, das schweigend in der Frühe des Johannistages aus einem dem heiligen Täufer geweihten Brünnlein geschöpft wird, soll gleiche Heilkraft haben, wie das am Morgen des Ostersonntags geholte. Wer sich des Tages noch besonders freut, sind die Jäger und die Wilderer, denn zu Johanni geht die Jagd auf.
An den Johannitag knüpfte sich zu München ein alter Handwerksbrauch, der bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts bestanden hat. Die Lehrlinge der Schmiede und Schloffer trugen nämlich an diesem Feste eine kleine als Schmied gekleidete Puppe, je zu vier und vier, herum. Vor den Häusern ihrer Kunden schnellten sie die Puppe auf einem Leintuch auf und nieder, was man das „Jackelschutzen" hieß: Dazu sangen sie:
Wir schützen den Jackl in alle Höh',
Daß ihm'ö Weiß in 'n Augen vergeh'.
Eins, zwei, drei.
Der Jackl, der hat a groß' Paar Augen,
Der taugt uns wohl zum Geld aufklauben.
Eins, zwei, drei.
Der Jackl, der hat a große Nas'n,
Die taugt uns gut zum Feuer anblasen.
Eins, zwei, drei.
Der Jackl ist gar hochgeborn,
Hat wenig Hirn und lange Ohrn.
Eins, zwei, drei.
Natürlich empfingen sie von den Kunden für das Jacklschutzen ein kleines Geschenk. Der Name soll sich herleiten von dem großen Schmiedhammer, den die Schloffer und Schmiede „Jackl" nennen.
Auf Johannitag folgt der Festtag der Apostelfürsten Peter und Paul (29. Juni), der zwar vom Städter auch mit Besuch der Gottesdienste und Rasten von der Alltagsarbeit gefeiert wird, doch nicht so eifrig wie auf dem Lande, wo die zwei hohen Apostel als besondere „Wetterherren" geehrt sind.
An Mariä Heimsuchung (3. Juli) hat es Jedermann nicht gern, wenn es regnet, denn sonst regnet es drei Wochen lang. „Wie unser liebe Frau übern Berg geht" — (naß oder trocken) — „so geht sie wieder zurück."
So lange die Frucht auf dem Felde steht, sind Prozessionen und Bittgänge in Münchens Umgebung häufig, um Regen und Sonne, Gedeihen des täglichen Brotes zu erflehen. Desgleichen ist der Sommer die Zeit der meisten Wallfahrten. „Mit dem Kreuz gehen" heißt das Wallfahrten auf altbayerisch, und die Wallfahrer heißen auch „Kreuzleut". Von berühmten Gnadenorten nahe bei München steht schon an anderen Stellen dieses Buches zu lesen. Ein Haupttag, um nach Maria Eich oder gar zur Muttergottes von Altötting zu wallen, ist der „Großfrauentag", nämlich Mariä Himmelfahrt (15. August). Nichts ist holder, als die an diesem Tage in allen Kirchen schimmernde bunte Blumenfülle, denn an Mariä Himmelfahrt werden Blumen und Kräuter in großen Buschen und Körben zur „Kräuterweihe" gebracht. Die schönsten Blüten des Spätsommers umduften den Altar; heilsame Kräuter — heißt es — haben besondere Heilkraft in dieser Zeit, wie auch die giftigen oder für giftig geltenden Tiere und Pflanzen in ihr die giftige Eigenschaft verlieren.
Mit Mariä Himmelfahrt, dem schon erwähnten Großfrauentag, beginnt der „Frauendreißigft". Etliche Bäuerinnen, auch Städterinnen, hangen fest an der Meinung, daß die während des „Dreißigst" gelegten Hühnereier sich bester halten als alle übrigen, wie ja auch die Küchenkräuter in dieser Zeit am besten seien. Der „kleine Frauentag", Mariä Geburt (8. September), schließt den Dreißigst ab und schließt die schöne Jahreszeit, denn „an Mariä Geburt ziehen die Schwalben furt". Dem kleinen Frauentag vorher geht noch das Erntedankfest, nachdem das „tägliche Brot" glücklich in Scheunen und Vorraisräumen geborgen ist.
Die in den Herbst fallende Kirchweih bringt fett gebackene Schmalznudeln und die rösch gebratene Kirchweihgans. Die Hauptfreuden des Herbstes sind übrigens dann für den Münchner alter und neuer Zeit eigentlich schon vorüber, da das vierzehn Tage währende „Oktoberfest", der Kirchweih voraufgeht. Dies Fest, von König Max I. eingeführt, hat als Zweck und Ursprung eine Ausstellung der Landwirtschaft Bayerns, zumal des heimischen ViehftandeS. Die besten Tiere inländischer
Zucht erhalten Preise, deren Verteilung ehemals vor dem weißblau gestreiften, inmitten der Theresienwiese errichteten Königszelt stattfand. Es kamen drollige Szenen dabei vor, wie z. B. daß ein Bäuerlein dem verstorbenen Prinzregenten Luitpold die H<md dankbar schütteln, oder ein etwas protziger Großbauer nach der Prämierung seines Stieres dem ersten Bürgermeister von München ein Trinkgeld geben wollte. Wettrennen von tüchtigen Bauerngäulen finden statt, auch Preisschießen um eine Ehrenscheibe und eine Menge von Volksbelustigungen, wie eine solche Gelegenheit sie mit sich bringt. Der erste Sonntag im Oktober war der Haupttag: da bewegte sich der Festzug, in dem auch heute alle möglichen Münchner Vereine und ländliche Trachten vertre- treten sind, auf die von Menschen wimmelnde Festwiese zu Füßen der ehernen Bavaria. Die Budenstadt, die sich da ausbreitet, gewährt einen nahezu phantastischen Anblick; es duftet nach Eß- und Trinkbarem von aller möglichen Art. Das Fest dauert noch eine Woche nach dem Hauptsonnlag; dann beginnt, nach nur achttägiger Ruhepause, die Herbstdult (Michaelidult) in der Vorstadt Au, wo man ehemals die schönsten alten Stoffe, Geräte, Bücher um ein Spottgeld kaufte. Heute sind alle diese Dinge dort so teuer, wie sie auf allen Meffen und Märkten und in sämtlichen Trödlerläden sind. —
Mählich wird es still in Stadt und Land. Über die kahle Erde pfeift der kalte Wind. Das ernsteste Fest des Jahres naht: Allerheiligen- Allerseelen. (1. und 2. November.)
Am letzten Oktober schon stehen viele Gräber geschmückt; eö wimmelt und hastet zwischen den Grabfeldern, durch die Kirchhofsportale. Lampen und Kerzen werden herbeigetragen, die letzten Herbstblumen als Kränze und Sträuße über die Hügel ausgestreut. Es fällt oft schon der erste Schnee um diese Zeit, wenn der Geistliche im Rauchmantel, mit dem Weihwedel den Gang um die Gräber antritt. Liegt viel Schnee, so sagte man ehemals, daß im kommenden Jahre viel Wöchnerinnen sterben würden. Der alte Aberglaube, daß der, welcher in der Allerseelennacht um zwölf Uhr sich auf den Friedhof oder auf einen Kreuzweg stellt, die Toten des künftigen Jahres vorbeiziehen steht, ist bekannt. Altbayerischer Glaube ist außerdem: die in der Fremde begraben liegen, kommen in der Nacht vor Allerseelen an ihren Heimatort geflogen, um am Libera und Segen auf dem heimischen Gottesacker ihren Anteil zu haben. Noch eine alte Überlieferung erzählt von den nächtlichen Gottesdiensten der abgeschiedenen Seelen in Kirchen und Domen. Die Nacht vom l. auf 2. November gibt alle Geister frei. Fährt der Wind heulend und mit unheimlicher Macht einher, so hören feine Ohren das Klagen der abgeschiedenen Seelen heraus. In alten Zeiten war es Brauch, den armen Seelen Speise hinzuftellen; wer ihnen diese wegaß, mußte noch im selben Jahre sterben, dafern er nicht durch eine besondere Guttat einer armen Seele aus dem Fegfeuer half. Besonders verdienstlich sind Gebete und Liebeswerke für das Heil der allerärmsten Seele, deren sonst Niemand mehr gedenkt.
Am 25. November ist in München in vielen Gasthäusern „Katharinentanz", weil hernach, im Advent, die fromme Vorbereitung auf die Ankunft des Gotteskindes solche Vergnügungen nicht zulaßt. Daher der Spruch: „Sankt Kathrein stellt's Tanzen ein."
Advent! — Im „Engelamt" in der dunklen Frühe tönt der alte flehende Gesang: „Tauet Himmel den Gerechten, regnet Wolken ihn herab! Auf tue sich die Erde und sproße den Heiland!"
Dem von den Kleinen so sehnlich erwarteten Christkind geht noch ein Gabenspender voraus, der Nikolaus oder Niklo am 6. Dezember. Nach alter Sitte erschien er als heiliger Bischof, meist beritten, weißgewandet mit goldenem Hauptschmuck; als finsterer Gefährte schritt ihm der haarige, ungefüge Klaubauf zur Seite. Heutzutage kommt, um Fleiß und Betragen der Kinder zu prüfen, ehrwürdig im langen Bart und Pelzrock der „Niklo" mit Sack und Rute, macht aber von der letzteren selten Gebrauch, schüttet hingegen fleißig den süßen Inhalt des ersteren aus. Alle Bäcker-Schaufenster Münchens liegen voll eßbarer Nikolausfiguren aus Marzipan- und Lebkuchenteig, zum Teil nach entzückenden alten Modeln, zum Teil grotesk modern: Teufel, Bauernweiber, Bergfexn und dergleichen.
Eine anmutige Art, das Schicksal zu befragen, bringt kurz vorher der Tag der heiligen Barbara, der 4. Dezember. Überall wurden und werden an diesem Tage „Barbarazweige" feilgeboten, d. h. Zweige vom Flieder, vom Kirschbaum, der Kastanie usw., die schon Augen angesetzt haben. Die stellt man in laues Wasier in einen warmen Raum und tut bei jedem Zweig einen heimlichen Wunsch. Hat der Zweig bis Weihnacht Blüten getrieben, so geht der Wunsch in Erfüllung.
Die drei letzten Sonntage vor dem Christfest hießen ehemals: der „kupferne", der „silberne" und der „goldene"; an allen dreien durften die Verkaufsläden geöffnet sein.
Im alten München hieß der Abend des letzten Donnerstages vor Weihnachten „die KlöpfleinSnacht". Es war üblich, daß die Dienstmägde bei den Krämern, Bäckern und sonstigen Gewerbsleuten, wo sie das Jahr über einkauften, desgleichen die Lehrlinge bei den Kunden ihrer Handwerksmeister, ein kleines Geldgeschenk oder auch Lebkuchen, Kletzenbrot und Ähnliches erhielten. Dabei sagten oder sangen sie folgenden Spruch:
„Hollah, Hollah, klopf an!
D' Frau Hot an scheanen Mann.
Seit mir d' Frau a Küchl zum Lohn,
Daß i an Herrn gelobt hon;
A Küchl und an Zelten.
Da Peter wirds vergelten;
Da Peter is a heil'ger Mann,
Der alle Ding vergelten kann."
Womit gesagt sein sollte, daß St. Peter, der Himmelspförtner, dereinst den Mildtätigen mild vergelten und ihnen die Himmelstüre öffnen werde.
Das „Klöpfeln" auch „Ansingen" ward außerdem sowohl an den Abenden vor Weihnachten, wie in der ganzen Zeit zwischen Weihnacht und Dreikönig geübt. Anklopfend und die alten schönen Weihnachtslieder singend, zogen Kinder und junge Leute von Haus zu Haus, wurden überall reich beschenkt. „Halloh, halloh, Klöpfleönacht 1 Wer nix gibt, der iS nit brav", riefen sie strafend an den Häusern empor, wo ihnen nicht alsbald aufgetan ward. Jetzt ist der Brauch nur noch hie und da auf dem Lande lebendig.
Mit zahlreichen Wundern schmückte die Volksphantasie ehedem die gnadenreiche Weihnacht aus. Um Mitternacht sollten an den dürren Asten der Obstbäume goldene und silberne Blüten aufsprießen; aus dem Brunnen sollte lauterer Wein rinnen, aber dem Vorwitzigen, der absichtlich deswegen von der Christmette daheimblieb, konnte es übel ergehen. Ein Schlemmer und Trunkenbold erpaßte die Mitternacht, um gierig an den nächsten Brunnen zu eilen und dessen Strahl sich ins Maul laufen zu lassen. „I schmeck an Wein", schrie er beglückt, und — „du bist mein", ergänzte der Teufel, der schon lange auf ihn gelauert hatte und nun mit ihm davonfuhr. Um Mitternacht soll auch das Vieh im Stalle menschliche Sprache erhalten und die Zukunft offenbaren können.
Da sehr viele Münchner zur Christmette gehen, sind die Straßen Münchens gegen Mitternacht so belebt, wie am Tage. Das Schießen aus Freude ist lange abgekommen; daegegen ist in jüngster Zeit die alte Sitte des nächtlichen Blasens vom Kirchturm wieder neu belebt worden. Auf den Friedhöfen, obschon diese jetzt weit außerhalb der inneren Stadt liegen, geht es am hl. Abend lebhaft zu. Tannenbäume und Lichterkronen brennen auf vielen Gräbern, ein Zeichen, daß die Liebe nimmer aufhört.
Wie schon erwähnt, fand in München am zweiten Weihnachtsfeiertage, dem Tage des Erzmärtyrers Stephan, der Stephansritt statt.
Denn dieser Heilige ist, außer dem heiligen Leonhard und dem heiligen Wendelin, der Hauptpatron für das Vieh, zumal für die Pferde. An seinem Feste ließ man darum den Pferden zur Ader oder ritt sie um eine Stephanskirche herum, wie dies in München um die Stephans- kirche des alten (südlichen) Friedhofes geschah.
Die Nächte zwischen Weihnachten und Dreikönig führen gemeinsam den Namen „Rauhnächte" oder „Rauchnächte" und gelten sämtlich als zum „Lössln" geeignet. Um z. B. zu erfahren, ob ein Verschollener noch am Leben ist, bindet der Fragende in einer der Rauhnächte einen Ring an einen Faden und nimmt diesen zwischen die Finger, indem er sich vor den Tisch stellt. Auf den Tisch sind ein Stück Brot und ein Häufchen Erde gelegt; neigt nun der zwischen den Fingern baumelnde Ring sich nach dem Brot, so lebt der Verschollene noch — i im andern Falle ist er tot. Vollends am letzten Tag des alten und ersten Tag des neuen Jahres, tritt alter Brauch und Glaube, auch Aberglaube in sein Recht. Nachdem in den Kirchen feierlicher JahreS- fchluß stattgefunden hat, gibt es allerorten fröhliche Silvesterfeiern mit Punsch und Krapfen. Auch wird mit großem Lärm um Mitternacht das neue Jahr angeschossen. Aber daheim im Stübchen legt vielleicht Mancher oder Manche sich einen geweihten Gegenstand unter das Kopfkissen, weil es heißt, daß einem dann das Erleben des neuen Jahres träumt. Oder ein Mädchen übt einen von den schicksalskündenden Bräuchen, die in der Silvesternacht gang und gäbe sind. Eine Art, um zu erforschen, welcher Art der künftige Gatte sein würde, war folgende: Am Neujahrsmorgen stellte sich das Mädchen früh vor die Haustüre, einen vom Christabend aufbewahrten Apfel schälend. Wer dann zuerst vorbeiging, ein Schuster, Schlosser, Schreiber usw. aus dessen Stande sollte ihr Liebster sein. Es galt und gilt auch noch für wichtig, wer Einem am ersten Januar zuerst begegnet. Alte und Kranke sollen Unglück bringen, Kinder und junge, schmucke Leute Glück.
Das Neujahrsingen ist, wie überhaupt das Singen und Klöpfeln dieser Festzeit, aus München verschwunden; ehemals war es allgemeiner Brauch. Die schönen alten Lieder, die dabei gesungen wurden, bezogen sich alle auf die gnadenreiche Geburt des göttlichen Kindes, auf das neue Jahr, „das uns hereingeht", außerdem enthielten sie Wünsche für sämtliche Hausgenossen. Solch ein Lied möge hier am Schlüsse im Auszug stehen:
„Wir treten einher ohn' alles Gefahr,
Wir wünschen euch Allen ein glückseligs Neujahr,
Ein neues Jahr, eine gute Zeit,
Die uns Gott Vater vom Himmel geil.
Wir wünschen Euch einen goldenen Tisch^
An jedem Eck ein' gebackenen Fisch
Und in der Mitten ein GläSlein Wein,
Das soll euch wohl bekommen sein!
Wir wünschen euch zum neuen Jahr
Ein neugebornö Christkindl mit krausem Haar.
Wir wünschen Gesundheit für Klein und Groß,
Gott behüt' eure Truhn, eure Rinder und Roß;
Und daß wir aufs Jahr wieder kommen gegangen,
Und daß wir uns Alle mit Freuden empfangen.
Sprecht Amen, sprecht Amen! das werde wahr:
Gott führ' uns allsammen zur himmlischen Schar!