Raff - So lang der alte Peter... (Seite 122)
Am Eingang des alten Hofes lag vormals an einer Kette ein gewaltiger Stein, mehr denn drei Zentner schwer. Daneben in der Mauer waren drei Nägel eingeschlagen und eine steinerne Tafel angebracht, mit folgenden Versen darauf:
„Als nach Christi Geburt gezehlet war
Vierzehnhundert neun und achtzig Jahr
Hat Herzog Christoph hochgeborn
Ein Held aus Bayern auserkorn
Den Stein gehebt von freyer Erd
Und weit geworfen ohngefehrd.
Wiegt dreyhundert vier und sechzig Pfund,
Deß gibt der Stein und Schrift Urkund.
Drey Nägel stecken hier vor Augen,
Die mag ein feder Springer schaugen,
Der höchste zwölf Schuh von der Erd,
Den Herzog Christoph ehrenwerth
Mit seinem Fuß herab tät schlagen.
Kunrad lief bis zum andern Nagel
Wohl von der Erd zehenthalb Schuh,
Neunthalb Philipp Springer luef
Bis zum dritten Nagel an der Wand.
Wer höher springt, wird auch bekannt.
Als unter Kurfürst Maximilian I. das neue Residenzschloß erbaut ward, ließ der Fürst den Stein, sowie die Nägel und die Tafel in einen Hof der neuen Residenz versetzen, wo sie annoch zu sehen sind.
Wer die beiden Wettkämpfer des Herzogs „Kunrad" und „Philipp" gewesen sind, wissen wir nicht. Herzog Christoph aber, geboren am 5. Juni 1449, war einer der fünf Söhne, die Albrecht III. von seiner Gemahlin, Anna von Braunschweig, gehabt. Von Gestalt hager und unansehnlich, besaß er eine ungewöhnliche Stärke und Behendigkeit, dazu eine feurige, unstete und unternehmende Sinnesart. In Kamps und Ritterspiel, sei es zu Schimpf oder Ernst, tat es ihm keiner zuvor; daher ward er der „Kämpfer" benannt. Ein harter und gar vergeblicher Kampf nahm lange Zeit feine beste Kraft: der um die Mit- regentfchaft Bayerns neben seinem Bruder, dem Herzog Albrecht IV. Durch zweiundzwanzig Jahre (von 1463 — 85) währte der Bruderstreit; gewaltsame Taten auf beiden Seiten zeitigte er. Herzog Albrecht ließ seinen Bruder, vor dessen Anschlägen gewarnt, durch den Grafen Niklas von Abensberg im Bade gefangen nehmen und in den runden Turm setzen. Herzog Christoph, daraus befreit und längere Zeit hin durch mit seinem Bruder verglichen, geriet abermals in Fehde mit ihm und nahm blutige Rache an Albrechts Parteigängern, zumal dem Abens, berger, der im Gefecht bei Freising von Christoph und den Seinen erschlagen ward. Die Gattin des Abensbergers, Frau Martha, eine gebürtige Werdenbergerin, soll vor Schreck und Leid darüber gestorben sein. Am Osterfest desselben Jahres — 1485 — aber wurde ein Landtag zu München einberufen, wo vierundsechzig Schiedsleute den Hader zwischen den fürstlichen Brüdern schlichten sollten. Herzog Albrecht bewährte seine von den Zeitgenossen oft gerühmte Klugheit, indem er dem Spruch der Schiedsrichter zuvorkam und seinen Bruder zu sich ins Schloß lud. Da vertrugen die Fürsten sich brüderlich dahin, daß Herzog Christoph die Alleinherrschaft in Bayern seinem Bruder Albrecht abtrat. Damit ward Friede zwischen den Fürsten, zumal Albrecht sich auch mit seinem Bruder Wolfgang gütlich verglichen hatte; Sigmund hatte bald nach dem Ableben des ältesten Bruders Johann der Regierung entsagt.
Mehr denn zwei Jahrhunderte war das Land von beständigen Erbstreitigkeiten, Teilungen, blutigen Fehden zerrissen worden infolge des gleichen Erbrechtes aller nachgelassenen Söhne eines Fürsten. Mit fester Hand griff Albrecht hier ein, indem er das Erstgeburtsrecht ein- für allemal zum Hausgesetz erhob und dadurch die Herrschgewalt auf einer Person vereinigte.
Wie Christoph der „Kämpfer" hieß, so ward Albrecht „der Weise" genannt. In den beiden Worten liegt der ganze innere Gegensatz beider Brüder beschlossen. Das feurige unruhige Wesen des einen, der in stetem Widerstreit mit sich und der Außenwelt seine Kraft ohne eigentliches Ziel verzehrte, und die klare scharfe Klugheit des anderen, die unter stets ungünstigen Verhältnissen das Mögliche wirkte und erreichte, viel mißkannt und angefeindet, wie denn zu gescheite Leute selten beliebt sind.
Die ritterlichen Eigenschaften Christophs, seine Kraft und Gewandtheit, die ihm beim Landshuter Turnier anläßlich der Hochzeit Georgs des Reichen den Sieg über den stärksten Polenritter verschafft hatten, glänzten noch in den Kriegen des Kaisers Maximilian I. in Flandern und in Ungarn. Bei der Belagerung von Stuhlweißenburg, als das Kriegsvolk schon den Mut zu verlieren begann, sprang der hagere, dunkle Bayernfürft vom Pferde, riß einem Knecht die Lanze aus der Hand, und mit dem Ruf: „Wohlauf, liebe Brüder, mir nach!" setzte er über den Graben und erkletterte kühn die Stadtmauer. Seinem Heldenmut, der die Übrigen anfeuerte, war hauptsächlich die Einnahme der Stadt zu danken; Kaiser Max zeichnete ihn und seinen Bruder Wolfgang dankbar bei jedem Anlaß aus.
Nachdem Christoph das dreiundvierzigste Jahr überschritten hatte, beschloß und vollführte er, zur Sühne früherer Gewalttaten, zumal der Ermordung des Abensbergers, mit noch anderen Fürsten und Edlen die Wallfahrt ins heilige Land.
In Venedig schrieb Christoph, offenbar von Todesahnungen heimgesucht, seinen letzten Willen nieder (vollendet am Tage Christi Himmelfahrt 1493) der gleichsam einen versöhnlichen und reuigen Händedruck an seinen fernen Bruder darstellt; denn seine ganze Ver- laffenschaft war darin dem Herzog Albrecht und besten Leibeserben vermacht.
Christoph erreichte mit seinen Genossen glücklich das gelobte Land, betete am Grabe des Erlösers, beichtete und kommunizierte dort bei den Franziskanern. Auf der Rückreise jedoch befiel ihn ein Fieber; krank landete er auf der Insel Rhoduö bei den Johannitern, deren Großmeister, Graf Rudolf von Werdenberg, sich seiner besonders liebevoll annahm. Die Sorgfalt der Johanniter und ihres Großmeisters war indeß vergeblich: am 15. August, dem Großfrauentag, erlag Herzog Christoph seiner Krankheit und ward in der Kirche des hl. Antonius auf Rhoduö mit großer Trauer und Feierlichkeit bestattet. Nur seinen Schild und sein Schwert brachten die Genossen seiner Pilgerfahrt heim nach München; die wurden in der Burgkapelle aufgehängt und von da in die Georgskapelle der neuen Residenz überführt, wo sie zum Angedenken des starken Herzogs noch bewahrt werden.