Raff - So lang der alte Peter... (Seite 155)
Wo heute die Vorstadt Au ist, soll im 12. Jahrhundert noch nichts gestanden haben als ein paar dürftige Fischerhütten und das Häuschen eines Forstaufsehers. Es geschah nicht selten, daß die Isar, damals noch der ungebändigte Bergstrom, der sie von Urzeit gewesen, mit Hochwasser daherwogte und das bißchen Habe der wenigen Ansiedler wegzureißen drohte. Das soll einmal im 15. Jahrhundert wieder geschehen sein, und die Bedrängten wußten sich angesichts des immer höher schwellenden Ge- ftrudelS keinen Rat, als laut und inbrünstig zu beten. Da gewahrten sie ein Kruzifix, das auf dem Wasser daherschwamm und auf einer Sandbank liegen blieb. Die Anwohner taten alsbald das Gelübde: wenn die Gefahr gnädig vorüberginge, wollten sie an dieser Stelle ein Kirchl bauen und das auf der Isar hergetriebene Kreuz auf den Altar setzen. Als sich darnach das Wasser wirklich verlief, erfüllten die Geretteten, was sie gelobt, und das alsbald erbaute Kirchlein konnte 1466 geweiht werden, zu Ehren des hl. Kreuzes. Diese Kreuzkirche stand auf dem jetzigen Mariahilfplatz bis ins 17. Jahrhundert; daneben wurde 1629 bis 1651 die alte Mariahilfkirche erbaut, an deren Stelle später die heutige Pfarrkirche trat.
Bald nach dem Entstehen des ersten Kirchleins schuf sich Herzog Wilhelm IV. hier außen in der damals noch freien waldigen Gegend „am Neudeck" ein Jagdschloß mit Hofgarten, Falknerei und Pagenhaus. Albrecht V. gelobte, in unmittelbarer Nähe des Schlößchens eine Kirche des hl. Karl Borromäus zu erbauen, die jedoch erst unter seinen Nachfolgern vollendet ward. Wilhelm V. gründete sich „am Neideck" zu zeitweiliger Weltflucht „ägyptische Einsiedeleien" wie in Schleißheim. 1627 berief Maximilian I. die Paulanermönche von Burgund nach München, überwies ihnen das Neudeckschloß samt der Kirche, verftattete ihnen auch, zur Erleichterung ihres Unterhaltes, den Anbau eines Mietftockes (wie
ihn später die Augustiner errichten durften) sowie die Einrichtung einer Bierbrauerei. Eine weibliche Ordensniederlaffung ckam hinzu, da der Münchener Patrizier Alberti neben einer von Hofbaumeister Gais- reitter errichteten Kapelle ein Frauenkloster stiftete, das anfänglich nur klein und von wenigen Paulaner-Tertiarierinnen bewohnt, dann aber, nach seiner Vergrößerung und Vollendung, von 1715 an den Benediktinerinnen des Klosters Niedernburg bei Passau überwiesen ward. Die Anhöhe, auf der es lag, zuvor GeiSberg genannt, empfing den Namen „Lilienberg" von der Inschrift des Klostereingangs:
„Unter reinen Lilgen weidet
Hier der Göttlich Präutigam.“
Die Säkularisation Anfang des 19. Jahrhunderts machte dem Bestehen beider Klöster ein Ende. Der Paulanerstock ward Strafanstalt; im Benediktinerinnenkloster befindet sich heute das Bezirksamt. An Stelle der Kirche und des Klosters der Paulaner steht das Amtsgericht München II, deffen Turmdach nach dem ehemaligen Kirchturm die Form eines PriesterbirettS trägt. Ans Jagdschlößchen mahnt noch das Hirschgeweih und die Gedenktafel an der Südwand des Gasthauses „Neudeckergarten". Die Paulanerbrauerei aber, übergegangen erst an Franz Xaver Zacherl, dann an Schmederer, ist, jetzt noch am Nockherberg in Giesing befindlich, die Quelle des weltberühmten „Salvatorbieres".
Wenn schon die Hauptgebäude der Au sämtlich ihre Bestimmung gewechselt und ihr Äußeres der Neuzeit angepaßt haben, so ist doch die alte Zeit nirgend so lebendig als hier. Da gibt es noch schmale Sträßchen mit einstöckigen aneinandergeklebten Häusern, kleinen Wasserläufen, über die hölzerne Brücken führen, bescheidenen ländlichen Vorgärten, kurz das ganze reizvolle Wesen, das heutige Maler ebenso unwiderstehlich anzieht wie einen Lebschee oder Karl Spitzweg. Das „Paschihaus" (ehemaliges Pagenhaus) überrascht auch jetzt, so sehr es umgebaut ist, durch seine Gestalt und Lage; noch steht das Haus des „Radlwirt", das zu Wilhelm IV. Zeit von Andreas Radl erbaut und als Wirtschaft aufgetan wurde. An die Falknerei mahnen Falkenstraße und Falkenwirt. Aber die bauliche Besonderheit der Au, die sie nur mit Giesing und Haidhausen teilt, bilden die sogenannten „Herbergen".
Die Herbergen sind einstöckige Holzbauten in der Weise altbayerischer Bauernhäuser; meist umgibt den niedrigen Oberstock ein hölzerner Altan, auf dem Wäsche zum Trocknen hängt oder etwelche Pflanzen gezogen werden. Bunte Fensterläden beleben den Ton des alten Holzwerks. Oft hat jedes Stockwerk seinen eigenen Eingang über eine schmale von außen hinaufführende Treppe oder kleine Brücke von der Straße her. Jede solche Wohnung kann, soviel Räume sie eben umfaßt, vom Besitzer selbständig veräußert werden, und bei Niederlegung der Häuser müßte der Magistrat München sie den Insassen mit Geld ablösen.
In diesen Vorstadthäusern vererbte sich lange Zeit ein frommer Brauch, der freilich verschollen ist. Bald im einen, bald im andern Hause kamen während der Adventszeit die Nachbarn Abends zusammen, entzündeten ein paar Wachslichter auf dem Tisch, stellten dazwischen als „Sinnbild" die Figuren der hl. Jungfrau und des hl. Josef und Huben, nachdem der Rosenkranz gebetet worden, die Herberggesänge zu singen an. Der Hauptgegenstand dieser Lieder war: Maria bittet Josef, ihr eine Herberg zu suchen, wo sie sich ihrer heiligen Bürde entledigen kann. Aber vergeblich klopft Josef an alle Türen; mit groben Reden wird er fortgescheucht: nirgends ist Raum für die Müden, die schließlich im Stall sich ein Obdach suchen müssen. Die Sänger wehklagen darum und sprechen ihre Entrüstung aus:
„Felsenharte Bethlehemiten,
Wie könnt Ihr so grausam sein?..“
um am Ende demütig und treuherzig zu bitten, daß die heilige Mutter hier bei ihnen einkehren möchte:
„Ganz unwürdig solcher Ehre
Ist zwar dieses Sündenhaus;
Doch, o Mutter, mich anhöre:
Schlag mir nicht mein' Wohnung aus!
Wo du und dein Kind zugegen,
Da ist die Vergnügenheit.“..
Ebenso wird der heilige Josef innig eingeladen:
„Einstens batest du die Sünder,
Doch umsonst; jetzt bitt ich dich.
Wenn du kommst zu Menschenkindern,
Wer ist glücklicher als ich?!“-
Neben diesem häufigsten Thema der Obdachsuchenden heiligen Fa- milie kamen meist Hirtenlieder zum Vortrag. Seltener wurde ein anderes Lied gesungen: wo ein Kind nächtlicher Weile ans Fenster pocht und von der „Schäferin", die offenbar als Verkörperung der christlichen Seele gedacht ist, Einlaß begehrt. Sie weigert sich zunächst, ist voll Mißtrauen gegen den späten seltsamen Gast: . .
„Ich hier mich nur allein befind',
Magst etwa sein ein loses Kind;
[: Nein, nein, laß dich nicht ein."]
Aber der Adel in den Worten des Kindes, das angibt, es wolle ein ihm verloren gegangenes Schäflein suchen, überwindet sie:
„Glaub schwerlich, daß ein fremdes Schaf
Sich in der Au befindt.
Eh als ich dir die Port aufmach,
Sag mir: wer bist, mein Kind?
Oder wer ist der Vater dein,
Daß du schon jetzt ein Hirt mußt sein,
[: So jung, so zart, so fein?" :]
Worauf die Antwort kommt:
„Mein Vater ist von Ewigkeit,
Und ewig ist sein Reich;
Sein eingeborner Sohn zugleich
Ich ewig bin und bleib.
So merke nur und mich anhör:
Dein arme Seel von dir begehr;
[: Drum bin ich hier, schenk's mir!" :]
Den Heiland erkennend, bricht die bisher Zweiflerische in Entzücken aus und öffnet ihm Heim und Herz:
„Mein Herz ich dir eröffnen thu,
Darin sollst finden Rast und Ruh.
[: Ich bitt, abschlag mirS nicht!" — :]
Den ganzen Brauch dieses Zusammenkommens und dieser Gesänge nannte man „die Herberg abstatten". Erst um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts kam er ab.