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Sagen & Geschichten

Außerhalb der Tore

Die Birg bei Hohenschäftlarn

Raff - So lang der alte Peter... (Seite 178)

Die Birg bei Hohenschäftlarn

Auf der Straße von Wolfratshausen her nach Schäftlarn hat einst vielhunderifacher rüstiger Männertritt gedröhnt: als die Oberländler von Tölz, von Benediktbeuren, von Starnberg sich sammelten zur Befreiung Münchens von der österreichischen Zwangsherrschaft. Zu Hohenschäftlarn und Kloster Schäftlarn war der Sammelplatz in jenen verhängnisvollen Dezembertagen 1725; von hier zogen die vielen Tapferen in Kampf und Tod. —

Östlich von der Ortschaft, jenseits der Landstraße, führt durch den Wald der Fußweg von Schäftlarn nach Baierbrunn. Zwischen den Stämmen wölben sich keltische Hochäcker; aus keltischer Zeit stammle wohl schon das verschanzte Lager, das hier oben über der Isar lag. Die Römer kamen ins Land, bauten die Birg aus als Kastell mit Wällen und Gräben, benützend, was vorher war und was die Natur hergab. Ein bayerisches Rittergeschlecht späterer Zeit machte seine Burg daraus. Von ihrem Ende handelt die Sage, die hier, an der Stätte uralter Vergangenheit, lebendig ist:

In der Birg wohnte ein Ritter, namens Sachsenhäuser; er war der Sohn eines Tyrannen, welcher die Leute erschoß, wenn sie auf Flößen auf der Isar herabfuhren. Die Birg wurde einst belagert, konnte aber nicht genommen werden, bis eine alte Frau von Baierbrunn den Belagerern den Rat gab, das Waffer abzugraben. „Gebt," sagte sie, „einem Roß drei Tage lang kein Waffer, dann wird es die Quelle finden." Die Belagerer befolgten den Rat: das dürstende Pferd scharrte und fand die Quelle; da wurde an dieser Stelle die Waffer- leitung der Birg abgegraben. Die Belagerten hatten kein Waffer mehr und mußten sich ergeben. Der besiegte Sachsenhäuser zog in das Kloster Schäftlarn, um dort bußfertig zu enden. Am Jahrestag, da solches geschehen, nämlich am Tage Pauli Bekehr, haben vormals die Klosterherren ein Erinnerungsfest gefeiert: sie hielten am Vormittag in der Kirche einen Gottesdienst ab, darnach ließen sie drei Banzen Bier für die armen Leute laufen und teilten Hefennudeln an sie aus.

Die Alte aber, die den Rat gegeben hatte, mußte nach ihrem Tod geistern und ist als „Birgweibl" Vielen erschienen. Sie ist von kleiner Gestalt, schlecht gekleidet; auf dem Kopf trägt sie einen Strohhut, in der Hand einen Stock und einen Korb. Wenn sie von der Birg wegging, und es begegnete ihr jemand, dann fragte sie jedesmal um den Weg nach Baierbrunn; ging sie aber gegen die Birg zu, so fragte sie, wo der Weg nach Schäftlarn geht. Aber sie kam niemals weder dahin noch dorthin, denn sie ist in die Grenzen der Birg gebannt und kann darüber nicht hinaus.