Raff - So lang der alte Peter... (Seite 172)
Räumlich ist es eine ziemliche Strecke von Schwabing nach Sendling. Aber da Schwabing einst zur Sendlinger Pfarrei gehört hat, ist der Schritt doch nicht zu weit. —
Auch Sendling ist alte Bajuwarenniederlastung, beurkundet seit 782. Bis in das 18. Jahrhundert waren im Reichental bei Obersendling die Ruinen der Burgen sichtbar, die das Edelgeschlecht der Sendlinger dort bewohnte. Auch eine Dingftätte (Gerichtsstätte) ist zu Sendling gewesen. In Untersendling war das Kloster Benediktbeuren begütert, dessen Besitzungen im 30 jähr. Krieg verheert wurden; ferner besaß das Gotteshaus St. Martin in Ottendichl den „Distelhof", aus dem dann ein adeliger Sitz und später der heutige Vergnügungtz- ort Neuhofen wurde. Jahrhunderte lang gehörte Sendling zur Pfarrei Thalkirchen, doch hatten Mitter- und Untersendling schon 1315 eigene Kirchen mit Freithöfen umgeben. Das alte Margarethenkirchlein und sein Freithof sind Schauplatz der Sendlinger Mordweihnacht gewesen.
Ein grauer Chrifttag, der heranzieht am Ende des schicksalsvollen Jahres 1705. Die letzten Haufen der Oberländler, deren Sturm auf die Stadt München mißlungen ist, haben sich hinaufgeflüchtet nach Sendling. Die Kaiserlichen unter General Kriechbaum halten sie in weitem Bogen umschlossen; sie sind umstellt wie jagdbares Wild. Ein Versuch, durchzubrechen, wäre vergeblich; er würde so viel bedeuten, wie gewissen Tod. Das verschneite, vereiste Land ringsum ist bereits bedeckt mit Verwundeten und Toten, die gefallen sind auf dem Rückzug vom Isartor bis Untersendling. Die noch Lebenden haben keine Wahl als zu sterben oder sich zu ergeben.
Die Mehrzahl wählt den letzteren Weg; denn es ist Pardon ver- heißen worden, unter der Bedingung, daß die Waffen sofort gestreckt würden. Sie tun wie ihnen geboten ist, drängen hinaus auf das freie Feld, werfen die Waffen von sich und sich selber auf die Knie.' Die Rosenkränze haben sie herausgezogen, winden sie um die Hände, die sie aufheben zum Beten, zum Bitten — —
Eine Salve kracht. Geknatter und Geschrei — Geröchel. Dann heißt eS: „Wer noch lebendig ist, stehe auf!"
„Und wie die erste Salva vorbey,, — so lautet ein zeitgenössischer Bericht — „hat man gleich wieder Salva gegeben und türkisch um- gemetzgert, bis 1100 Mann auf dem Platz geblieben". Reiter und Fußvolk stürzen über die Wehrlosen her, mit Schüssen und Säbelhieben. Das Morden setzt sich fort in die Dorfhäuser, auf den Friedhof, in die Kirche hinein, wohin immer die noch Überlebenden sich zu bergen suchen. Wie der damalige Pfarrer von Sendling, Simon Schoyer, drei Tage später an den Fürstbischof berichtete, „hat man auch das Gotteshaus nit verschont, dises mit bluetvergießen, und beraubung der hinein- geflichten Bauern profanirt, auch ... die drey Sendling sammt Thalkirchen schröcklich beraubt, allen Bauern, Söldner und Tagwerkher all ihr Geld, Fahrnuß und Vich, wie auch mir über die 700 fl. bares Geld, auch alle meine Pferdt hinweggenommen." —
Die Pfarrkirche und ihre unmittelbare Umgebung waren Schauplatz des letzten Verzweiflungskampfes. Erst hatten die Bauern nach Gemeinden zusammengeftanden, jetzt drängten sie durcheinander, wie wilde Tiere wehrten sie sich. Nach der Überlieferung kämpfte inmitten des verlorenen Haufens der Schmiedbalthes von Kochel nebst seinen Söhnen. Reckenhaft stand er, schwang seinen Morgenstern, bis er selbst zu Tode getroffen niedersank. Die geschichtliche Forschung hat keinen Schmied von Kochel gefunden, wohl aber feftgestellt, daß ein Schmied Balthasar (Balthes) Riesenberger von Bach im Mangfalltal, Pflegamt Vallei, an jenem 25. Dezember sein Leben bei Sendling ließ. Vielleicht half eben sein Schreibname dazu, ihn im Andenken der späteren Geschlechter überlebensgroß darzustellen.
Die Wenigen, die dem Blutbad entrannen, wurden auf Leiterwägen in die Stadt geschafft, zum Gefängnis, zur Folter, zum Tode — sofern sie nicht vorher aus Mangel an Hilfe ihren Wunden erlagen.
Vier äußere Denkzeichen mahnen an die Sendlinger Mordweihnacht. Auf dem südlichen Friedhof der eiserne Weihbrunnkessel, den König Ludwig I. stiftete zum Gedächtnis der 682 Oberländler, die dort ruhen. Ferner der von Geheimrat Philipp Zwackh errichtete Denkstein auf dem Hügel des alten Sendlinger Friedhofes, der drei- bis vierhundert jener Tapferen deckt — und am Unterfendlinger Kirchlein das Freskogemälde Lindenschmitt's, das deren letzten Kampf verherrlicht. Gegenüber von Kirche und Kirchhof aber erhebt sich seit neuer Zeit das eherne Brunnen-Denkmal des Schmiedbalthes mit dem Hammer in der Faust, als die Verkörperung des mannhaften opferbereiten Volkswillens, der sich gegen Unrecht mutig zur Wehr fetzt, und dem das Leben nicht als der Güter Höchstes gilt. Außerdem bewahren das Andenken des Schmieds und seiner heldischen Mitkämpfer die Straßen Sendlings, welche die Stadt München sämtlich nach Jenen und nach ihren Heimatorten benannt hat.