Raff - So lang der alte Peter... (Seite 169)
Die Schwabinger — die Nachkommen eines mutmaßlichen Swapo. Schon seit dem sechsten Jahrhundert wahrscheinlich ortsseßhaft, seit dem achten Jahrhundert — Respekt! — urkundlich nachgewiesen. Bauern, Fischer, Flößer, wie die Nachbarschaft der Isar eö bedingte, meist Untertanen eines ausgedehnten EdelhofeS. Denn schon im zehnten Jahrhundert gab es dort einen Edelsitz „Derer von Schwabing". Einen des offenbar zahlreichen Geschlechtes, den edlen Heinrich von Schwabing, hat, wie früher erzählt worden, Herzog Ludwig II. „mit allen Gütern zu Pugenhausen und Oberfehringen" belehnt; Bogenhausen und Oberföhring liegen ja Schwabing gegenüber. Besagter Heinrich trat diese Besitzungen am anderen Jsarufer bald an den Bischof von Freising ab. Ähnlich handelte, jedoch aus höchst praktischen Gründen, ein Eberhard von Schwabing, im dreizehnten Jahrhundert. Der hatte einen seiner Okonomiehöse einem Münchner, dem Richter Jordan, verpfändet um sechs Talente — und als die fällige Zeit herannahte, wußte er das Geld nicht zu beschaffen. Da entschloß er sich kurz und schenkte seinen Hof dem Kloster Schäftlarn mit dem Beding, daß dies ihn auslösen müßte — was auch zu beiderseitiger Befriedigung geschah.
Zu Anfang des 14. Jahrhunderts starben die Edlen von Schwabing im Mannesstamme aus; eine Erbtochter jedoch hatte zur Ehe den Patrizier Gollier von München. Der Gatte oder erst der Sohn dieser Schwabingerin war Ainwich der Gollier, den Herzog Ludwig um seiner Verdienste willen zum Ritter schlug, und der auf dem Marktplatz in München die Allerheiligenkapelle anstatt' der zerstörten herzoglichen Münze erbauen ließ. Dieser Ainwich soll auch das alte, gar kleine Kirchl Johannes des Täufers in Schwabing größer und schmucker erbaut haben aus Freude und Dank, daß er ein Söhnlein Johannes zur Taufe gebracht. Nachmals starb dies Kind, die Kirche jedoch erstand abermals größer und ward nach der zweiten Patronin, der hl. Ursula mit ihren Jungfrauen, benannt. Die Kirche zu „Swäbingen pey München, da rastent der gut Herr sant Johans, der Tauffer unseres Herrn Jesu Christi und die heilige Elftausend Mayd" war freilich nur eine „Zu- kirch" (Nebenkirche) des Gotteshauses zu Sendling; erst 1811 ward Schwabing eine selbständige Pfarrei. Aber die Schwabinger hielten ihr Kirchl hoch und heilig: bei den etlichen Malen, als die noch ungebändigte Isar mit Hochwaffer ging und wilde Wogen auf die Kirche zuwälzte, wagten die Bauern und Fischer ihr Leben daran und eilten auf Flößen und Kähnen ihrer „Sani Ursel" zu Hilfe.
Sogar in friedsam später Zeit forderte hier der Jsarkanal ein junges Leben: den 21. Juli 1783 ertrank darin „der kunst- und tugendreich Pankratius Piebl, Buchdruckergesell in München, seines Alters 26" — und ward beim alten Schwabinger Kirchl gefunden und bestattet.
Noch älteren Ursprungs soll das Kirchlein des hl. Nikolaus gewesen sein, dessen Abbruch 1898 nicht bloß den Schwabingern, sondern auch vielen Münchnern tief ins Herz griff. Nachgewiesen ist sein Bestehen seit dem fünfzehnten Jahrhundert als „GotzhauS der Siechen", das beim Leprosenspital stand und noch zu München gehörte. Die gelegentlichen Ausflüge der Münchner nach „Sand Nikolas bey Schwäbing" namentlich am Pfingstfest und ihre Einkehr beim wirtenden Hausverwalter des Spitals sind anderwärts erwähnt. Aber die Münchner, sowie die Schwabinger kamen auch mit dem Kreuz gewallfahrtet, da das Nikolaikirchl größtes Vertrauen und Ansehen genoß. Sankt Nikolaus, als früher Patron der Schiffergilde, hatte billigen Anspruch auf die Verehrung dieser ruderführenden Jsaranwohner.
Die ehemaligen Untertanen der Edlen von Schwabing, wie sie gediehen und sich mehrten, legten einen Zug ausgesprochener Selbstbehauptung an den Tag. Durch die größere Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts währten die Händel, die sie hatten mit denen von München und von Freising wegen Verletzung der Fischereigrenze. Die Schwabinger hätten bloß bis zum Frauenkreuz (gesetzt zu frommem Andenken an eine ertrunkene Frau) und bis drüben zum Föhringer „Engelturm" fischen sollen, aber sie zogen vor, eö bis Garching zu tun. Die Münchner, obzwar sie gelegentlich ihre Grenze energisch gegen diese „unruehigen Vischer von schwebing" verteidigten, huldigten doch auch wieder dem Satze: „da kann ma aa net so sein" — und ließen ein paar ertappte Schwabinger laufen, „weil die ihnen guete Worte geben haben, daß sy hinfüro nimmer khomen wellen." Die Freisinger prozessierten lange und heftig, wobei aber schließlich nichts herauskam, als ein neuer Markstein zur Darnachachtung unterhalb des Frauenkreuzes. Auch an diesen hielten sich die Schwabinger nicht unbedingt; und bei dem „Blumbesuch" (Weiderecht) in der Hirschau, das sie mit denen von Freimann, Föhring und Bogenhausen teilten, richteten sie eö gleichfalls so ein, daß nicht gerade sie im Nachteil blieben.
Von jener Zeit und dem pfiffigen, zugleich aber wehrhaften alten Bauernschlag, der selbst der kurfürstlichen Regierung nicht allzuviel Reverenz bewies, zeugen heute nur noch die paar alten Häuser und Gärten unten beim Ursulakirchl (jetzt St. Silvefterkirche), an der Biedersteinerstraße, der Maria Josefastraße, und den andern, die sich am englischen Garten hinziehen. Eigentlich ist eö so recht der Garten Schwabings, dies am einstigen Hirschanger von Kurfürst Karl Theodor und seinem Mithelfer, dem Benjamin Thompson, Grafen Rumford, geschaffene Stück Eden nördlich der Altstadt München. Wer vom „Harmlos", diesem steinernen Hüter des GarteneingangS, hinunterschlendert zum „Chinesischen Turm", durch die umbuschten Schlängelpfade an Wasserfällen, Ruhebänken vorbei zum „Aumeister", ans „Milchhäusl" oder nach Kleinhesselohe, der sieht dem Kurfürsten, dessen Verhältnis zu München ein so gezwungenes war, um dieser Schöpfung willen vieles nach. Freilich darf auch das Verdienst der Vollender, der beiden ersten Könige und Ludwig von Skells, nicht vergessen werden. Die Großstadt versinkt hier völlig vor dem Landschaftsreiz eines Parkes, bei dessen Anlage die Kunst das von der Natur Gegebene aufs glücklichste benutzt hat. Die kleinen, bald raschflutenden, bald sacht dahinschleichenden Wasserarme, die schönen alten Bäume, von einem linden FeuchtigkeitSdunft umwebt, die durch- blümten Wiesen nehmen Blick und Seele gefangen. Und beim Hinaus- schauen, Hinaustreten immer wieder irgend ein Ausschnitt aus dem alten Schwabing, der das Bild ergänzt: der Wasserturm am Schwabinger Bach etwa — oder Schloß Biederstem oder SureöneS oder das Gohrenschlößl.
Es gab noch einen Weg nach Schwabing: den trockenen „Türkengraben", den Max Emanuel durch gefangene Türken hatte anlegen lassen. Seinen Zweck als Wasserweg verfehlte der Kanal, wurde daher I8II eingeebnet und mit Häusern und Gärten überbaut. Ganze Generationen geputzter Münchner sind Feiertags durch den Graben oder durch den Theodorspark gen Schwabing gewallt, etwa nach dem Serem- puögarten, auch Schwabinger Volksgarten, wo es Kegelscheiben und Scheibenschießen für die Erwachsenen, Schaukel und Karussel für die Kleinen gab. Aber das und der erste zoologische Garten, der hier außen entstand, im Gumppenberg-Garten, gehörten einer späteren Zeit an;
früher war ein Hauptziel der Ausflügler die „kalte Herberge" nordwestlich vom Dorf Schwabing. Eine üble Sage hing sich an den Namen: das freiliegende Wirtshaus sei ein MordhauS gewesen, wo Leute kalt gemacht worden wären. Aber das soll Verleumdung gewesen sein; und sedenfallS war die Einkehr sehr beliebt. Die Münchner Gärtner hielten dort eine Zeitlang ihr Iahresfest.
Was Neu-Schwabing heute ist, ein Begriff für sich innerhalb Mün- chens, weiß Jedermann; und es hat ja auch schon den Fall gegeben, daß München zu Schwabing wie einst bei den Fischereihändeln, in Gegensatz trat. Aber wohlgemerkt: zu dem nicht bodenständigen, dem sozusagen angeschwemmten Element. Denn Jung-Schwabing, das auf Schwabinger Boden erwachsene, bewahrt im Grunde den Charakter des „alten romantischen Landes", besten äußeres Antlitz auch unterm neuen Gewand der Villen oder Arbeiterviertel noch da und dort hervorschaut. Und das ist gut so.