Raff - So lang der alte Peter... (Seite 145)
Im Heideland bei Ramersdorf ist eö nächtlicher Weile nicht geheuer. In der Walpurgisnacht, der Allerseelennacht und den Gebnächten steigen die Toten aus den Gräbern der Freithöfe von Trudering, von Ramersdorf, Perlach und Haidhausen. Da sitzen sie im Kreise auf der Heide umher und halten Gericht über einen unseligen Toten, der inmitten kniet, gleich den andern in längst verschollener Tracht. Neben ihm steht der Henker mit Strick und Schwert; der haut ihm, sobald das lautlose Gericht am Ende und das Urteil gefällt ist, das Haupt ab. Im selben Augenblick schlägt es ein Uhr auf der Kirche zu Ramersdorf — und die Geister sind sämtlich zerstoben.
Der, an dem dies nächtliche Gericht sich vollzieht, soll ein reicher und mächtiger, aber ebenso harter und grausamer Ritter zu Trudering gewesen sein, der seine Hörigen drückte und viel unschuldiges Blut vergoß. Bei Trudering - bekanntlich dem ältesten, angeblich in graue
Heidenzeit hineinragenden Dorf um München — ist auf ebenem Boden ein tiefes breites Loch; da hinein soll eineS^ Tages das Schloß des bösen Ritters samt dem Schloßherrn versunken sein. Die Schloßfrau aber, Uta geheißen, war zur Zeit, als dies geschah, aushäusig; heimkehrend, sah sie eben noch den Kamin des SchloffeS in die Tiefe versinken. Darnach wohnte Uta im Dorfe Trudering, tat den Armen viel Gutes und vergabte der Gemeinde reiches Wald- und Ackerland. Uta soll später einen bayerischen Herzog gefreit haben.
Etliche sehen in ihr die gleiche Uta, die den Tod St. Emmerams verschuldete. Deutlich drückt dies eine zweite Form der Sage aus. Die meldet: als St. Emmeram des Martertodes gestorben und seine Unschuld offenbar geworden sei, hätte Herzog Theodo seine schuldigen Kinder, Uta und ihren Bruder Lambert, in die Verbannung geschickt. Da hätte Uta viele Jahre auf dem Schlöße bei Trudering gelebt, in großer Reue, und hätte zur Sühne ihrer Tat all ihr Hab und Gut den Armen geschenkt. Nachdem sie aber gestorben und unter den Klagen der ganzen Gegend bestattet worden, wäre ihr Schloß später eben jenem bösen Ritter zugefallen, der in Allem das Gegenteil der verstorbenen Wohltäterin gewesen und darum nach seinem, durch Gottes Zorn bewirkten Tode noch dem Gerichte verfallen sei.
Ungewöhnlich lange, wenn auch in widersprechender und verblaßter Überlieferung hat sich Utas Angedenken in Trudering erhalten. Noch bis in die neueste Zeit wurde der toten Guttäterin dankbar bei feierlichen Gottesdiensten gedacht; auch ward am Pfingstfreitag in der Kirche Vesper und Litanei gehalten, weil an diesem Tage das Schloß versunken sein soll. Der Platz, wo es versank, wird an der Landstraße bei Trudering noch heute als „Utahöhle" gezeigt; desgleichen mahnt die Bezeichnung einzelner Grundstücke als „Utta-Teil" in alten Truderinger Katastern an die Schenkung, die Uta dem Dorfe gemacht.
Der Name Uta webt überhaupt durch die Ortschaften der späteren Grafschaft Ismaning.
Das unbebaute Weideland an Stelle des heutigen Ober-Föhring, samt zwei frühchristlichen Kirchen aus der Römerzeit, gehörte seit König Pippins Zeiten dem Bischof von Freising, der hier eine tüchtige Holzbrücke über die Isar schlagen ließ, der Salzzüge wegen. Ein Meierhof aber und etliche Hufen Landes dabei waren dem fränkischen König zu eigen. Die vergabte König Arnulf der Karolinger seiner Gattin Uta, die bayerischen Stammes war, als Witwensitz.
Sie soll die Gegend besonders geliebt und häufig der Andacht zu dem Blutzeugen St. Emmeram in dessen nahegelegener Kapelle gepflo
gen Museumsinsel, legte er der Isar eine neue Brücke auf: sie führte hinüber zu der Stätte, wo bisher hauptsächlich drei Benediktinerklöster begütert waren, zum Dorfe „Bei den Munichen".gen haben. Eine Sage knüpft sich an ihren Namen, ähnlich der von der Pfalzgräfin Genovefa oder der Jutta von Braunsbcrg in Tirol: daß nämlich ein böser Ritter, dem König Arnulf zu sehr vertraute, eben hier in Föhring die reine Königin mit sündlicher Leidenschaft bedrängt hätte. Als sie ihn zürnend abgewiesen, hätte er listig üble Nachreden gegen sie auSzustreuen und den Kaiser selbst mit Mißtrauen gegen sie zu erfüllen gewußt, bis er, auch von diesem beleidigt, sich zu dessen Feinden geschlagen hätte, und als Rebell mit den Waffen in der Hand gefangen genommen worden sei. Zur letzten Rache wäre er der Königin anklagend gegenüber getreten und hätte sie schändlicher Untreue geziehen, was der verbitterte, argwöhnische Arnulf auch geglaubt und seine Gattin vor Gericht gestellt hätte. Aber Uta betete zu Gott und legte getrost ihre Hand auf das Evangelienbuch, um laut ihre Unschuld zu beschwören; als dann ihr Verleumder trotzig dagegen schwören wollte, tat Gott ein Zeichen an ihm, daß Hand und Arm ihm gelähmt wurden. Da boten der König und seine Edlen der Frau alle große Ehre; der Missetäter aber ward hingerichtet. — Soweit die Sage.
Geschichtlich ist, daß Uta den Meierhof zu Föhring besaß und daß Ludwig das Kind, ihr Sohn, ihn von ihr empfing. Ihr Name und ihre Andacht zu St. Emmeram sowie ihr bayerisches Fürstenblut gaben vielleicht Anlaß zu einer Verwechslung mit jener früheren Uta. Ob nicht am Ende die Uta-Stiftung zu Trudering mit ihr zusammenhängt? — /
Aber kehren wir zurück nach Föhring.
Als der Freisinger Dom abbrannte (903), schenkte Ludwig das Kind sein von der Mutter überkommenes Hofgut zu Föhring dem Bischof Waldo als Beisteuer zum neuen Dombau. Mehr und mehr bildeten die Bischöfe den Handelsweg aus, den ihnen der Besitz Föh- rings und der Jsarbrücke gewährleistete: den Weg vom Salzburgi- schen über Föhring ins verkehrsreiche Augsburg. Auch eine Münzstätte gründeten sie zu Föhring am Ende des ersten Jahrtausends nach Christus und blieben so fast zweihundert Jahre im ungestörten Besitz. Noch spät, um die Wende des 13. Jahrhunderts zum 14., umfaßte das Freisinger „Amt Föhring" eine ganze Reihe von Ortschaften am Jsarrain und am Würmsee — —
Mitten hinein in die Entwicklung sprengte der bewaffnete berittene Troß, mit dem Heinrich der Löwe, der Welfenherzog, um 1157 Ober- föhring überfiel, Brücke und Markt zerstörte. Der von ihm vernichteten Schöpfung des Bischofs setzte er eine eigene entgegen, ebenso lebensfähig aus den gleichen Bedingungen der Natur und des Verkehrs. Wo die heutige Ludwigsbrücke steht, bei der Kohleninsel, jetzigen Museumsinsel, legte er der Isar eine neue Brücke auf: sie führte hinüber zu der Stätte, wo bisher hauptsächlich drei Benediktinerklöster begütert waren, zum Dorfe „Bei den Munichen".