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Sagen & Geschichten

Außerhalb der Tore

An der Isar

Raff - So lang der alte Peter... (Seite 166)

An der Isar

Untrennbar, landschaftlich wie geschichtlich, gehören München und sein freudiger Karwendelsproß, der Jsarstrom, zusammen. Ja, die Isar darf sich rühmen als Ursächerin der Stadt. Wo ein solches belebendes Wasser fließt, ist die gegebene Stätte einer größeren Menschenansiedelung. Mit der Zerstörung der einen und Erbauung der anderen Isarbrücke, mit dem sich bekriegenden, durch die Isar bedingten Vorteil zweier großer Herren hat Münchens Geschichte begonnen, das Werden des Dorfes zu einer Stadt, die schon hundert Jahre nach ihrer Gründung „ins Maßlose" wuchs. Die Brückenwacht der Isar, das ist München zu Anfang gewesen; die Lebensader der Stadt, das war die Isar.

Die „Schnelle, Reißende", soll ihr Name, der uralten Ursprungs ist, bedeuten. Zu Zeiten der Schneeschmelze oder sonst bei Hochwasser fährt sie wirklich reißend daher, mit hohen Schaumwellen gegen die Ufer schlagend. Schön ist der Blick von den waldigen Hängen, etwa bei Pullach oder Großhesselohe, herab auf den milchig grünen Strom, die breiten hellschimmernden Kiesstrecken, die Höhlen und seltsamen Bildungen im Nagelfluhgeftein. Kelten und Römer haben ihre Spur längs des Flusses zurückgelassen; drüben am Osthang, wo die gotische Herzogsburg Grünwald so stattlich in die Isar hinabschaut, liegt das alte Römer-Kastell, das in jene fernste Vergangenheit zurückweist. Von der Eisenbahnbrücke, die bei Großhesselohe die Isar überspannt, haben frei- lich selbst die Römer sich nichts träumen lassen, so wenig wie der sinnende Mann im schwarzen geistlichen Gewand, der hier so gern die Schau über das Flußbett und die waldigen Höhen genoß.

Inmitten all der Drangsal des dreißigjährigen Krieges hat hier der „bayerische Horaz", der Jesuitenpater Jakobus Balde, eine seiner schönsten Oden gedichtet, das „Echo". Sie sind lateinisch, die Dichtungen des gelehrten Humanisten, aber sein ganzes Empfinden war deutsch, so wie der Schmerz um die Leiden seines Volkes, für das er den teuerwerten Frieden so heiß ersehnte.

Auch ein Anderer, dessen Namen als den eines Zeitgenossen die Echo- Ode nennt, hätte nach, zwar unverbürgter, Überlieferung hier oben geweilt: Claude Gelee, benannt le Lorrain. Er hätte seine Studien gemacht an der Durchsichtigkeit der Luft, den duftigen Lichtwirkungen der Ferne, so wie es nachmals noch mancher Meister des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts tat: Dillis, Beich, Lebschse, Schleich, Weng- lein und wie sie sonst heißen. Eines Künstlers Gedächtnis erneuert auch der Anblick von Brug Schwanegg, die sich Ludwig Schwanthaler erbaute und damit einen Traum seiner frühen Jugend verwirklichte. Und welche fröhliche Scharen hat der Wald zwischen Großhesselohe und Pullach gesehen, wenn alljährlich bei der Habenschaden-Feier nach dem Gedächtnisgottesdienst für den Stifter das Frühlingsfest der Künstler sich entspann! —

Einen eigenen Reiz aber hat es, der Isar ganz nahe zu sein, dicht am Strand im Gras der Jsarauen zu rasten, die von selbst, durch mähliches Zurückziehen des Stromes in sein heutiges Bett, entstanden sind. Oder auf einem Floß, das etwa von Tölz dahertreibt, sich fröhlich nach München hinunterschaukeln zu lassen. Die Flößer und Uferanwohner wissen mancherlei zu erzählen von den frühen märchenhaften Vorstellungen, mit denen die Volksphantasie Fels und Strom belebte. Die Höhlen bei Geiselgasteig und Großhesselohe wurden gedacht als von wilden Leuten, Wassergeschöpfen und wohl auch räuberischen Unholden bewohnt. In einer davon soll das „Schnarchermandl", einer aus der großen Familie der Zwerge, Kobolde und Wichtelmännchen seßhaft sein, dessen lautes Schnarchen zu Zeiten sich über den Fluß hin vernehmen läßt. Häufiger noch ist der eigentümlich klagende Ruf „Tutli —i —i" zu hören, der von einem Wasservogel herrührt, aber den Viele einem namentlich zwischen Thalkirchen und Harlaching heimischen Spukgeift, dem „Tutlipfeiferl", zuschreiben. Bald pfiff er dem Wanderer oder Flößer dicht vor den Ohren, gleich darauf weit vom jenseitigen Ufer her. Die Einen knüpfen daran die Sage von einem wirklichen Pfeifer, einem Spielmann, der das stolze Fräulein von Burg Grünwald geliebt und dem sie aufgegeben hätte, ihr Geschmeide, das sie vor seinen Augen hineingeworfen, aus der Isar zu holen. Er versuchte es, kam aber nimmer herauf — es ist die Geschichte von Schillers „Taucher". Auch der ruhelose Geist einer jungen schönen Selbstmörderin, die, entweder aus Liebesgram oder einem Ehrenräuber zu entfliehen, in den Fluß gesprungen sei, wird mit dem Tutlipfeiferl und seinem Klageruf in Verbindung gebracht.

Als harmlos und gutartig gilt das „Wisperl", das nur zu heiligen Zeiten, vornehmlich an Allerseelen, mit leisem Gezirp wie eine Grille, bald nah, bald fern sich hören läßt. Ein geradeswegs böser Geist aber ist das „Pfeiferl"; er pfeift grell durch die Finger, und wagt jemand ihm zu antworten — flugs ist er da. Einmal ging einer zu später Stunde durch die Jsarauen, ahmte den Pfiff des „Pfeiferls" nach —> da wuchs vor ihm aus dem Boden eine schwarze Gestalt. Der Mann, beherzt, griff nach seinem Messer und schrie: „Trau di net zuawi, oder du bist hin!" Aber das Gespenst schwoll zu dreifacher Mannshöhe empor; da packte den Kühnen das Grausen, und er rannte davon — hast du nicht gesehen! Ob ihm Unheil widerfahren ist — denn das „Pfeiferl" bringt Unglück durch seine Begegnung — weiß man nicht. Am besten ift'S, wenn der Pfiff ertönt, sich still zu halten, ein Kreuz zu schlagen und im Gehen für sich zu beten. So haben eS ehedem auch die Floßknechte gemacht, beim Überfahren des IfarwehrS an der Marien- klaufe; denn dort in der Nähe haust die Jfarnixe — die übrigens den Meisten als gleichbedeutend mit dem „Tutlipfeiferl" gilt — samt ihrem Gatten, dem Hakemann oder Hackenmann. Zu Zeiten singt sie ein seltsam berückendes Lied; wer sie singen hört, muß nach altem Glauben bei einer nächsten Floßfahrt ertrinken. Drum schützten die Flößer sich dort an den „Überfällen" durch Gebet und führten gern etwas Geweihtes bei sich. —

War jede Unbill des Wassers und der Witterung samt jeglicher dämonischen Anfechtung überwunden, dann saß und trank der wackere Flößer recht „grüabig" zu München beim „grünen Baum". Da wurde das beliebte Tölzer Bier verzapft; da herrschte ein fröhliches Durcheinander von Münchnern aller Stände, Gelächter und Gesang. Zur Zeit König Ludwig I. pflegten auch die Künstler die Wirtschaft zum „grünen Baum" mit besonderer Vorliebe zu besuchen. Der Wirt galt als eines der vielen, just in seinem Stande nicht seltenen, Münchner Originale, so wie der „lachende Wirt", der diesen Namen trug, weil er, wie die Prinzessin im Märchen, nur einmal gelacht hatte. An den Grünbaumwirt knüpft sich die Münchner Redensart: „Da möchtst doch gleich Greanbaamwirt wern!" — Angeblich führte der drollig-knurrige Wirt selbst diesen Spruch im Munde, wenn ihm etwas widern Strich ging.

Der „grüne Baum", nach dem die Wirtschaft sich nannte, wurde, als 1787 ein Sturm ihn brach, durch eine Linde ersetzt. Die Wirtschaft selbst aber verschwand gleich der anderen, altbekannten Gaststätte „zum Ketterl" an der Floßftraße, als der Durchbruch der Stcinödorfstraße erfolgte und an die Stelle der ehemaligen Lände ein großstädtischer Straßenzug längs der Isar trat.

Die Zeilen und ihre Bedürfnisse wandeln sich; Gebäude entstehen und vergehen. Was aber unmittelbar aus Schöpferhand entsprungen ist wie der leuchtende rauschende Bergfluß, der München durchftrömt, bringt stets, trotz menschlicher Regulierung und moderner Prachtbauten, einen Ewigkeilshauch mit sich.