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Sagen & Geschichten

Außerhalb der Tore

Vom heiligen Berg Andechs

Raff - So lang der alte Peter... (Seite 190)

Vom heiligen Berg Andechs

Über dem Ammersee ragt er auf, umrauscht von allen Quellen deutscher Vergangenheit. Schon zu Karls des Großen Zeit hätte eine Veste auf dem Berg gestanden; die Sage nennt Burg Andechs als die GeburtSftätte Ludwigs des Frommen. In ungewiffem Dämmer der Vorzeit verliert sich das Edelgeschlecht, das zuerst hier oben hauste; einer Überlieferung nach sollen es die tirolischen Grafen von Taur, deren Hauptsitz zwischen Hall und Innsbruck lag, aus deren Stamm der heilige Romedius (im vierten Jahrhundert) entsproffen war, gewesen sein. Beurkundete Besitzer von Andechs sind seit Ausgang des zehnten, Beginn des elften Jahrhunderts nach Christus die Grafen von Dieffen-AndechS.

Die Geschichte dieses Hauses böte Stoff für einen historischen Roman, sowohl was die bewegten äußeren Schicksale, als die seelischen Besonderheiten der Andechser betrifft. Zu höchsten geistlichen und weltlichen Ehren sind die einen gelangt; blutig und gewaltsam haben andere geendet. Von dem so mächtigen als frommen Grafen Raffo, dem Sohne Ratolds und AdalonaS, ist schon erzählt worden. Die Heiligtümer, die er mit päpstlicher Genehmigung nach Bayern brachte, wurden nach seinem Tode bei der Zerstörung des von ihm gegründeten Klosters nach Andechs gerettet; die mitgeflüchteten Mönche von Wörth bewachten sie, bis später die Mönche von Seeon (auch Kloster Seeon hatten im 10. Jahrhundert die Ahnen der Andechser gestiftet) dies Amt über- nahmen. Graf Berthold II., der Begründer des Klosters Dieffen, wird als erster Stifter eines Klosters auch auf Andechs bezeichnet. Ein vorheriger Versuch Bertholds, die Reliquien nach Seeon zu übertragen, soll daran gescheitert sein, daß die Pferde plötzlich erlahmten. Graf Berthold ist der Vater der seligen Mechtildis, deren goldene Haarlocke in die Wetterglocke des Klosters Dieffen mit hineingegoffen worden wäre und ihr segnende Kraft verliehen hätte. Als nach der Säkularisation das wilde Feuer in die Kirche schlug, der Turm abbrannte und die Glockenmaffe glühend herunterrann, sei die Haarlocke der Seligen unversehrt zum Vorschein gekommen.

Inzwischen stieg die Machtfülle der Grafen von Andechs so, daß sie beinahe der der bayerischen Herzoge gleichkam. Nicht nur zwischen Lech und Isar, auch am Inn, an der Donau, und in Franken, wo die Plaffenburg ihnen gehörte, waren sie begütert, ferner in Burgund, Italien, Kärnten und Steiermark, Dalmatien und Kroatien. Die letzteren Besitzungen wurden als „Herzogtum Meranien" zusammengefaßt. Herzog von Meranien und Markgraf zu Istrien nannte sich schon Berthold IV., der 1188 starb und dem ein so bedeutsames Geschlecht entsproß. Die älteste Tochter war die hl. Hedwig, Herzogin von Schlesien und Polen; die andere, Gertrud, ward Königin von Ungarn und Mutter der hl. Elisabeth; sie starb ermordet. Königin Gertruds Schicksal ist poetisch behandelt in Grillparzers Drama „Ein treuer Diener seines Herrn". Tragisch fiel auch das Los der schönen und fühlsamen Agnes, die von König Philipp II. Augustus von Frankreich geliebt und zur Ehe begehrt wurde. Als sie einst — so erzählt die Legende — in der Burgkapelle vor dem den Hochaltar schmückenden Kruzifixus um die Erfüllung ihres Herzens- Wunsches gebetet hatte und darüber in Schlummer sank, wäre ihr im Traum der Gekreuzigte erschienen und hätte gesprochen: „Kröne mich mit der Dornenkrone". Bald hernach ward die Vermählung vollzogen, und Agnes kam nach Frankreich. In Paris aber ward ein großer Teil von der Dornenkrone des Erlösers aufbewahrt; die hätte der hl. Germanus im sechsten Jahrhundert dorthin gebracht. Da Agnes das Heiligtum sah, gedachte sie an ihren Traum und auch daran, daß schon Ludwig der Fromme ihrem Ahnherrn ein paar Zweiglein davon geschenkt hätte. Mit Erlaubnis des Königs, den sie darum bat, ließ sie durch einen Benediktinermönch, Isaak aus Seeon, der ihr Begleiter gewesen, sieben Zweige der hl. Dornenkrone nach Andechs bringen. Damit widerfuhr der Burg und Kapelle großes Heil, aber der Königin Agnes war in Frankreich kein Glück beschieden. Vielmehr ward ihr die Krone gleichfalls zu einer Dornenkrone; denn ihr Gemahl, vom Papste gebannt, mußte sich von ihr trennen und feine widerrechtlich verstoßene Gattin Ingelberga zurücknehmen. Agnes, die — wie es heißt — in gutem Glauben gewesen, als sie den König ehelichte, starb ein Jahr nach der Trennung an gebrochenem Herzen.

Wiederholt hatten die deutschen Kaiser auf der Burg Andechs geweilt, Heinrich II., der Heilige, und Heinrich HI- während der Zeit seiner Minderjährigkeit. Die Gnade der Kaiser vermehrte den Heilig- tümerschah der Burg durch die drei wunderbaren heiligen Hostien, die als päpstliches Geschenk sich zu Bamberg befanden. Da Berthold des Vierten Bruder, Otto, Bischof von Bamberg war — wie nachmals Bertholds Sohn, Eckbert — so geht die kostbare Stiftung offenbar auf bischöfliche Fürbitte zurück.

Inmitten allen Glanzes brach Verderben über Andechs herein. Heinrich, der Sohn Bertholds IV., ward der Mitschuld geziehen an der Ermordung Kaiser Philipps (1208) durch Otto von Wittelsbach. Graf Heinrich, vor dem Kruzifixus in der Schloßkapelle betend, gleich seiner unglücklichen Schwester Agnes, sah acht Tage lang das Kreuzbild Blut schwitzen. Wenige Wochen später irrte er geächtet umher; sein Gebiet aber ward von den Kriegern Herzog Ludwigs I., des Kehlheimerö, verwüstet. Die Mönche auf Andechs vergruben, ehe sie flüchteten, den Reliquienschatz; nur jenes Kruzifir nahmen sie mit sich, um es nach Seeon zu bringen. Unterwegs, bei Forstenried, ward das Kreuz so schwer, daß sechs Pferde es nicht von der Stelle bewegen konnten. Daraus ward erkannt, daß hier die Stätte seiner künftigen Verehrung sei. Zwei Mönche, Isaak und Berthold, blieben bei ihm zurück; bald erhob sich über dem wundertätigen Kreuzbild von Forstenried ein Kirchlein und wurde daraus ein berühmter Wallfahrtsort.

Graf Heinrich, der wie sein Ahn Rasso ins heilige Land gepilgert war, kehrte heim, als seine Unschuld sich erwiesen hatte; doch starb er bald darauf. Vor seinem Tode noch empfing er den Besuch seiner Nichte, der heiligen Elisabeth, von der auch das Brustkreuz und ein Teil ihres Brautkleides, sowie andere Reliquien unter den Kleinodien des Kirchenschatzes bewahrt werden. Auf der halben Höhe des Berges Andechs fließt das St. Elisabethenbrünnchen, das durch ihr Gebet entweder erweckt oder so gesegnet worden sei, daß ihm vielfache Heilkraft zugeschrieben wird.

Bald nach Heinrichs Hinscheiden wurde die Burg angeblich völlig zerstört. Das Geschlecht der Andechser jedoch stand in hohen Ehren noch unter Otto VII., Heinrichs Bruder, der wie der gleichnamige deutsche Kaiser den Beinamen der Große erhielt, und Otto VIII., beide Herzöge von Meranien und Pfalzgrafen von Burgund. Mit Otto VIII. starben die Andechser aus (1248).

Auch die Wallfahrt zu den Heiligtümern auf Andechs schien auö- gestorben, bis eine blinde Frau von Widdersberg, durch ein Traumgesicht ermahnt, hinaufpilgerte, ihre Augen mit der Wurzel eines, aus den Trümmern des Kirchleins aufsproffenden Wachholderstrauches gerieben und alsbald das Augenlicht wieder erlangt hätte. Der wundersamen Erzählung, wie die Reliquien wieder aufgefunden wurden, ist schon im Zusammenhang mit dem „Münchner Gnadenjahr" Erwähnung geschehen. Fast vierzig Jahre sind die Reliquien in München verblieben, und eS heißt: die Münchner hätten sie gerne behalten, wenn nicht Wunderzeichen sie davor gewarnt hätten, — wie derln jede teilweise oder ganze Verpflanzung der Heiligtümer auf übernatürliche Art vereitelt worden wäre. Also kehrte 1428 der Schatz nach Andechs zurück, wo inzwischen die neue Kirche erbaut worden. Herzog Ernst errichtete bald darnach ein Benediktinerkollegiatstift auf dem „heiligen Berg", wie er von da an hieß. Albrecht III. machte aus dem Stift ein wirkliches Bcnediktinerkloster, und 1455 zogen, am Georgitag, die ersten Mönche aus Tegernsee droben ein. Der „heilige Berg", den Legende und Geschichte so mit unverwelklichery Grün umranken, erlangte und bewahrte einen hohen Ruf als der berühmteste bayerische Wallfahrtsort nächst Altötting. Allein im Pestjahr 1465 sind fünftausend Menschen hinaufgepilgert. Andechs überstand die Stürme des dreißigjährigen Krieges, wie es die des spanischen und österreichischen Erbfolgekrieges und auch die Säkularisation schließlich überwunden hat. Denn nachdem das Kloster 1805 aufgehoben worden, hat Ludwig I. es neu gestiftet und seiner Lieblingsschöpfung, der neugegründeten Benediktinerabtei St. Bonifaz in München, als Priorat einverleibt. Der Ruhm der Frömmigkeit und Gelehrsamkeit, der die alten Klöster des Ordens stets schmückte, ziert in hohem Maße auch das neuzeitliche zu München und seine Tochteranstalt auf dem heiligen Berge. —

Es weilt sich schön droben, als wandernder freundlich aufgenommener Gast. Bei einem kühlen Trunk aus der Klofterbrauerei rastet der Fremdling von den Eindrücken der Kirche mit ihren Wunderschätzen und der Erziehungsanstalt - denn ein Heim für verwahrloste Knaben ist mit dem Kloster verbunden. Weit schweift der Blick umher, zu den leuchtenden Gipfeln der Gebirgskette, auf die Seen und die Dörfer drunten, über die Ebene, in der München liegt. —

Auf dem Boden der Benediktiner, der frühesten Glaubensboten, ist „Munichen" erwachsen. Von benediktinischem Boden aus, hoch über der Welt, grüßen wir am Ende unseres Rundganges die traute Stadt.