Raff - So lang der alte Peter... (Seite 165)
Die kleine Wallfahrtskirche zu Harlaching, hoch am Ufer der Isar, ist ursprünglich wohl sehr alt. Keine Gewißheit besteht über die Zeit ihrer Erbauung; doch kommt der Ortsname selbst im 12. Jahrhundert als „Hadelaichen", „Hadelahingen" vor. Die Kirche, der heiligen Mutter Anna geweiht, hat eine schwermütig sagenhafte Entstehungsgeschichte. Ein Münchener Patrizier soll mit einer schönen Jüdin auf einem Landsitze in Thalkirchen verbotenes Liebesglück genossen, die Verführte aber hernach verlassen haben. Da sprang sie verzweifelt in die Isar und fand den Tod. Von seinem Gewissen beunruhigt, ließ ihr Verführer die kleine Kirche von Harlaching erbauen. Bei der „Marienklause", die 1865 aus einem Dankgelübde für Errettung von Hochwasser und Felssturzgefahr entstanden ist, soll die Seele der Selbstmörderin als blaues Irrlicht umherschweben.
Einem Dankgelübde wird auch das alljährliche große Kirchenfeft, der Harlachinger Ablaß, der am 8. September beginnt, zugeschrieben. Es soll herrühren von einem Grafen, der zu Giesing seinen Ansitz hatte, sich aber in einer kalten Winternacht während eines furchtbaren Schneesturmes in den damals noch dichten Wäldern an den Isarhängen verirrte und den Tod vor Augen sah. In dieser Bedrängnis gelobte er, für den Fall seiner glücklichen Errettung der nächsten Kirche eine reiche Stiftung zu machen. Darnach vernahm er den feinen Ton eines Glöck- leins, das gar nicht weit entfernt zu sein schien. Der bereits erschöpfte Graf nahm seine Kräfte zusammen, ging dem Klang des Glöckchens nach und kam so nach Harlaching, wo er alles wach und in größtem Staunen fand, denn das Glöcklein hatte von selbst geläutet. Da erfüllte der Gerettete sein Gelübde und stiftete, von reichen Spenden der Umwohner unterstützt, das „Harlachinger Ablaßfeft".
Harlaching, ursprünglich dem Kloster Tegernsee gehörig, ward später mit der Schwaige Harthausen (der heutigen Menterschwaige) zusammen Eigentum des Landesfürsten und wurde von ihm mehrfach als Ritterlehen an verschiedene Adelige verliehen. Es gehört heute zur Stadtgemeinde München und zur Pfarrei Giesing.
Das Schloß der bayerischen Herzoge, das in Harlaching stand und berühmt war durch seine prächtigen Gartenanlagen am Bergabhange, ist zu Ende des 18. Jahrhunderts durch Brand zerstört worden. Heute erinnert, da die Kirche gleichfalls im 18. Jahrhundert völlig neu erbaut ist, und der ganze Ort sich als vornehme Villenvorstadt entwickelt hat, eigentlich nichts mehr an frühere Zeilen, als der uralte kleine Kirchhof und das Denkmal, das König Ludwig I. bei der Kirche dem Andenken des Malers Claude Gelse, genannt „Lorrain" setzen ließ. Dessen Ansässigkeit zu Harlaching ist freilich neuerdings in das Bereich der Sage verwiesen worden. Ludwig I. selbst weilte gern auf der benachbarten Menterschwaige, die bis 1660 herzoglicher, resp. kurfürstlicher, von 1793 an bürgerlicher Besitz war. Hierher, auf die — damals noch Harthausen genannte — Schwaige flüchtete Herzog Johann II-, der älteste der fünf Söhne Albrechts III-, vor der in München herrschenden Pest, und hier, in dem nachmals abgebrannten Schlößchen, erlag er ihr, sechsundzwanzigjährig, am 18. November 1463.