Raff - So lang der alte Peter... (Seite 164)
In ganz Bayern finden sich Sagen von versunkenen Orten, ähnlich den norddeutschen Sagen von Vineta und Julin oder der Gerftäcker- schen Erzählung vom verschwundenen Dorf GermelShausen, das nur alle hundert Jahr an die Oberfläche kommt. So geht die Mär von einem Dorf, geheißen Pachem oder Bachheim, das nahe bei München, zwischen Riem und Berg am Laim gelegen hätte. Der Ortsname Pachem kommt in Urkunden des 14. und 15. Jahrhunderts vor, doch ist er, wenn er sich wirklich von einem Bach ableitet, nach der heutigen Beschaffenheit der Gegend unverständlich, da kein Gewäffer sich ringsum befindet. Möglich, daß ein Kirchdorf, das hier stand, zu Beginn des 16. Jahrhunderts gewaltsam zerstört, oder durch irgend ein Ereignis vernichtet wurde. Leute, die an windstillen Tagen dort durch die Felder gingen, haben erzählt, daß sie Menschenstimmen, Dengeln von Sensen, zuweilen Geläute von Kirchenglocken aus der Erde heraufgehört hätten. Deshalb erhielt sich die Überlieferung, daß ein großes Dorf dort in die Tiefe versunken sei. Manche bringen deffen Schicksal in Verbindung mit dem Wasier, das südlich von der sagenhaften Stätte fließt: dem in seiner Art auch wundersamen, als Naturmerkwürdigkeit anzusprechenden Hachinger Bach-
Bei Deisenhofen wird er zuerst als schmale Wafferader sichtbar, von Oberhaching an strömt er reichlicher, erreicht seine eigentliche Stärke bei Taufkirchen. So bleibt er eine Weile, treibt mehrere Mühlen; von Unterhaching an aber beginnt er abzunehmen und ist in Unterbiberg Nur mehr ein kleines Rinnsal, das außerhalb Perlach gänzlich versickert.
Diese Eigentümlichkeit wird geologisch aus dem engen Zusammenhang des Bachwasierspiegels mit dem unterirdischen Grundwasserspiegel erklärt. Aber die Volksphantasie deutete den Vorgang anders und leitete daraus eine Sage ab von einem feindlichen Brüderpaar, dessen Vater, ein braver alter Müller, bei seinem Sterben den Beiden gemeinsam die Mühle am Hachinger Bach nahe Perlach hinterlassen hätte. Durch die Erbschaft fuhr der Geizteufel in die Söhne, die sich zuvor ganz gut vertragen halten und sie wurden einander spinnefeind. Keiner gönnte dem Anderen sein Teil, sie stritten und maulten den ganzen Tag, vernachlässigten darüber Arbeit und Kundschaft und kamen so allmählich herab.
Damals floß an jener Stelle der Bach noch breit und hell. Als jedoch die Zwei es immer ärger trieben und den würdigen Pfarrer von Per« lach, der um der Liebe Gottes und des Gedächtnisses ihres Vaters willen sie zur Eintracht mahnte, roh von der Schwelle jagten, da war ihr Maß voll. Eines Tages war der Bach, gerade bei der Mühle, versiegt, und die Mühle stand still.
Da half kein Fluchen und kein Jammern, keine Vorwürfe, die sich die Beiden gegenseitig machten. Sie wurden zu Bettlern, und schließlich suchten sie sich auf dem Wege von Perlach nach Ramersdorf zwei starkästige Birnbäume aus, nahmen Jeder einen Strick und hingen sich daran.
Nächtlicherweise sollen die zwei Müller als ruhelose Geister an der Stelle ihres Selbstmordes spuken und zwar so lange, bis der Hachinger Bach wieder seinen früheren Lauf hat.