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Sagen & Geschichten

Außerhalb der Tore

Wie Karl der Große geboren ward (Mühlthal bei Starnberg)

Raff - So lang der alte Peter... (Seite 182)

Wie Karl der Große geboren ward (Mühlthal bei Starnberg)

Pippin der Frankenkönig hielt eine Zeit lang Hof auf der Burg Weihenstephan bei Freising. Da gedachte er sich zu vermählen und ließ werben um eines mächtigen Fürsten Kind aus Schwaben, die war geheißen Bertha und hoch gepriesen um ihre Schönheit und Tugend. Der König sandte nun seinen Hofmeister, einen seiner ersten Ritter, die Braut zu holen; da nahm sie -weinenden Abschied von ihren Eltern und folgte dem Gesandten. Außer ihrem Brautschatz führte sie mit sich ihr Lieblingshündlein und ihr Wirkzeug, denn im Weben, wie im Spinnen kam ihr keine gleich.

Der Hofmeister aber war argen Herzens und gedachte, dem König anstatt der fürstlichen Braut seine eigene Tochter unterzuschieben, die jener ähnlich sah. Darum ließ er, ehe sie das letzte Nachtlager auf der Reise hielten, das Gefolge vorauf ziehen und nächtigte mit der ihm Anbefohlenen und zweien seiner vertrauten Knechte in der liefen Wildnis zwischen dem Würm- und Ammersee. Als Jungfrau Bertha kaum eingeschlasen war, mußten die Knechte sie ungestüm aufwecken und ins liefe Dickicht führen; die Arme folgte ihnen voll Schrecken, gehüllt in «in schlichtes Gewand, das der Hofmeister ihr anstatt der königlichen Kleider vor ihr Lager gelegt hatte. Ihr treues Hündchen lief ihr nach. Da sie zu tiefst im Walde waren, wollten die Knechte sie töten, wie von ihrem Herrn ihnen geboten war. Aber Bertha bat so flehentlich, daß die Knechte sich über ihre Jugend und Schönheit erbarmten und sie leben ließen. Nur mußte sie ihnen mit einem teuren Eide geloben, daß sie nie wieder in ihre Heimat trachten wollte, auch keinem ihren Stand und Namen aussagen wollte, noch was ihr geschehen sei. Als sie das beschworen hatte, töteten die Knechte statt ihrer das Hündlein und brachten sein Herz und seine Zunge sowie das von seinem Blut bespritzte Oberkleid Berthas dem Hofmeister zum Wahrzeichen, daß sie die Jungfrau umgebracht hätten. Da ward der arge Mann voll Freude, nahm die königlichen Gewänder Berthas und tat seine Tochter, die er in der Nähe verborgen hatte, damit an. So führte er sie dem König Pippin zu. Dem deuchte sie nicht so schön als das Bildnis, das ihm zuvor von ihr gezeigt worden, doch löste er sein Königswort ein und nahm die falsche Braut zu seiner Gemahlin.

Die verlaffene Bertha hielt sich in der Wildnis verborgen so lange, bis bitterer Hunger sie zu Menschen trieb. Sie irrte lange umher, ehe sie einen Köhler fand, der sie aus dem Walde heraus nach der Reis- mühle bei Gauting führte; da bat sie den Müller, ihr Obdach zu gewähren als einer Magd. Dort im Hause blieb sie, und es reute den Müller nicht, daß er sie ausgenommen, denn sie fertigte wunderschönes Gewirk aus Gold und Seide: das trug der Müller gen Augsburg und verkaufte es den Händlern um gutes Geld. So schwanden Jahr und Tag dahin.

Einst kam der König Pippin in jenem Walde zu jagen und verirrte sich darin, so daß er sein Gefolge verloren und niemand bei sich hatte als seinen weisen Arzt und Sterndeuter nebst einem Knecht. Zuletzt fanden sie denselbigen Köhler, der führte sie, wie er Bertha geführt, zur Reismühle, damit sie dort nächtigten und sich erquickten. Am Himmel zogen die Sterne auf; der weise Meister blickte empor und sprach zu Pippin mit Staunen: „Herr, Ihr sollt noch diese Nacht von Eurer Hausfrau einen Sohn gewinnen, vor dem die Christenkönige und die Heidenkönige sich neigen." Da sprach Pippin: „Wie kann das sein? Meine Hausfrau und meine Burg sind weit." Der Sterndeuter ging noch einmal hin, beschaute das Firmament und sprach: „Herr, es ist so: Ihr werdet diese Nacht bei Der sein, die Eure rechte Hausfrau ist und schon lange war." Alsbald bedrängte Pipin den Müller, daß er sagen sollte, wer außer ihm und den Seinen noch im Hause wäre? Der Müller gestand zuletzt: es sei schon sieben Jahre bei ihm eine engelschöne Jungfrau verborgen, die laffe sich vor keinem Menschen sehen. Da mußte die Jungfrau herfürgehen, und als Pipin sie ansah, erkannte er, daß sie seinem Weibe glich, aber noch mehr dem Bildnis der edlen Maid Bertha, das ihm einst gesandt worden. So beschwor er sie, ihm zu sagen, wer sie sei, denn in den Sternen stehe geschrieben, daß sie sein ehelich Weib. Darauf schwieg sie und weinte — er aber gewahrte an ihrer Hand den Brautring, den er ihr durch seinen falschen Hofmeister geschickt hatte. Alsbald hielt er sich nicht länger, sondern umfing sie minniglich. Sie aber bat ihn, nicht mehr in sie zu dringen mit Fragen, denn ihr Mund sei mit dreifachem Siegel geschloffen.

Am Morgen, da er ungern schied, nahm Pippin den Müller beiseite und sprach zu ihm: „Ich muß nun zu Felde ziehen wider die Sachsen; pflegt meiner Fraue wohl, und bringt sie mir ein Kind, so sendet mir Botschaft: einen Pfeil, wenn es ein Knabe, eine Spindel, wenn es ein Mädchen ist!" Darnach ritt er von dannen.

Während er zu seinem Heereszug rüstete, erstand er von augsburgi- schen Händlern ein köstliches Geweb für sein KönigSzelt; das war aus bunten Seiden und Gold gewirkt und stammte von Berthas eigener Hand. Darauf hatte sie ihre Geschichte dargestellt: wie der Hofmeister sie aus ihrer Eltern Burg geführt hatte und dann den Mördern überantwortet, und wie sie, um das Leben zu behalten, ihnen den teuren Eid schwören gemußt. Ihr Bild und das des bösen Hofmeisters waren deutlich erkennbar; und je mehr der König die Schilderei ansah, desto klarer ward ihm, welche Untat da geschehen war.-Sogleich ließ er die beiden Knechte heimlich zu sich berufen und bedräute sie, bis sie nieder» fielen und alles gestanden. Da versammelte Pippin seine Räte und auch den Hofmeister; denen erzählte er die Missetat und fragte den Hofmeister vor allen, was einem gebühre, der solches verbrochen hätte. Der Hofmeister erblaßte und zitterte und wollte sein eigenes Urteil nicht sprechen. Die Räte aber, vor denen der König ihn anklagte, verdammten ihn zum schmählichen Tode. Seine Tochter, die falsche Königin, ward in strenge Haft genommen, wo sie vor Gram bald hernach starb.

Pippin aber zog zu Felde, und es währte Jahr und Tag, bis er siegreich aus dem Sachsenkrieg wiederkehrte. Da kam ihm, als er der Heimat sich näherte, schon der Müller entgegen und reichte ihm einen Pfeil, zum Zeichen, daß die schöne Berta ihm einen Knaben geboren. Da ward Pippin fröhlich und hieß all seine Edlen und Ritter mit ihm reiten nach der Reismühle, um ihre Königin in Ehren abzuholen. An der Türe der Mühle bot ihnen Frau Berta Willkommen und reichte dem König seinen Sohn dar. Und er führte sie und ihr Kind mit großem Jubel nach Weihenstephan — da wurde sie als Königin gekrönt und ihr Knäblein getauft und Karl genannt. Also behielten die Sterne recht, und Karl der Große ward ein Held, vor dem sich Christenheit und Heidenschaft in Ehrfurcht neigten.



 Karl der Große