Zum Inhalt springen
Menü

Sagen & Geschichten

Außerhalb der Tore

Der Waisenvater

Raff - So lang der alte Peter... (Seite 158)

Der Waisenvater

Durch die Straßen der Vorstädte rechts der Isar geht ein Mann, dürftig gekleidet, wie ein Bettler den Hut in der Hand. Das Gesicht ist dennoch nicht das eines bloßen Bettlers: in den Augen glimmt ein inneres Licht; die Haltung, der dunkle Rock sind mehr wie die eines Geistlichen, zum mindesten eines Lehrers. Das hat der Johann Michael Pöp- pel, Faßbinderssohn aus der Au, einst auch werden wollen, hat die Lateinschule besucht, ist Schulgehilfe gewesen in den Waisenhäusern zu Freising und Erding und hat da gesehen, was elternlose Kinder sind, waS ihr Leben ist. —

Vielleicht war es die unbestimmte Furcht vor der Größe und Schwere einer aufdämmernden Bestimmung, was ihn flüchten ließ in Klosterfrieden. Aber nicht für immer, nicht einmal für lange, denn die gleiche Liebe zu aller Kreatur, die im Herzen des hl. Franziskus glühte, trieb den Johann Michael aus dem Haufe des Heiligen wieder hinaus. Als Privatlehrer — nach anderen als Tagschreiber — hauste er in einem bescheidenen Stübchen in der Au, sah das Elend, das der österreichische Erbfolgekrieg über sein Vaterland brachte, sah die Kinder, deren Väter im Kriege gefallen waren, deren Mütter dem Hunger und der übermäßigen Arbeit erlagen, obdachlos, ohne Brot, verwildert herumirren. Und der Johann Michael, der den Anblick nicht ertrug, reckte sich auf zu einem Entschluß: der Vater all dieser Waisen zu werden.

Er erbat sich die Erlaubnis vom Gerichtsherrn des Pflegegerichts Au, dem Freiherrn Franz Karl von Widemann, daß er versuchen dürfte, was er vermöchte. Und sein Hausherr, der Gerichtsdiener Christoph Nußbaum überließ ihm eine große Stube um billigen Zins. Darauf, am letzten November, am Tage des hl. Andreas, holte sich Pöppel eine Schar von völlig verlassenen Buben und Mädeln, dreißig im Ganzen, zusammen; die führte er zuerst in die Mariahilfkirche — die alte, denn die neue hat erst Ludwig I. erbaut — und betete zu Gott für sie und sich. Dann nahm er sie heim in seine Stube und fing an, ihnen Vater und Mutter zu sein, sie zu waschen und zu kämmen, zu kleiden, zu nähren, zu unterrichten.

Noch mehr: er ging betteln für sie.

Von Tür zu Tür, bei Wind und Wetter, im dünnen schäbigen Rock, verachtet, rauh abgewiesen, beschimpft. Er durfte sich keine Empfindlichkeit gestatten, denn seine Kinder brauchten Brot. Es heißt, daß ein Reicher, der nicht geben wollte, ihn einst mit dem Stock bedrohte und, als der kecke Bittsteller sich nicht abweisen ließ, ihn wirklich schlug. Pöppel hätte darauf geantwortet: „Schlagen Sie mich, aber geben Sie meinen Waisen!" — und da wäre dem reichen Mann das Herz dockweich geworden, so daß er fortan der Waisenschule freigebig spendete.

Sieben Jahre bettelte sich der Waisenvater so durch, von 1742 bis 1749. Er litt oft bittere Not mit seinen Kindern, aber er verließ sie nicht. Als 1749 öffentliche Sammlungen für die Armen, Krüppel und Waisen des nun beendigten Krieges veranstaltet wurden, erhielt der Johann Michael ein gutes Teil von dem Ertrag; er konnte ein Haus nahe der Mariahilfkirche kaufen und für seinen Zweck ausbauen. Da trat zu der bisherigen Verspottung ein anderes: der Neid, der dem Habenichts das Gelingen nicht gönnte. Häßliche Angriffe und Beschuldigungen wurden gegen ihn geschleudert; des Eigennutzes, der Fahrlässigkeit wurde er geziehen. Allerhand Hindernisse erschwerten ihm den Weg;

mehrmals stockte sein Bau, weil die Mittel fehlten. Das Alles nahm der Pöppel hin wie ehedem den Schlag; feine Geduld war so unerschöpflich, wie sein Mut. Und nach drei Jahren stand sein Hausbau fertig da.

Wie vor jedem Sieger, beugten sich Unverstand und Mißgunst vor Dem, der innerhalb zehn Jahren das Alles erreicht hatte.

Begüterte Wohltäter spendeten so viel, daß die auf dem Waisenhaus lastenden Schulden abgetragen werden konnten und noch ein Rest von 4822 fl. als Anstaltsvermögen übrig blieb. Außerdem befaß Pöppel feit 1751 ein behördliches Sammelpatent. Das „Waisenhaus zu St Andrä in der Au", wie es nunmehr hieß, konnte als richtige Erziehungsanstalt in verschiedene Klaffen eingeteilt werden; die Kinder, genährt und gekleidet, erhielten von Pöppel und einem Gehilfen Unterricht in Religion, Lesen, Stricken, Spinnen und Nähen.

Als Pöppel starb (1763), hinterließ er ein gesichertes Werk, das heute, mit dem großen städtischen Waisenhause seit 1818 vereinigt, unter Aufsicht des Magistrats München steht.