Raff - So lang der alte Peter... (Seite 160)
Wie der „schwarze Tod" in Bayern umging, da machte er vor den alten Dörfern rings um München so wenig Halt wie vor den stattlichen Häusern zu Füßen der Frauentürme. Immer wieder rollten vermummte Totengräber den Peftkarren vor die Häuser und luden die neuen Opfer, die der Tag gefordert hatte, darauf. Die Freithöfe boten nicht Raum für alle die frischen Gräber; an vielen Orten mußten eigene Pestfriedhöfe angelegt werden. Dies war auch in Obergiesing, dem alten „Kyesinga", der Fall. So klein und frei der Ort auf waldiger Höhe am Perlacher Forst lag, hatte er von allem Elend des dreißigjährigen Krieges sein Teil getragen und trug es auch jetzt.
Hart am Waldrand stand ein schmucker Hof, der einem freien Bauern gehörte. Der saß in Wohlstand und Wohlsein mit Weib und Kindern, war bisher vor allem Unheil bewahrt geblieben und schien es fürder zu bleiben, denn die Pest verschonte sein Haus. Um sich dankbar zu zeigen, ließ der Bauer einen großen „Christus in der Rast" schnitzen, d. h. ein Bildnis unseres Herrn in Ketten, während der kurzen Rast zwischen der Geißelung und der Kreuzigung- Davor hielt der Bauer von nun an stets seine Andacht. Aber die Pest, eine Zeit lang scheinbar erloschen, kehrte wieder, grausiger als zuvor, und so brünstig der Bauer vor dem Herrgottsbild betete, fielen doch all seine Hausgenossen der Seuche zum Opfer, zuletzt sein Weib und seine Kinder. Da geriet der Mann in Verzweiflung, lästerte Gott und schleuderte das Christusbild vor das Haus auf die Erde. Darnach holte die Pest auch ihn. Weil aber das Sterben immer zunahm, meinten die Umwohner, das fei die Strafe für die Verunehrung des Heilandsbildes. Darum taten die von Giesing und von der Au sich zusammen und wallfahrteten mit Kreuz und Fahne nach Ramersdorf zur Gnadenkirche. Den geketteten Christus trugen sie feierlich mit sich und stellten ihn bei der Rückkehr in der Giesinger Kirche auf. Von da an begann die Pest mählich abzunehmen. Der Pestwagen jedoch, der die Leichen zum Friedhof fuhr, soll noch lange oben unterm Dach der Kirche aufbewahrt worden sein.
Der „Herrgott in der Rast" blieb in der Giesinger Dorfkirche, von den Andächtigen voll Zutrauens verehrt, bis zum Jahr 1890, wo die kleine Pfarrkirche abgerissen und der sie umgebende Friedhof aufgehoben wurde. Da übersiedelte der Herrgott in den Gottesacker, der eben in jener schweren Zeit der Pestilenz als Pestfreithof angelegt worden war, an der Stelle, wo heute der Giesinger Pfarrhof steht.
Von diesem Peftacker wird erzählt, daß ehemals zur Mitternachtsstunde zwölf graue Männlein den Steig, der von der früheren Bäckergasse am Giesinger Berg hinaufgeht, sacht emporgewandelt seien, den Pestfreithof umschritten und in der alten Dorfkirche gebetet hätten. Davon hätte das Bergl den Namen „Manndlbergl" oder „Mannderbergl" geführt. Bei dem Freithof, so lang er bestand, soll es zur Nacht überhaupt nicht geheuer gewesen sein: wer vorüberging, vernahm rufende Stimmen oder den Ton wie wenn mit Steinen oder Sand geworfen wird.
1895 verschwand auch dieser Gottesacker; und der Herrgott in der Rast" wurde von da an im Kloster der armen Schulschwcstern in Obergiesing aufbewahrt.
Das letzte äußere Gedenken der Pestzeit, eine Pestsäule auf dem Wege von Giesing nach Ramersdorf, erhielt sich bis gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts, ist aber seitdem auch entfernt.