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Sagen & Geschichten

Die Persönlichkeit Ludwig I.

Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 131)

Luise von Kobell, die Tochter Franz vonKobells,die „Anter vier Königen Bayerns" viel erlebte oder aus Mitteilungen ihrer Familie unter diesem Titel zu einem zweibändigen Werke zusammentrug, schreibt:

Die Persönlichkeit Ludwigs I. muß man mit dem, wenn auch etwas abgenützten Worte „interessant" bezeichnen. Schön soll er in seiner Jugend gewesen sein; als ich ihn sah, war er es nicht mehr. Aber der gescheite Ausdruck seines scharfgeschnittenen Gesichtes war anziehend, und seine graublauen Augen hatten etwas Amfassendes, Wahres im Blick. Seine mittelgroße Gestalt war regelmäßig, im Alter etwas nach vorn gebeugt. Sein lebhafter Gang, sein plötzliches Stehenbleiben schienen nie mechanisch zu sein, sondern immer in Verbindung mit einem Gedanken, der ihn gerade beschäftigte. Die verschiedensten Dinge gaben dazu Anlaß: ein Bauwerk, ein Gemälde, eine Physiognomie, ein Schleier. Einen Schleier vor dem Gesichte einer Dame konnte er nämlich nicht leiden, und die Münchnerinnen wußten dies so genau, daß Alte und Junge den Lutschleier in die Löhe rissen, sobald sie nur den König von weitem kommen sahen. Außerdem mußten sie eine Rüge von ihm gewärtigen wegen „Etiquettenmangel". Wurde diese auch meist nur scherzhaft erteilt, so vermied man sie dennoch, da Ludwig I. so laut sprach, daß das eben anwesende Publikum alles hörte und dann seine Randglossen über die Betreffende machte. And wenn auch allein, ging der König doch nicht allein, denn in angemessener Entfernung folgten ihm stets einige Neugierige; sie blieben wie auf Kommando stehen, wenn der König mit einem ehrerbietig Grüßenden sprach, der des Weges gekommen. Da hallte dann weithin eine schwungvolle Rede, die aber hastig, stoßweise hervorgebracht wurde. Bisweilen spann sich die Unterredung länger fort, dann bildeten die stummen Begleiter einen Kreis um Ludwig I. Auch ich stand, wenn möglich, in einer solchen Korona, denn es war mir ein lehrreiches Vergnügen, zuzuhören, wenn der König, was oftmals geschah, mit seinen Lieblingsarchitekten Klenze und Gärtner vor einer seiner Kunstschöpfungen stand und sein Arteil abgab, bald über das Ganze, bald über Einzelheiten.

Einmal hörte ich den König mit meinem Vater im Englischen Garten über den Monopteros in so sinniger Weise sprechen, daß ich, wie aufgerüttelt davon, den kleinen Tempel, an dem ich wohl über hundertmal gleichgültig vorübergegangen war, eigentlich nun erst recht betrachtete.

Sein eigentliches Denken und Empfinden legte der König am offensten in seinen Gedichten nieder, und der Inhalt entschädigt für manche holprige, harte Ausdrucksweise. Die klassische Bildung der damaligen Zeit war Ludwig I. so in Fleisch und Blut übergegangen, daß er sich zur Einkleidung seiner poetischen Gefühle fast ausschließlich klassischer Versmaße bediente. Vorwiegend treten deshalb das Distichon und der Jambus auf. Vielfach überschüttet mit Lob, von den Dichtern Rückert, öhlenschläger, Münch-Bellinghausen gefeiert, sagt er in seinem Distichon „An mich":

Daß dich nicht täusche das reichliche Lob; denn was du gedichtet.
Angepriesen blieb's, säßest du nicht auf dem Thron.

Doch das wäre eine Ungerechtigkeit gegen den König. Denn viele seiner Gedichte haben einen bleibenden Wert. Wer Ludwig I. und seine Zeit verstehen will, muß seine Gedichte lesen und beherzigen.

Die oft getadelten Schwärmereien Ludwigs I. für diese und jene Schönheit, die ihn auch zur Anlage der herrlichen „Schönheiten-Galerie" in der Residenz veranlaßten, haben der Liebe zu seiner Gemahlin keinen Eintrag getan. Er bezeichnet sie als das „Ideal des Weibes", und sich offen aussprechend preist er ihre edle Milde im Vergleich zu dem abfälligen Urteil der Welt über seine bewegte Leidensgeschichte:

„Du verkennst mich nicht, obgleich mich die Menge verkennet.
Unerreichbares Weib, trefflichstes, welches gelebt!
Wird der Wipfel der Eiche vom Wind auch zuweilen beweget.
Wurzelt sie dennoch fest, ewig die Liebe für Dich!"

Am Festsaalbau der Residenz ließ Ludwig I. durch seinen Hofmaler Joseph Stieler (1781—1858) „eine Sammlung weiblicher Bildnisse" schaffen, für die er die Modelle selbst auöwählte, und die sich alö „Schönheitengalerie" großer Volkstümlichkeit erfreute. Fontane spricht von einem „gemaltenHarem", während Söltl sehr maßvoll meint, die Nachwelt möge daraus erkennen, „wie mannigfach sich der Charakter weiblicher Schönheit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Bayern, zumal in München, ausgesprochen habe".



 König Ludwig I.