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Sagen & Geschichten

Rings in der Altstadt

Die Wadlerbretzen

Raff - So lang der alte Peter... (Seite 110)

Die Wadlerbretzen

Ein ehrsamer Münchner Bürger mit Namen Burkhard der Wadler und seine eheliche Hausfrau Heilwig Wadlerin machten im Jahre 1318 dem Heiligen Geistspital eine Stiftung zu 63 Pfund Pfennigen; denn das Geld wurde dazumal noch gewogen. Von dieser Gült verblieben 46 Pfund 5 Pfennige dem genannten Spital „für die Sundersiechen". Die Stifter hatten aber auch bestimmt, daß alljährlich für 3 Pfund Pfennige Bretzen angekauft und an die Armen ausgeteilt würden. Davon schrieb ein Gebrauch sich her, der fast durch fünf Jahrhunderte bestand, nämlich:

Alljährlich am 1.Mai, als dem Todestag des Stifters, ritt ein Mann mit einem großen Sack voller Bretzen um Mitternacht vom Hl. .Geistspital aus durch die Straßen der Stadt. Das Pferd, auf dem er ritt, mußte ein Schimmel und nur auf drei Füßen locker mit Hufeisen beschlagen sein. Aus seinem Sack warf der Reiter Bretzen unter das Volk mit den Worten: 

„Ihr jung und alte Leut, geht's zun Hl. Geist, wo man die Wadlerbretzen ausgeit."

Im Jahre 1801 starb die letzte aus dem Geschlechte des milden Stifters. In eben diesem Jahr, als der Bretzelspender seinen Umritt hielt und am Ende seines leckeren Vorrats war, riß ihn die Menge derer, die nichts mehr bekamen, vom Gaul herunter und mißhandelte ihn kläglich. Seitdem unterblieb die Spende. Auf einem Deckengemälde in der Hl. Geistkirche ist der Reiter samt feinem 'Schimmel abgebildet.

Gleichfalls einer alten Stiftung gemäß pflegten an den Quatembertagen zwölf Spitalleute, sechs Männer und sechs Weiblein, in schwarzen Mänteln mit weißen Halskrausen und breitrandigen Hüten paarweise vom Hl. Geistspital nach der Frauenkirche zu wandeln und dort der Vigil und dem Requiem beizuwohnen. Im Volksmund hießen sie die „zwölf Apostel" oder auch die „Quatembermanndln". Die Stiftung sollte nach irriger Volksmeinung von Kaiser Ludwig dem Bayern herrühren, stammt jedoch von Maria Anna, der Witwe Albrechts V., die einen „Fürstenjahrtag" gestiftet hatte, bei dem diese Spitaler anwesend sein und beschenkt werden sollten. Zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts ward die Sitte für einige Zeit eingestellt — aber da ging zu München die Sage, daß jene zwölf Spittelleute um Mitternacht ihren Kirchgang in gewohnter Tracht hielten, und daß die Türen des Domes sich von selbst vor ihnen aufgetan und hinter ihnen ge- schlosien hätten. Viele Einwohner wollten dies gesehen haben und deuteten es als eine stumme Wehklage der Toten über das neue unfromme Zeitalter. Nach anderer Lesart wären die geisterhaften Qua- tcmbermanndln die umgehenden Seelen von solchen Spittelleuten gewesen, die im Leben mehr über ihre Verpflegung gemurrt und auf die Nebenmenschen gelästert hätten, als der Andacht und einem gottgefälligen Lebenswandel obzuliegen. Das müßten sie jetzt nach ihrem Tode noch büßen und nachholen.