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Sagen & Geschichten

Außerhalb der Tore

Ramersdorf

Raff - So lang der alte Peter... (Seite 148)

Ramersdorf

Der weitberühmte Kaiser Ludwig der Bayer besaß zu eigen einen heiligen Kreuzpartikel, den trug er alle Zeit in einer Kapsel an einem Kettlein um den Hals. Als er nun Anno 1347 Todes verblichen war, da erbte sein Sohn, der Markgraf Otto von Brandenburg, gedachtes Heiligtum und trug es gleichermaßen bei sich. Über eine Zeit tat der Markgraf Otto mit seinem Bruder Stephan und anderen Herren eine Pilgerfahrt zum heiligen Grab. Da verhielten sie sich eine ziemliche Frist in der Stadt Jerusalem, ohne doch irgend Jemand ihren Stand und Namen kundzutun, denn sie wollten unerkannt bleiben. Aber aller Vorsicht zum Trutz spürten etliche von den Türkischen eö aus, wer die Beiden wären, und gedachten: zwei Fürsten mit samt ihrem Geleit wären ein feiner Fang, der ein hohes Lösegeld bringen möchte. Also beschlossen die Heiden, die Pilger aus Bayerland an einem Tag, wo sie alle beisammen wären, zu überfallen.

Es lebte aber zu Jerusalem ein Jude, Aaron geheißen, der hatte früher eine Zeit in München gewohnt und mancherlei Guttat empfangen von einem Münchner Patrizier, der hieß Johannes Ligsalz und befand sich auch in Jerusalem mit dem Markgrafen. Nun kam zu dem der Aaron und entdeckte ihm den bösen Anschlag der Türken, den er weislich ausgekundschaftet hatte. Alsbald brachte der Ligsalz die Nachricht seinen fürstlichen Herren. Die wußten wohl, wessen sie sich von den blut- und habgierigen Heiden zu versehen hätten; darum besandten sie eilig ihre Mitpilger und redeten untereinander ab, daß Jeder einzeln und heimlich das Weite suchen sollte: erst außer der Stadt wollten sie sich wieder zusammenfinden.

Die Türken derweil erfuhren von ihren Spähern: zur Zeit seien die Wallfahrer alle unter einem Dach versammelt. Sie rückten also stattlich an und umzingelten das Gebäu; aber da sie eindrangen, fanden sie eö leer. Während sie nun hin und her stritten, nach welcher Richtung die Vögel entwischt sein möchten, gewann die kleine Schar der Bayern einen großen Vorsprung. Doch lag es am Tage, daß die Türkischen ihnen nachsehen würden; und weil deren gar viele und wohlberitten waren, sahen die Pilger den Untergang vor Augen, denn weder die Fürsten noch ihre Gefolgschaft wollten sich gutwillig ergeben. Da tat der Markgraf Otto ein Gelübde zu der seligsten Jungfrau Maria, von der ein Bildnis in der Kapelle zu Ramersdorf verehrt ward: wenn ihnen Allen Rettung würde aus der drohenden Gefahr, so wollte er seinen Kreuzpartikel in die Kapelle stiften und ihn dort dem Marienbilde umhängen.

Die Türkischen aber hatten sich richtig aufgemacht und jagten den Pilgern nach. Ein paarmal war es nahe daran, daß sie ihrer habhaft geworden wären, aber immer führte irgend ein Umstand sie irr, und sie suchten und suchten, als ob sie mit Blindheit geschlagen wären. So kam es, daß die beiden Fürsten den Meeresstrand erreichten und ein Schiff bestiegen, das dort vor Anker lag; das führte sie mit ihrem ganzen Geleit davon.

Als sie schon dahinsegelten, gelangten die Türken auch ans Ufer und verfolgten zu Schiff die Entflohenen. Doch ging eö ihnen zu Wasser wie zu Lande: ein widriger Wind trieb sie der Kreuz und Quer, und die Anderen waren zu weit voraus — so mußten sie zuletzt grimmig enttäuscht das Steuer wenden und heimsegeln.

Die Wallfahrer aber priesen Gott und seine seligste Mutter dafür, daß sie so glücklich entronnen waren; und als sie ins Land Bayern zurückkehrten, da löste der Markgraf Otto alsbald sein Gelübde ein und opferte seinen heiligen Kreuzpartikel der Jungfrau Maria in Ramersdorf. Und es war eine große Freude über die Heimgekommenen und taten Viele den Dank für deren wunderbare Rettung durch Opfer und milde Gaben gleichfalls kund. —

Das war im vierzehnten Jahrhundert.

Dreihundert Jahre später geriet nochmals eine kleine Schar von Münchnern in große Not: anno 1632, da der Schwedenkönig Gustav Adolf als Sieger die Stadt München in feiner Gewalt hielt. Zum Entgelt, daß er nicht rauben und brennen hatte lassen, sollte ihm die Stadt dreimalhunderttausend Taler Brandschatzung entrichten. Die konnten nicht allsogleich bezahlt werden, und da ließ der König, bis daß es geschehen wäre, zweiundvierzig angesehene Männer geistlichen und weltlichen Standes als Geiseln ausheben und von dannen führen. Sie wurden am 7. Juni in Kutschen gesetzt und unter starker soldatischer Bedeckung nach Augsburg gebracht, wo sie, gemeinsam mit den Geiseln von Landshut, Freising und Weilheim, in Haft verblieben. In der alten bischöflichen Pfalz wurden sie gefangen gehalten, mit großer Härte behandelt, gelegentlich sogar mit dem Tode bedroht. Damals taten sämtliche Geiseln das Gelübde, im Falle glücklicher Wiederkehr nach München „einen löblichen Gottesdienst mit Predigt und Prozession zu Talkirchen oder Ramersdorf abzuhallen und dort der Mutter und Patronin eine ewige Lobtafel" aufrichten zu lassen.

Nach dem Tode des Königs Gustav Adolf in der Lützener Schlacht verschlimmerte sich das Schicksal der Geiseln beträchtlich, denn sie sollten, wie ihnen angekündigt ward, nun nicht mehr Gefangene der Krone Schweden, sondern derjenigen Generäle and Obersten sein, denen der Rest der Brandschatzungssumme zugewiesen worden. Von dieser Summe war aber erst die kleinere Hälfte bezahlt. Häufig wurden Abgeordnete von den Gefangenen selbst — natürlich gegen Versprechen der Rückkehr — in die Heimat gesandt; es kamen auch zu Beginn des Jahres 1633 Abgesandte von München und vom Kurfürsten nach Augsburg, um den schwedischen Generalen etwas von der noch ausstehenden Summe abzuhandeln. Aber das alles führte zu nichts; vielmehr wurden die Schweden noch dadurch erbittert, daß zwei der Geiseln, einer von München und einer von Landshut, trotz ihres Eides von solch einer Gesandtschaft nicht zurückkehrten. Daraufhin wurden im Juni 1633 die übrigen Geiseln gefesselt zur Armee geführt, erst nach Donauwörth, dann nach Nördlingen. Auf inständiges Bitten wurde ihnen erlaubt, nochmals Abgesandte zu schicken, für deren Rückkunft alle Übrigen sich „mit Leib und Blut" verbürgen mußten. Die Verhandlungen mit der Heimat und dem Kurfürsten brachten nur den einen Gewinn, daß die Gefangenen wieder nach Augsburg geschafft wurden.

Endlich ward der Handel so geschlichtet, daß gegen Salzlieferungen, die von Bayern aus zu leisten wären, etliche Augsburger Handelsherren sich bereit erklärten, den schwedischen Obersten das noch fehlende Geld zu erlegen. Aber infolge des Mangels an Pferden und der Kriegsschwierigkeiten überhaupt trafen die Salzlieferungen ebenso verspätet und unregelmäßig ein, wie die Spenden an Geld und Lebensmitteln, die von München aus den unglücklichen Geiseln gesandt wurden; und diese litten deshalb oft bittere Not. Erst im März 1635 schlug ihnen die Erlösungsstunde und sie kehrten — mit Ausnahme von dreien — nach fast dreijähriger Gefangenschaft zurück in die Heimat, in die Arme der Ihrigen. Sie erfüllten alsbald ihr Gelübde, zogen zu feierlichem Dankgottesdienst nach Ramersdorf und ließen die Votivtafel machen, die sich zu ewigem Angedenken der Stifter heutigen Tages noch dort befindet. Alle sind, im Gebet vor der seligsten Jungfrau knieend, darauf abgebildet.

Das Andenken der Männer, die für sie gelitten, hat die Münchnerstadt auch bewahrt, indem sie eine ganze Anzahl Straßen nach deren Namen benannt hat.

Noch zwei andere Votivtafeln, gleichfalls mit den Bildnissen der Stifter geschmückt, hängen zu Ramersdorf. Erstens die der sieben Münchner Bürger, die 1683 — „alß der Türk Wien belagerent der gantzen Christenheit den gäntzlichen Untergang anthroete" — eine jährliche Messe an jedem Sonn- und Feiertag des „Frauendreißigers" gelobten, ein Verbündnis, das seit 1894 in die hl. Geistkirche überging. Ferner eine Tafel ganz im Sinne der Schwedengeiseln errichtet von den zwanzig Geiseln, welche im Oktober 1742 von den Österreichern mitgenommen wurden, als diese München nach neunmonatlicher Okkupation verließen. Die Gefangenschaft der Armen — zuerst in Linz, dann in Graz — währte dreiviertel Jahre; zwei der Geiseln starben in dieser Leidenszeit. Die Übrigen kehrten glücklich heim und erfüllten ihr Gelöbnis zu Ramersdorf.