Zum Inhalt springen
Menü

Sagen & Geschichten

Außerhalb der Tore

Bogenhausen

Raff - So lang der alte Peter... (Seite 151)

Bogenhausen

Bogenhausen, im achten Jahrhundert „Puginhusir", später „Pu- genhausen" benannt, war zuerst geistliches Land: die Benediktiner von Schäftlarn waren dort begütert; später scheint es an das Hochstift Freising gelangt zu sein. Hinwieder belehnte Herzog Ludwig II. („der Strenge") 1272 den Edlen Heinrich von Schwabing mit allen Gütern zu „Pugenhausen und obern Beringen" (Bogenhausen und Ober- föhring); schon im nächsten Jahr jedoch vertauschte der Lehensträger die Güter gegen anderen Landbesitz an Bischof Konrad II. von Freising. Auch ein Nonnenkloster (das von St. Clären) besaß um jene Zeit schon in Bogenhausen zwei freieigene Höfe und eine Mühle.

Die Pfarrei Bogenhausen war im 14. Jahrhundert eine sehr ausgedehnte: sie umfaßte acht Filialen mit Begräbnisstätten, nämlich: Giesing, Haidhausen, Harthausen, Trudering, Riem, Gronsdorf, Hart und das Leprosenkirchlein St. Nicolaus am Gasteig. Im Jahre 1524 zählte die Pfarrei achthundert Seelen.

Der dreißigjährige Krieg verschonte den friedsamen Ort nicht: die Schmiede und etliche Häuser von Bogenhausen gingen beim Durchzug der Schweden in Flammen auf. Später, da es sich wieder erholt hatte, war das Dorf durch den Reiz seiner Lage jenseits der rauschenden Isar, sowie ein paar gute Einkehrhäuser ein beliebtes Ziel der Münchner Spaziergänger. Zwischen Wiesen und Bäumen lagen verstreut die herrschaftlichen Ansitze: am Jsarabhang der des Grafen Montgelas, des eine Zeit lang allvermögenden Ministers unter König Max Joseph I. Hier in Bogenhausen haben 1815 Fürst Taxis am 5. Oktober und General von Wrede am 6. Oktober es gegen die Meinung des von Napoleons Unbesiegbarkeit durchdrungenen Grafen Montgelas erreicht und erstritten, daß Bayern sich von Napoleon ab und der deutschen Sache zuwandte.

Oben auf aussichtsreichem Hügel über dem heutigen Brunnthal (das Ende des 17. Jahrhunderts eine Art Weiberspittel gewesen sein soll)

stand der „Kögelhof", der sich allmählig zu einem Schlößchen auswuchs. 1740 wurde dies, Eigentum des Hofkammerrats Greg. Kasp. von La- chenmayer, unter dem Namen „Neuburghausen" zu einem adeligen Sitz erhoben und mit Patrimonialgerichtsbarkeit ausgestattet. Später kam Neuburghausen oder Neuberghausen in die Hände der Grafen Törring, aus deren Hause zwei, Georg und Josef Ignaz von Törring, auch in der St. Georgskirche zu Bogenhausen bestattet sind. Als 1766 die Kirche neu erbaut ward — sie bietet eines der reizvollsten Beispiele für eine ganz im Stil des Spätrokoko durchgeführte Dorfkirche -- stiftete Graf August von Törring, damals Besitzer von Neuberghausen, den Choraltar, der das Bildnis des heiligen ritterlichen Kirchenpatrons trägt und die Kanzel, über der drei schwebende Engel die Sinnbilder des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe halten. Zu dankbarem Gedächtnis des Stifters ist am Hochaltar das Törringsche Wappen angebracht. Die Törring, Landjägermeister von Bayern, aus deren Stamme bekanntlich außer Kriegs- und Staatsmännern ein vaterländischer Dichter, der Verfasser der Dramen „Kaspar der Torringer" und „Agnes Bernauerin" entsprang, waren auch ansässig drüben in Haidhausen (alt Haidhustr), wo ihnen der prächtige ehemals Fuggersche Lustgarten gehörte und ihr Lustschloß auf dem Bezirk etwa der späteren Schloßstraße lag. Sie hatten dort zu Nachbarn noch ein Geschlecht, dessen Name mit der bayerischen Geschichte eng verbunden ist, die Grafen von Prey- sing-Hohenaschau.

Das Schlößchen Neuberghausen erwarb späterhin König Maximilian II-, der ein Stift für die Töchter von Staatsbeamten daraus machte. Der Plan des Königs, sich im Garten des Stiftes ein Mausoleum zu errichten, blieb unausgeführt.

Der feierliche Tag für Bogenhausen war ehedem, wie natürlich, der Tag des Kirchpatrons, des hl. Georg, am 23. April. Die Flößer, sowie die Ökonomen und herrschaftlichen Grundbesitzer der Umgegend fanden sich in großer Zahl dazu ein. Nach dem levitierten Hochamt (das jetzt am Sonntag nach Georgi stattfindet) ging es in den Garten der vormaligen Beh'schen Gastwirtschaft, wo Gelegenheit zu reichlicher Erquickung durch Speise und Trank sich bot. Gewöhnlich war nächsten Tages in der Zeitung zu lesen, wie viel Paar Würstel und wie viel Kirchweihnudeln verzehrt, auch wie viel Banzen zu Ehren des Festtages geleert worden waren. Mitten im Garten des Wirtshauses stand eine der behaglichen alten Tanzlauben — ein überdachter hölzerner Rundbau auf hölzernen Säulen — wie eine solche auch auf dem Wege von Föhring nach dem heutigen Herzogpark jüngst noch träumte. Da konnte das junge Volk zur Feiertagslust sich munter im Kreise drehen. Die Decke der Tanzlaube war einst bemalt; ebenso schmückte bunte Malerei das Kinderkarussel, das später unterm Dach des alten Tanzbodens aufgestellt war und bei Jugendfesten im Freien eine große Anziehungskraft ausübte.

Dies alles hat nun sein Ende gefunden, so gut wie das „Hendlbraten" resp. „Hendlessen", das als eine rühmliche Besonderheit des „alten Betz" galt. Jetzt ist die Gastwirtschaft aufgehoben, die Gebäude sind zu einer Chemikalienfabrik umgeftaltet, und nur die alte Tanzlaube im Garten, ein verlassenes Überbleibsel, mahnt an Bogen- hausens idyllische Zeit, aus der zum Glück die zopfige Pfarrkirche und das Pfarrhaus unverändert erhalten sind.

An der Mauer der kleinen Kirche befindet sich eine Steintafel zum Gedächtnis des Hofaftronomen Dr. Johann Söldner, Erfinder der Söldnerschen Coordinatensystems; eine andere bezeichnet die alte Grabstätte Johannes von Lamonts, der, ein gebürtiger Schotte, vom Jahre 1835 an vierundvierzig Jahre Direktor der Sternwarte war. Die Bogenhauser Sternwarte ward errichtet 1817. Zuvor im 18. Jahrhundert wurden die von der Akademie der Wissenschaften ausgehenden astronomischen Beobachtungen auf dem frei und hochgelegenen „Geister- schlößl", das sich auf einer Bastion der alten Stadtumwallung befand und Schauplatz aller möglichen Spuksagen war, angestellt, sowie auf der „Schwanenburg" am Gasteig, da wo heute das Gasteigspital steht. Lamont, gestorben 1879, hat neben dem südlichen Bogenhauser Friedhofseingang ein größeres später errichtetes Grabdenkmal mit seinem Bildnis und der Grabschrift:

„El coelum et terrain exploravit.“