Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 119)
Joseph Görres ließ in seinem „Rheinischen Merkur" den „Kurfürst Maximilian I. an König Ludwig bei seiner Thronbesteigung" folgende Worte richten:
„Wie Du Dein Angesicht der Zukunft entgegenwendest, so laß es auch auf die alte Zeit gerichtet sein. Baue nicht auf fließende Wasser und den Flugsand menschlicher Meinungen. Sei ein christlicher Fürst, Säule zugleich dem Glauben und Schützer der Geistesfreiheit, und Dein Beispiel möge die Zeloten von zweierlei Art verstummen machen. Sei auch den Künsten ein Nährvater und Beförderer; sie mögen unter Deiner Pflege nach ihrer irdischen Bestimmung fortdauernd das menschliche Leben verschönern und erheitern und nach ihrer höheren die Arquellen aller Schönheit verherrlichen; aber lasse Dich von ihrem Zauber nicht über Gebühr befangen. Dulde nicht, daß aufrührerische Gesinnung die Grundfesten des Thrones untergrabe: denn die große Säule des Lauses, auf der alle Gewölbe ruhen, darf nie auf wankendem Grunde stehen, soll nicht dem Ganzen der Einsturz drohen. Wolle auch Du die Erfahrung der Zeiten ehren, denn das Volk hat sich dem Fürsten nicht zur Dienstbarkeit, sondern zum Schutze übergeben, daß er nicht mit Gewalt über Sklaven, sondern mit Milde nicht bloß über Bürger, sondern für sie herrsche. Sei Du ein rechter Fürst von Gottes Gnaden und vollende, was Du früher angefangen. Wolle nicht, daß die Nation, in Masse schon dem Ernst des Krieges pflichtig, auch im Frieden im leeren Spiele sich erschöpfe. Achte jegliches Talent und jedes Verdienst in Deinem Reiche, aber laß Dir jene frechen Glückspilze nicht nahe kommen, die im Verderben der letzten Zeit aufgeschossen und im Schlamme der Sündflut, die über Deutschland hergestiegen, festgehaftet.... Wie Deine Herrschaft mit dem neuen Jubeljahr beginnt, so sei fortan ein Schirmvogt und Hort des Glaubens, damit Bayern wieder werde, was es zuvor gewesen, ehe sie das Gegenteil ihm angelogen: ein Schild und Eckstein der deutschen Kirche. Wolle nicht gestatten, daß der Christen Recht allein im bürgerlichen Leben gelte, das Staatsrecht aber heidnisch sei. Was soll's, wenn dem Volke von Religion, Tugend uud Sittlichkeit gepredigt wird, der Staat aber vor seinen Augen dem Baal aus allen Äöhen Altäre baut und Opferfeuer zündet! Soll nur der Bürger noch Christenpflicht, Gerechtigkeit und Milde üben, der Staat aber wie ein reißend Tier alles niederschlagen, was seine Tatze erreicht? Soll der Gott des Äimmels mtd der Erde nur ein Kausgott sein, das gemeine Wesen aber sich seinem Dienste entziehen? Richt also! In Mitte Deines Volkes herrsche sein Gesetz und Du sei nur seiner Diener erster! Wem viel anvertraut ist, von dem wird auch viel gefordert."
Johann Joseph Görres (1776—1848), geboren zu Coblenz, gestorben zu München, wo er seit 1827 als Professor der Literaturgeschichte wirkte, war einer der einflußreichsten Publizisten seiner Zeit; seinen „Rheinischen Merkur" nannte man eine Großmacht. GörreS hatte sich, wie RingseiS, Lasaulx und Sepp, in den Dienst der kirchlichen Partei gestellt. DaS erklärt Inhalt und Ton dieser historisch eingekleideten Apostrophe deS neuen Königs.