Raff - So lang der alte Peter... (Seite 174)
Weil Neuhausen — wohl im Gegensatz zu der älteren Ansiedlung, die schon bestand, heißt es hier „bei den neuen Häusern" — bis vor einem halben Jahrhundert eine Filiale der Pfarrei Sendling war (gleich Schwabing) soll in diesem Zusammenhang von ihm berichtet werden. —
Nahe dem heutigen Rotekreuzplatz steht, ein Wahrzeichen, daß hier ehemals das kurfürstliche Jagdgehege begann, das kleine halbverfallene Jagdschlößchen des Kurfürsten Karl Albrecht, das durch sein verblaßtes Freskogemälde noch setzt die Augen auf sich zieht. Schräg über davon ragt ein schlichtes Brunnendenkmal: auf romanischer Säule ein Mann im Reisegewand, mit treuherzig frommer Gebärde an ein Saumtiergelehnt. Das ist der selige Winthir.
Ursprünglich hieß es: der fromme Mann, der als ein Säumer an den Strand der Isar gekommen, sei aus edlem fremdländischen Geschlechte gewesen und hierher eingewandert, um in dem zum Teil noch heidnischen Niuwenhusir (Neuhausen) das Evangelium zu predigen. Wahrscheinlich hing er irgendwie zusammen mit den irisch-schottischen Mönchen, die im siebenten Jahrhundert schon und zwar meist als scheinbare Händler, Säumer, Kaufleute, die Lande durchzogen und den Glauben verbreiteten. Das Vorhandensein einer Handelsstraße, wie es die von Reichenhall herkommende, über die Isar, Munichen und Pasing nach Augsburg führende Salzstraße war, bestimmte naturgemäß den Gang solcher Glaubensboten. Winthir, dessen Auftreten in das achte Jahrhundert fallen dürfte, baute sich, wie die Legende berichtet, eine einfache Klause hier zwischen den Angern und verbrachte darin sein Leben mit Gebet und Werken der Wohltätigkeit. Sogar von Wundern, die er gewirkt habe, meldet die Überlieferung. Da er starb, wurde er an der Kirchenmauer bestattet in einem steinernen Sarge, unter dem Wehklagen des ihn verehrenden Volkes. Als anno 1 <500 die Neuhauser Kirche vergrößert werden sollte, ward an der bezeichneten Stätte gesucht, und wirklich fand sich der Steinsarg mit Winthirs Gebeinen. Nun wurde die Wand der Epistelseite weiter hinausgerückt, sodaß WinthirS Gruft, über der später ein Altar sich erhob, in das Innere der Kirche zu liegen kam. Außerdem stand jahrhundertelang an der Wendlstraße in Neuhausen ein Stein, die sogenannte Winthirsäule, die vermutlich nur ein Markstein war, dem Volke aber als Wahrzeichen galt, daß hier die Klause stand, wo Winthir wohnte und predigte. Der Winthirstein, wie die Säule auch hieß, war lange Zeit ein Ort beständiger Andacht: in irgendwelcher Not und Bedrängnis flüchteten die Beter dorthin. Es hieß auch: durch Winthirs Fürbitte seien die Fluren umher von allen Hagelschlägen und sonstigen Weiterschäden verschont geblieben. Einmal soll ein reicher Bauer, der zu Neuhausen wohnte, es doch erlebt haben, daß ein Hagelschauer zerstörend über seine Felder ging; da hätte der Betroffene, der ein großer Geizkragen war, auf den seligen Winthir, als auf einen Betrüger, furchtbar gelästert und geflucht, sich auch daran gemacht, auö Rache den Winthirstein umzuftürzen. Mit Hacke und Spaten ging er ans Werk, aber ein Blitz traf ihn, daß er tot an der Stelle seines Frevels niederfiel.
Im 18. Jahrhundert fanden regelmäßig zu Neuhausen feierliche Winthirprozessionen statt unter Beteiligung einer großen Volksmenge, zuweilen auch des kurfürstlichen Hofes, denn seit 1715 gehörte die freie Hofmark Neuhausen zum Besitz der Wittelsbacher. Unter ihren frühen Eignern befanden sich, außer den Bischöfen von Freising und später dem Augustinerkloster zu München, zwei seitliche Abkömmlinge des herrschenden Hauses, Herzog Sigmunds natürliche Söhne: Hans und Sigmund Pfattendorfer. Eines der größten höfischen Feste hat übrigens in Neuhausen seinen Anfang genommen: die Hochzeit Wilhelms V. mit Renata von Lothringen. Hier im Dorf waren die beiden Gezelte geschlagen, wo am 21. Februar 1568 die feierliche Einholung der hohen Braut geschah. Herzog Wilhelm, der Bräutigam, von einem glänzenden Geleite umgeben, geführt von seinem Vater, Albrecht V. und dem Großmeister des Deutschordens, traf zuerst ein, harrte im Bräutigamszelt der Braut, die von Dachau herannahte, ebenfalls mit stattlichem Gefolge. Sie begab sich zunächst in das noch leere Gezeit, dann trat sie hinaus, und zwischen den zwei Zelten begegnete sich das Paar zur Begrüßung. Darnach, unter Geschützdonner und Glockengeläute, wogte der Zug in die Stadt, nach der Kirche Unserer l. Frau, wo das De Oeum gesungen ward.
Solche Pracht hat Neuhausen später nimmer gesehen, nur etwa einen Abglanz davon, wenn der Kurfürst hier mit seinen Begleitern eine Rast vor oder nach der Jagd hielt. Auch den Kreuzgängen zu Ehren des seligen Winthir machte der Beginn des 19. Jahrhunderts ein Ende. Doch wurde die Säule, die seinem Andenken galt, noch im Jahre 1S73 erneuert und erst, als der wachsende Verkehr in dem großgewordenen Orte ihre Entfernung ratsam erscheinen ließ, an die westliche Mauer des Friedhofes versetzt. Damit eö aber nicht etwa heiße: Aus den Augen, aus dem Sinn — steht dafür WinthirS neues Denkmal am Eingang der Vorstadt Neuhausen, nahe dem Hause des Roten Kreuzes, wo die Werke der christlichen Nächstenliebe unablässig geübt werden.