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Sagen & Geschichten

Außerhalb der Tore

Wolfratshausen - Die heilige Edigna zu Puch

Raff - So lang der alte Peter... (Seite 187)

Wolfratshausen - Die heilige Edigna zu Puch

Die Jungfrau Edigna war eines mächtigen Königs Tochter aus Frankenreich. Ihr Vater wollte sie einem reichen Fürsten vermählen; sie aber mochte keines Mannes sein, denn sie hatte sich Gott allein gelobt und diente ihm mit Fleiß. Sie hatte einen Hahn, der weckte sie in aller Frühe durch sein Krähen, da stand sie alsbald auf und betete und rief mit einem silbernen Glöcklein auch ihre Gespielinnen zum Gebet. Ihr Sinn aber stand nach der Einsamkeit, und sie sehnte sich weit hinweg vom Prunk des Hofes. Drum lag sie ihrem Vater an mit Bitten, bis daß er sie ziehen ließ. Und zog aus auf einem schlechten Wagen, davor zwei Ochsen gespannt waren, und nahm nichts mit sich als ein härenes Gewand, ihren Hahn und ihr Glöcklein. Sie vertraute aber, daß Gott ihr den Ort anzeigen werde, wo sie fürder bleiben sollte; wenn sie dahin gelangte, sollte ihr Hahn krähen und die Glocke von selbst läuten — dies Zeichen hatte sie von Gott erbeten.

So fuhr sie viele Tage und kam in deutsches Land, dahin, wo die Bojoaren hausten. Durch ein waldiges Tal fuhr sie, darin ein schönes grünes Waster floß, die Amper geheißen. Von dem langen Weg aber ward die Fürstentochter müde und schlief ein. Da war ihr, als hätte der Hahn gekräht und das Glöcklein geläutet; sie wachte auf und fragte ihren Fuhrmann, ob er nicht den Hahn hätte krähen und die Glocke läuten hören? Der Fuhrmann sprach ja und wies ihr die Statt, wo

beides geschehen sei. DaS war an einem Hügel, der heute zum Dorf Puch gehört, und es stand eine hohe dickstämmige Linde darauf. Da hieß Edigna den Fuhrmann umkehren nach der Stelle — denn sie waren schon vorbeigefahren — und stieg ab an dem Hügel und sandte den Wagen hinweg. Wie sie zur Linde schritt, fand sie den einen der zwei Hauptäste hohl; darin machte sie sich ein Bette von MooS und wohnte dort fünfunddreißig Jahre und diente Gott mit Gebet und Bußübungen. Das Volk umher aber hielt sie in hohen Ehren, denn sie tat allen Gutes und spendete Rat und Trost jedem, der zu ihr kam, verkündete oft auch verborgene und zukünftige Dinge. Morgens und abends läutete sie ihr ■ Glöcklein, um die Waldleute zum Gebet zu mahnen. Sie lebte nur von Wurzeln, Kräutern und Milch; die Milch erhielt sie aus einer Schwaige, die unweit des Berges stand, denn das Dorf war noch nicht da.

Einmal kam ihr Vater aus Frankenreich dahergefahren, der hatte Sorge, wie es seinem Kind etwa erginge in der Wildnis und fragte, ob sie nicht wieder heimkehren wollte mit ihm. Aber die heilige Edigna mochte nichts mehr wissen vom Glanz der Krone und bat, daß er sie lassen sollte, wo sie Frieden gefunden. Da gab er sich drein, und sie blieb wohnen in der Linde, bis sie selig verstarb, zu großer Trauer des Landvolks umher, das den heiligen Leichnam an selbiger Stelle bestattete. AuS der Linde floß hernach ein heilsames Ol; aber als geizige Menschen es um Geld verkaufen wollten, vertrocknete es alsbald.

Darnach, da sich immer mehrere dort angesiedelt hatten und ein Kirchlein erstand, wurden die seligen Gebeine erhoben und in das Kirchlein verbracht, wo auch Edignas Glocke lange Zeit gezeigt ward. Zahlreiche Votivbilder, sowie wächserne Abgüsse von Gliedern und Tieren bezeugen das Vertrauen, das die Umwohner in Edignas Fürbitte setzen. Bei Viehseuchen zumal wird sie häufig angerufen. Die Linde ist heutzutage umfriedet, und darin steht eine zierliche Bildfigur der heiligen Edigna. Zwischen den Zweigen sind kleine Engel angebracht, weil in den langen Jahren ihrer Einsamkeit die Heilige von Engeln bewacht und behütet worden.



 Edigna