Raff - So lang der alte Peter... (Seite 153)
Bei dem uralten, ehemals nach Bogenhausen eingepfarrten Kirchlein des hl. Nikolaus auf dem Gafteighügel stand das Spital der unheilbaren ansteckenden Kranken, der „Sundersiechen". Die Leprosen (d. h. Aussätzigen), die nur hier und im Nikolausspital in Schwabing untergebracht wurden, trugen besonders vorgeschriebene Tracht: schwarz oder grau, darüber einen schwarzen Mantel bis an die Kniee und hierüber einen breiten weißen Leinenkragen. Ebenso gingen auch die Weiber „mit Übermäntl und Kragen und hatten hoch- oder spitzgupfige Hüte wo nicht auch einen weißen Schleier um das Kinn." Sowohl die Siechen zu Schwabing wie die am Gasteig hatten ein kleines Häuslein am Weg „neben den Angern hin", wo die Leute aus der Stadt vorbeigingen, wenn sie eine der beiden Nikolauskirchen besuchen wollten. Die St. Nikolauskapelle am Gasteig ward zumal am Ostermontag viel besucht, „da man nach Emmaus geht". Die Siechen machten mit kleinen hölzernen Pritschen die sie hatten, „ein Getös", um-die Aufmerksamkeit und Gebefreudigkeit der Vorübergehenden zu erregen. Auch durften sie zu bestimmten Zeiten, am Mittwoch und Freitag in der Quatemberwoche, in die Stadt kommen, wo sie mit ihren Pritschen „ein großes Getös" machten und Almosen sammelten unter dem beständigen Ruf: „Gebts, weilS lebts! WannS nimmer lebts, könntS nimmer geben! Vergelts Gott tausendmal, vergeltS Gott!"
Als der Aussatz, diese spezifisch mittelalterliche Krankheit, auf deutschem Boden erloschen war, blieb das Spital noch eine Zeit lang die Zuflucht der mit anderen ekelhaften oder unheilbaren Übeln Behafteten, bis es 1862 abgebrochen ward.
Neben der NikolauSkirche steht die kleine Altöttinger Kapelle, deren Gründung auf den frommen Herzog Wilhelm V. zurückgeführt wird, und die ebenfalls durch lange Jahre ein beliebtes Wallfahrtsziel der Münchener war.
Am Gafteig wurde 1561, als Merkzeichen des hier endenden Münchener Burgfriedens, ein Kalvarienberg errichtet. Noch keine hundert Jahre hatte er bestanden, da kam der gelehrte Jesuitenpater und Poet Jakob Balde heraufgewandelt und rastete am Kalvarienberg. Hierbei entdeckte er, daß in dem hölzernen großen Kruzifix ein junger Bienenschwarm sich eingenistet hatte und ein ebenso emsiges als vergnügtes Dasein führte. DaS regte den geistlichen Dichter zu sinniger Betrachtung an, und er verfaßte darauf hin eine Dichtung, benannt „Der Bienenstock" in sieben lateinischen Oden, deren letzte mit frommer Anrufung des gekreuzigten Heilands schließt. —
Die Sage läßt auch einen anderen hier oben kurze Rast halten, nämlich den „ewigen Juden". Der soll 1702 von der Salzburger Straße her zum Gafteig hingekommen sein und nach München hereingewollt haben; es wäre ihm aber nicht erlaubt worden. Da beschied er sich in Demut, sagte zu vielen Leuten, die ihn umstanden: das Chriftus- bild auf dem Hügel sei das wahre Abbild unseres Herrn, betete auch lange davor und beschenkte etliche mit Rosenkränzen und sonstigen andächtigen Dingen, ehe er seines Weges wieder von dannen zog.
Die wundersame Mär wird aber noch anders erzählt. Es wäre nämlich der AhasveruS 1721 am Jsartor erschienen, und es wäre, nachdem er sich genannt, der Einlaß in die Stadt ihm verweigert worden. Darauf hätte er jedoch in Haidhausen Unterkunft gefunden und dort mit allerhand Geschmeide, das er bei sich trug, eine ergiebige Handelschaft eröffnet. Der Zulauf zu ihm steigerte sich rasch, um so mehr als er umständlich von den Wundern und dem Leiden des Heilands, auch von den Aposteln, die er alle persönlich gekannt haben wollte, zu erzählen wußte.
Überdies hatte er, wie er sagte, schon siebenmal den ganzen Erdkreis durchwandert und berichtete merkwürdige Dinge davon. Die Meisten glaubten ihm aufs Wort und kauften desto lieber bei ihm ein. Das Kruzifix auf dem Gafteigbergl bezeichnete er als das einzig wahre und genaue Abbild unseres Herrn, betete auch mit großer Andacht davor. Nachdem er einige Zeit dagewesen, verschwand er eines Tages so plötzlich wie er gekommen war.
In den nächsten paar Jahren soll der angebliche „ewige Jude" noch anderwärts, so in Bamberg und in Würzburg, aufgetaucht sein, bis er, überall ausgewiesen, endlich spurlos verschwand.