Raff - So lang der alte Peter... (Seite 188)
Es war zur Zeit der letzten Karolinger ein Graf zu Andechs und Dießen mit Namen Rathold; das war ein arger Mann und grausamen Sinnes. Er hatte zur Ehe eine liebholde Frau, Adalona, eine Gräfin von Hohenwart: an der fuhr er so übel, daß sie, so geduldig sie war, es zuletzt nimmer ertrug, zumal da sie noch für ein zweites Leben Sorge zu tragen hatte. Also floh sie mit Angst und Wehklagen von dannen, gedachte Schutz zu suchen bei ihrem Bruder, der nicht gar zu weit entfernt wohnte; denn er war Pfarrherr im Dorf Gerezhausen nahe von Landsberg. Aber weil sie großen Leibes war, kam sie nur mühsam vorwärts; und ehe sie noch Gerezhausen und den dortigen Burgstall erreichte, am Fuße des Burgbergs, wo der Weg von Mühlhausen nach Gerezhausen führt, ward sie von den Wehen überfallen und genas eines Sohnes. Fromme Leute brachten die Mutter und das Neugeborene in das Haus des Pfarrers; da empfing das Kind die heilige Taufe und mit ihr den Namen Rasso.
Der Kleine ward zuerst bei seinem Ohm aufgezogen und zeigte sich gar verständig, auch wuchs er gewaltig an Gliedern und Leibesstärke. Darnach kam er in ritterliche Zucht, und nach der Schwertleite ward er den deutschen Königen Heinrich und Otto ein tapferer Kämpfer gegen die heidnischen Ungarn. Dafür wurde er Gaugraf des Husen- und Ammergaus; auch war seines Vaters Erbe, die Grafschaft Andechs- Dießen, ihm zugefallen. Weil aber fein Sinn noch eifriger nach den himmlischen Dingen stand als nach weltlicher Herrschaft, so trug er große Sehnsucht, die Stätten zu sehen, wo unser Heiland auf Erden gewandelt; darum geleitete er im Jahre 949 seine Base Judith, die Gemahlin des Bayernherzogs Heinrich I., auf ihrer Fahrt nach Rom und Jerusalem. Von da brachte er eine große Menge köstlicher Heil- tümer mit, die zu sammeln der Papst zu Rom ihm huldreich bewilligt hatte.
Als der Graf Rasso wiederkehrte von seiner Pilgerfahrt, da tat er sich der Waffen ab, gedachte nimmer zu Felde zu ziehen, vielmehr still in der Heimat zu bleiben und durch fromme Werke seine Sünden zu sühnen. Er besaß die Altenburg bei Andechs; auch die Sonderburg oder Sünderburg bei Schöngeising, wo vordem die Römer gehaust haben, soll ihm eigen gewesen sein. Am liebsten aber wohnte er auf der Rassenburg beim Dorf Wildenroth, von dem er gesagt haben soll: es liege ähnlich wie Bethlehem. Das Schloß aber ist sehr groß gewesen, und die Vormauern sind bis zu dem Turm gegangen, der heute zur Kirche von Höfen gehört, selbiger Zeit aber ein Wachtturm war. Einmal stand der Graf Rasso auf den Zinnen seines Schlosses und schaute auf die Stelle nieder, wo die Amper eine Insel bildet, die sie mit zwei Wasserarmen umschlingt. Da sprach der fromme Graf: „Dorthin, wo mein Speer fällt, will ich mir ein Klösterlein bauen." Dieweil er so sprach, erhob er gewaltigen Armes seinen Speer — andere sagen: seinen Streithammer — und schleuderte ihn über die Amper hinweg. Der Speer fiel nieder dort, wo heute das Kloster und die Wallfahrtskirche zu Grafrath steht. Alsbald begann Graf Rasso den Bau des Klosters an derselbigen Statt, und da es vollendet stand, übertrug er die Herr» schäft seines Gaus an seinen Sohn Friedrich. Er selbst aber trat als Laienbruder in das Kloster, das er gestiftet und weihte sein Leben fortan dem Dienste Gottes und den Werken der Buße und Mildtätigkeit, bis er Anno 954 im Rufe der Heiligkeit verstarb.
Das Kloster wurde schon im Jahr nach seinem Tode von den Ungarn zerstört. Die Heiligtümer, die er aus Jerusalem und Rom gebracht und dem Kloster vergabt hatte, wurden mit Not noch geflüchtet aus die Burg Andechs. Es heißt, daß die Ungarn auch das Grab des Seligen zerstören wollten, aber daß sie, wie mit Blindheit geschlagen, es nicht fanden. Hernach bauten Raffos Nachkommen eine Kirche über dem Grab und schenkten sie dem Kloster Dieffen; das Kloster Dieffen, auch von den Andechsern gestiftet, baute im 17. Jahrhundert an die Grab- und Wallfahrtskirche ein neues Klösterlein und später die heutige neue Kirche.
Dort in der Kirche zu Grafrath, das nach seinem Namen also benannt ist, steht des seligen Grafen Grabmal mit seinem Steinbild. Auf dem Hochaltar werden seine Gebeine verwahrt, woran zu erkennen, wie stark und mächtig von Gliedern er gewesen ist; um sie zu verehren und seine Fürbitte anzurufen, kommen noch häufig Wallfahrer dorthin. An der Stätte aber, da er im Freien geboren worden, unterm Burgsel bei Gerezhausen, steht eine steinerne Säule, darin eine Tafel, die gleichfalls das Bild des seligen Raffo und daneben das seiner Mutter zeigt. Welche von den Anwohnern des Lechrains nach Grafrath kirchfahrten gegangen sind, die halten, wenn sie vom Grabe Raffos zurückkehren, ihre letzte Rast und ihre letzte Andacht gern bei seiner Geburtsstatt, oder sie machen es umgekehrt.