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Sagen & Geschichten

Außerhalb der Tore

Vom Salvator

Raff - So lang der alte Peter... (Seite 161)

Vom Salvator

Zu Neudeck in der Au begingen alljährlich im Monat April die Paulanermönche mit großer Feierlichkeit, acht Tage lang, das Fest ihres Ordensstifters, des hl. Franz von Paula. Es begann am 2. April; nur wenn etwa dieser Tag in die Karwoche fiel, ward der Festanfang auf den ersten Sonntag nach Ostern verschoben. Während der Festoktav konnte jeder andächtige Besucher der Paulanerkirche eines vollkommenen Ablasses teilhaftig werden. Auch wurden dort die ganze Festwoche hin- durch die „heilig Vaterkertzen" geweiht, weshalb die Münchener Bür

gersfrauen korbweise das Wachs zum Weihen in die Kirche brachten. Der Brauch schrieb sich her von einer Gewohnheit deS hl. Franz von Paula, nämlich: Hohen und Niedrigen geweihte Kerzen zu schenken; deß zum Gedächtnis wurden alljährlich an seinem Feste in den Kirchen seines Ordens geweihte Kerzen den Gläubigen ausgeteilt.

Wer einmal in die Au hinauSgepilgert war, besuchte natürlich auch die Mariahilfkirche und die übrigen Kirchen der Vorstadt. Nach der Andacht war im Paulanerkloster gutes „heilig Vaterbier" oder „heilig Vateröl" — so benannt, weil die Paulaner nur von Oel speisen durften — zu bekommen.

Kurfürst Maximilian I. begab sich alljährlich am 2. April zu den Paulanern, um einer Messe beizuwohnen. Auch unter seinen Nachfoldern pflegte der kurfürstliche Hof den heil. Vaterfeften nicht fern zu bleiben. Die Emporkirche im Heiligtum der Paulaner trug den Namen „der Fürstenchor" — „weil die gnädigsten Herrschaften darauf dem Ordensfeste beiwohnen." Sowohl Max HI. Joseph als Karl Theodor versäumten nicht, am 2. April den Ausflug nach der Vorstadt Au zu machen und die Messe bei den Paulanern zu hören. Es war Sitte, daß der Kurfürst unter Begleitung seiner Leibgarde, der Hartschiere, zu Pferde und gefolgt von einer Kavallerieabteilung hinaus ritt, vor dem Paulanerkloster abstieg und die Väter besuchte, ehe er sich in die Kirche begab. Die Kurfürstin und die Prinzessinnen fuhren mit ihren Hofdamen zu Wagen dorthin, gleichfalls von Hartschieren eskortiert, deren prächtige Uniform und Pferde — sie ritten auf Schimmeln — einen glänzenden Eindruck machten.

Der Konvent der Paulaner war stets bestrebt, auch an seinem Teil das Fest würdig und feierlich zu gestalten; für die Festpredigt ward ein berühmter Kanzelredner aus der Stadt oder anderswoher gewonnen, außerdem ein infulierter Prälat geladen, damit ein Pontifikalamt abgehalten werden konnte.

Nicht minder beeiferten sich die Bewohner der Au, „den durchlauchtigsten Landesvater nach Fürstenwürde zu empfangen." Kanonendonner begrüßte den festlichen Tag; am Auertor erwartete den aus der Residenz kommenden fürstlichen Zug „die bürgerlich Auische Kavallerie", die ihn von da ab „in schuldiger Ehrfurcht" eskortierte. Spalier bildendes Militär, Ehrenpforten, Schaugerüste mit allegorischen Darstellungen, geschmückte junge Mädchen und weißgekleidete Schulkinder, dazu das fröhliche Gewoge einer dichtgedrängten festlich erregten Menge und das Geschmetter mehrerer Musikchöre - nichts fehlte, um die hohen Gäste zu ehren und den Tag zu einem lange nachleuchtenden zu machen. Nach beendigtem Hochamt wurde den fürstlichen Herrschaften in der Klosterkirche die geweihte Vaterkerze überreicht, worauf der Hof noch im Kloster bewirtet wurde. — Wie zu sehen, ging es umständlicher damals her, als ein bekanntes Gedicht und Bild eö darstellt, das den Kurfürsten einfach vor der Klosterpforte anreiten und von Barnabas, dem Bräuhausfrater, empfangen läßt . . .

„Mit dem Gruß, der bis zur Stunde
Sich erhielt in Volkes Munde: 
Salve, Pater patriae,
Bibas, princeps optime.“

Von diesem Gruß nämlich: „Salve Pater" usw. soll das Wort „Salvator", das aber eigentlich von „Sankt Vaterbier" herkommt, abgeleitet werden. Das Einzige, was von all dem Glanz uns Heutigen geblieben, ist bekanntlich dies Sankt Vater- oder Salvatorbier.

Das Kloster der Paulaner ward 1799, nachdem es kurz vorher ein letztesmal den Besuch des Kurfürsten (späteren Königs) Max IV. Joseph empfangen hatte, aufgehoben. Es wurde nachmals Strafanstalt; die Brauerei aber ging in weltliche Hände über, die eS nicht minder gut verstanden, das weitberühmte stark eingesottene Bier, das berauschendste der Münchner Doppelbiere (hierin dem vielbesungenen „Bock" noch über) zu brauen. Der Salvatorkeller am Nockherberg in Giesing öffnet seine Pforten alljährlich auch nur für kurze Zeit, weil nämlich, zum Bedauern der Durstigen, der Stoff meist schnell auögetrunken ist. Hofmäßig geht es dabei freilich nicht zu, denn bekanntlich ist das Tragen eines Zylinders z. B. verpönt, und ein solcher wird augenblicklich eingetrieben. Von den Gesängen, die dabei üblich sind, darf behauptet werden, daß sie an den eigentlich geistlichen Ursprung des Festes keineswegs erinnern. Auch bedarf der Menschenstrom, der während des Salvator- auSschankS zur Quelle wallt, keines Ehrengeleites, noch der Triumph, pforten. Dennoch ist, wenn gleich in vergröberter Form, etwas vom Charakter des Volksfestes diesen bierfrohen Frühlingstagen noch verblieben.

Es hieß einst, daß zur Salvatorzeit der Brauer Franz Xaver Zacherl, der das Bräuhaus von den Maltesern, den Nachfolgern der Paulaner, erkaufte, bedeutend erweiterte und den nach ihm benannten Keller erbaute, nächtlicherweile dort umgehen soll. Wer die Gäste vom Nockherberg herabkommen sieht, zweifelt bei ihrem Anblick sicher nicht, daß auch dort und bei Tage der Zacherlgeift umgeht.