Raff - So lang der alte Peter... (Seite 179)
Der Gafteigpudel ist ein Gespenst, das sich allnächtlich um die Geisterstunde auf dem Gasteig bei Wolfratshausen umtrieb. Es hat das Aussehen eines kohlschwarzen Pudels von mittlerer Größe mit feurigen Augen; wie etliche behaupten, schleift er eine-lange feurige Kette nach sich. Aus der Schlucht zwischen dem Schloßberg und dem anderen Bergl, an dem die Münchner Landstraße hinanführt, kommt der Gasteigpudel oder — mit dem Volksmund zu sprechen: Gastabudl — hervor, klimmt das Bergl empor und erscheint auf der Straße. Gar manche wisien vom Schrecken zu erzählen, den er ihnen eingejagt; zumal in den Erinnerungen alter Floßknechte, die sich auf dem Heimweg von München verspätet und bei später Nacht erst den Gafteig beschritten hatten, spielte der Gastabudl eine Hauptrolle.
Einmal aber gingen mehrere Wolfratshauser Bürger von Starnberg spät nach Hause: es war stockfinster, und sie nahmen daher in Dorfen eine Laterne zu leihen. Wie sie auf den Gafteig kommen, läuft etwas vor ihnen in einiger Entfernung her, schwarz und vierfüßig, ähnlich einem Hund. „Aha!" riefen sie durcheinander. „Dös iS meinoad da Gastabudl!" — „Nacha is's also wirkli wahr?" — „Den müaß 'ma derlösn!" Also Huben sie den bekannten frommen Spruch an: „Alle guten Geister loben Gott den Herrn; sag an, Geist, was ist dein Begehrn?" — Aber das schwarze Ding lief dahin, redete und deutete nichts; die Bürger, mit ihren Stöcken und der Laterne, liefen mutig hinterdrein. Wie sie am Fuß des Bergls angekommen sind, verschwindet das Gespenst — hast du nicht gesehen? — in einem Hof, der zu einem Hause gehört. Da haben es die Männer endlich erwischt, und siehe: es war ein friedlich grunzendes Schwein! und die Frau vom Haus rief aus dem Fenster: was denn los fei? ob sie ihr vielleicht die Sau mehgern wollten mitten in der Nacht? — Da zogen die Wackeren beschämt davon.
Trotz dieser mißglückten Erlösung muß aber der Gastabudl endlich Frieden gefunden haben; denn man hört schon lang nichts mehr von ihm.