Raff - So lang der alte Peter... (Seite 184)
Lange Zeit war um den Würmsee herum nichts als Wald und moosige Aue; Fischer und Bauern wohnten dort. Das Dorf, das am Rande des Sees mählich entstand, hieß Aheim; die Burg, die es auf einer Höhe überragte, hieß nach dem Namen ihrer Besitzer, der Edlen von Starenberg. Sie verarmten und verzogen bald; zu Ende des 14. Jahrhunderts ward das Schloß Eigentum der Herzoge von Bayern. Herzog Ernst und Herzog Albrecht IV. weilten hier gern. Albrecht V. ließ im Schloßgarten ein prächtiges „Sommer- oder Fürstenhaus" erbauen, hatte auch auf dem See eine eigene Luftflotte, darunter „eine königliche Fregatte, drei Schiffe von Lärchenholz mit eichenen Säulen darauf, Gondeln nach Venediger Art, alles zierlich geschnitzt, bemalt und vergoldet". Er fuhr oft auf dem See, geriet einmal (1575) in das „groß Hagelwetter, das zu Starnberg gewest, hat die leut undt das Schiff jämmerlich abklopfft, aber dem Herzog, Gott lob, nichts geschehen."
Die hohe Zeit für den Würmsee oder, wie er später hieß, den Starnbergersee, brach jedoch erst an unterm Kurfürsten Ferdinand Maria, deffen schöne prachtliebende Gemahlin Henriette Adelaide auf dem See „das größte Vergnügen der Welt" genoß.
Für den Aufenthalt des Hofes am See wurde ein eigenes Prunk- und Staatsschiff gebaut, von venetianischen Baumeistern, darunter Francesco Santurini. Als Muster diente ihnen das berühmte Staatsschiff, das den Dogen Venedigs an feierlichen Tagen hinaus auf die Adria trug: der Bucintoro. Aber der jüngere bayerische Namensvetter übertraf seinen Vorgänger um eines Stockwerks Höhe, wie auch an Glanz der Ausstattung. Ringsum war das Schiff mit Sirenen, Na- jaden und Tritonen bemalt; diese Gemälde sowie die in den Kajüten stammten von Joh. Spielberger aus München. Am Vorderteil schwang Neptun, auf einem Delphin thronend, seinen Dreizack; ferner war da der die Himmelskugel tragende Atlas (ein Werk Kaspar AmortS), sowie im Saal eine Statue des Herkules. Ein giebelförmiger Aufbau mit zwei vergoldeten Löwen und einer vergoldeten Laterne krönte die oberste Galerie; eine vergoldete Pallas vom Bucintoro befindet sich noch im Nationalmuseum, wo auch die Abbildung des Schiffes zu sehen ist.
Es hatte zwei Segel, wurde aber durch hundert Ruderer, die in die bayerischen Farben gekleidet waren, hauptsächlich bewegt. Dem prächtigen Anblick, den es mit seiner Bemannung und den glänzenden Fahrgästen sicherlich gewährte, scheint allerdings die Seetüchtigkeit des Fahrzeugs nicht völlig gleichgekommen zu sein. Denn bei den auf dem See sich häufig und jäh erhebenden Winden war es mit seinem Tiefgang von nur drei Fuß ein hilfloser Spielball für Sturm und Wellen. Dieser Fehler in der Bauart kam wahrscheinlich von dem irrigen Glauben an verborgene Felsklippen im See, der schon im 16. Jahrhundert bei den ersten Segelschiffen mit Masten, die für den Würmsee erbaut wurden, sich äußerte. Jedenfalls geriet 1669 der Kurfürst mit seiner Gattin auf dem Staatsschiff bei stürmischem Wetter in augenscheinliche Lebensgefahr. Sie hatten samt ihren Kindern auf dem Wasser, nahe bei Possenhofen, gespeist, als unvermutet der Sturm sich erhob und den Bucintoro, der obendrein sehr breit war und einen Flachboden ohne Kiel hatte, mit größtem Ungestüm hinaus in den hochgehenden See trieb. Zum Glück sah dies vom Gestade der Fischer Georg Schropp, sprang, da das Schiff gegen seine Behausung getrieben wurde, bis an den Hals ins Wasser und half den Gefährdeten glücklich ans Land, wo dann die fürstliche Familie in seinem Fischerhäusl sich trocknete und bis nach Ablauf des „groben Unwetters" verblieb.
Vermutlich hat der wackre Fischer, dem übrigens sogleich eine Gnade versprochen ward — er erhielt dann später den „Steurmaisterdienst" zu Starnberg — im Stillen seine Betrachtungen angestellt über das Befahren oberbayerischer Gebirgsseen mit venetianischen Prunkschiffen, und im letzten Herzensgründe hat er möglicherweise den herrlichen Bu- cintoro für ein „Gelump" erklärt.
Die glänzenden Feste auf dem See nahmen jedoch ihren Fortgang: es gab Konzerte, Feuerwerke, Tanzbelustigung, Spielpartieen, ja sogar Hirschjagden auf dem Waster. Hierzu wurde aus den Wäldern bei Berg der Hirsch aufgescheucht und in den See gesprengt; die Hunde schwammen ihm nach. Der Bucintoro und sein Gefolge kleinerer Schiffe waren in drei Reihen schlachtmäßig aufgestellt; man sah von Bord aus, wie der gehetzte Hirsch ermattete: schließlich wurde der mit dem Tode Ringende durch einen Schuß oder Partisanenftoß zur Strecke gebracht. — Eine solche Jagd fand statt im Jahre 1722, als Max Emanuels ältester Prinz, nachmals Kurfürst Karl Albrecht, sich mit der KaiserS- tochter Marie Amalie vermählte.
Karl Albrecht, gleich seinem Vater ein besonderer Freund des Starnberger Sees, war übrigens der Letzte, der auf dem Bucimoro den Starnberger See befuhr. Mit ihm nahm die Zeit der Glanzfeste auf dem See ihr Ende; 1758 ward das Prunkschiff abgebrochen.