Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 114)
In den Erinnerungen von Ringseis, der als Freund und Vertrauter Ludwigs I. in den folgenden Jahrzehnten eine immer maßgebendere Rolle spielte, ist zu lesen:
Im Herbst 1825 soll König Max Joseph I. geäußert haben: „Wenn nur mein Namenstag schon vorüber wäre!" Seit Jahren nämlich kennzeichneten Anglücksfälle wie vorauswarnend diesen Tag; bald brannte es, bald starb jähen Todes ein Lakai, bald zersprang einem Minister die Flinte in der Land, ein Stück derselben hinwegreißend. Im letztvergangenen Jahre war der Königin beim Blutentziehen eine Ader abgeschlagen worden, und diesmal verwundete beim Umstürzen einer Mauer des Losgartens ein Stück davon mehrere Arbeiter auf schwere Weise.
Zu Ehren des Festes, 12. Oktober, gab der russische Gesandte Graf Woronzoff einenBall mit allgemeiner Beleuchtung des Palastes; der ganzeLosund die Exkönigin
Friederike von Schweden mit Sohn und Töchtern fanden sich ein. Obwohl ermüdet von den Gratulationen, war der König heiter und freundlich und spielte seine Partie Karten, fuhr aber, nachdem er nichts als ein Glas Zuckerwasser genossen, schon um halb zehn Ahr nachts nach Nymphenburg zurück. „Nicht wahr, ich halte Wort und komme früh nach Laus", sprach er zu seinen Leuten, „um halb sechs Ahr will ich morgen geweckt sein". Am die begehrte Stunde öffnete der Kammerdiener die Läden, sand den König, wie gewöhnlich beiin Einschlafen, das Gesicht auf einer Land ruhend, stellte ihm sein Selterswasser vors Bett, rief ihn dreimal an: „Majestät", faßte endlich die freie Land — sie war kalt; der Tod mußte den Schlafenden schnell, wahrscheinlich noch vor Mitternacht, ereilt haben.
Wie eine Bildsäule saß die Königin den ganzen Morgen bei der Leiche; unfähig, an den Tod zu glauben, ließ sie dieselbe lang in warme Tücher einschlagen, wodurch nur Entstellung vor der Zeit bewirkt wurde. Alles, was die Nachricht erfuhr, stürzte ins Zimmer. Alles wollte ihn sehen, der für seine Amgebung immer so gütig gewesen. Prinz Karl lief bei der Kunde, ohne den Wagen abzuwarten, zu Fuß und händeringend aus der Residenz, wo er nach dem Balle geblieben, gen Nymphenburg. Außer Atem, in großer Trostlosigkeit jammernd: „Ich habe alles verloren", ward er von seinen Leuten im Wagen eingeholt und saß dann bei der Leiche, zu ihr sprechend, sie mit seinen Tränen benetzend. Prinzeß Marie wehklagte, daß sie auf dem Balle vielleicht getanzt habe, während ihr Vater aus dem Leben schied.
Mir wurde die Nachricht am Morgen des 13. durch Wilhelm von Freyberg mitgeteilt, der in großer Aufregung bei uns sich einfand. Der Tod eines Lerrschers hat immer etwas Erschütterndes, einmal im Linblick auf den Geschiedenen, auf seine schwere Rechenschaft, auf das Gute, das man von ihm empfangen, sodann im Linblick auf die Zukunft; wie nah meinem Lerzen stand derjenige, in dessen Lände großenteils die Zukunft des geliebten Vaterlandes gelegt war! Wird er die auf ihn gesetzten Loffnungen erfüllen? Wird er gewisse Klippen umschiffen, die bei aller Vortrefflichkeit sein Charakter ihm bereitet? Wird er über einzelne Lücken und Irrtümer seiner in vielem wohlgeregelten Denkweise hinauskommen ?Loffrmngenund Sorgen — erschütternd wirken beide. Das ganze Land fühlte sich davon durchzuckt. Landelte sich's doch um einen völligen Amschwung der Regierungsgrundsätze. Allerdings hatte schon König Max zum Teil eingelenkt von dem Verfahren seiner ersten Lerrscherzeit; Konkordat und Tegerisseer Religionsedikt bezeugen es. Aber vieles stand doch beim Alten. „Ietzund", so jubelten die einen, so knirschten die andern, „jetzund wird wo nicht alles, so doch vieles umgekehrt werden".
Anders sieht Friedrich Thiersch in einem Brief an Jacobs das Ereignis an. Er schreibt: Des Königs Tod, den wir alle herzlich beklagen, ist der Anfang großer Veränderungen gewesen. In kirchlichen Dingen wird es einige Festtage mehr, einige Prozessionen, Klöster und dergleichen geben, fleißigeres Besuchen der Messe, der Beichte. Dabei aber wird es sein Verbleiben haben. Die oberen Behörden sind so besetzt, daß an ein Übergewicht der Geistlichen nicht zu denken ist.
Der König hat eine zu gute Natur, ein zu lebhaftes Gefühl seiner Lage und ihrer Bedürfnisse, um sich hier preiszugeben. Noch ist von ihm nichts geschehen, was mein großes Verttauen in seine Gerechtigkeit, Anparteilichkeit und Einsicht erschüttert hätte. Ist der erste Sturm vorüber, und findet er mehr Ruhe, seiner auf das Große und, ich darf sagen. Geniale gehenden Richtung zu folgen, so dürfen wir einer schönen Zukunft entgegensehen, wenn Ruhe und Friede bleibt. Sein Grundsatz ist, daß überall das Talent, die höhere Einsicht, die Leute, die etwas machen können, sei es im Staat, in der Wissenschaft, in der Kunst, hervorgehoben werden und herrschen sollen. Den Adel, meist unbrauchbar, wird er mehr und mehr auf seine Güter senden oder zu gehen nötigen, inwiefern die Stellen im Staat weniger und geringer werden.
Endlich zieht Professor Schubert, Ordinarius der Naturkunde an der Aniversität München, rückschauend das Fazit in seiner Selbstbiographie:
Der teuere, geliebte Landesvater König Maximilian starb, von seinem Volke tief bettauert, am 13. Oktober 1825 in einem noch kräftigen Alter, dessen Ende nicht so nahe schien. Der Kronprinz Ludwig war jetzt König geworden und konnte mit selbständig freier Kraft die Land an die große Aufgabe seines Lebens legen: das Volk, welches seiner Obhut befohlen war, nicht nur zu einem äußeren Wohlbefinden, sondern zu einem inneren geistigen zu erheben. Religion vor allem, in ihrem Dienste die Kunst von höherer Weihe, sowie ein vielseitiges, gründliches Erkennen sollten das Leben des Geistes wecken, bekräftigen und veredeln. Der Mittelpunkt seines Wirkens sollte München sein; darin hatte er schon als Kronprinz jener Kunst den Einzug eröffnet, welche die erisste Bedeutung ihres Berufes kennt; zu ihr sollte sich jetzt eine andere Pflegemutter des geistigen Lebens, die Wissenschaft, gesellen, welche selber weiß und lehrt, was sie wissen und lehren soll. Wie eine Lochschule der Künste, so sollte München auch eine Lochschule der Wissenschaften werden. Schon äußerlich wurde hierzu der Grund gelegt durch die Aufnahme der Aniversität Landshut in die Lauptstadt. Gleich nach dem Antritte seiner Regierung begann König Ludwig die Ausführung dieses in seinem Geiste längst gereiften Planes, und in Zeit von einem Jahre stand neben der neu aufblühenden Pflanzanstalt der Künste eine neu auflebende der Wissenschaften da. Die Lehrerstellen an dieser waren zunächst durch jene ehrenwerten Männer besetzt, welche aus Landshut mit herüberkamen, oder die als Mitglieder der schon bestehenden Akademie der Wissenschaften in München lebten.
Ringseis, der zur hochkatholischen Partei gehörte, war begreiflicherweise ein Gegner der antikirchlichen Aufklärungspolitik, die Maximilian I. Joseph, von Montgelas beraten, getrieben hatte, und erhoffte viel von Ludwig, dem man sehr kirchliche Gesinnung nachsagte. Übrigens hatte Maximilian Joseph mit dem Konkordat und mit dem sogenannten Tegernseer Edikt seine frühere gegenkirchliche Politik selbst eingeschränkt. Unter ihm war im Vollzug des Konkordats München auch Sitz des Erzbistums geworden, und Lothar Anselm von Gebsattel wurde am 1. November 1821 als erster Erzbischof feierlich eingesetzt.
Die Königin: Friederike Wilhelmine Karoline, geborene Prinzessin von Baden (1776—1841), seit 1797 mit Max Joseph vermählt, dessen zweite Gattin sie war.
Prinz Karl (1795—1875), der fünftgeborene Sohn des Königs, seit 1841 Feldmarschall von Bayern.
Prinzeß Marie, geboren 1805, heiratete 1833 den nachmaligen König Friedrich August von Sachsen.