Raff - So lang der alte Peter... (Seite 118)
Der Beiname, der sich an Herzog Ludwig II. heftet, ist ein sehr unzutreffender. Denn er bezieht sich auf eine Bluttat, mit der sich Ludwig als Achtundzwanzigjähriger belastete und die keineswegs der Strenge, vielmehr blindem Jähzorn, sinnloser Wut entsprungen scheint.
Ludwig hatte, mit Maria von Brabant vermählt, den offenbar grundlosen Verdacht der Untreue auf sie geworfen; angeblich wäre, indeß er am Rhein weilte, ein Brief der Herzogin an den Raugrafen Heinrich ihm in die Hände gefallen, besten Inhalt der Herzog falsch auslegte und darüber in rasende Eifersucht geriet. Am 18. Januar 1256 um Mitternacht ließ er auf dem Mangoldstein in Donauwörth der vermeintlichen Ehebrecherin durch einen Burgwart das Haupt abschlagen; ein Hoffräulein Marias, der Mitwisserschaft beschuldigt, ward von der Burg herabgeftürzt und mit ihrer Herrin des andern Morgens im Kloster Heiligkreuz begraben.
Ein zeitgenössisches Gedicht, von dem Minnesänger Meister Stolle dem Jungen, gibt dem Entsetzen Ausdruck, das die Untat überall erweckte:
„O wehe! Heut und immer ruft wehe und schreit!
So weh dem Tag, so weh der Nacht, so weh der feigen Zeit!…
Ich vernahm in meinen Tagen keinen Mord so groß,
Als von der Bayern Herren; wie hat er so bloß
Gestellt die Würde und die Tugend sein." ...
Ein rührender, vielleicht legendärer Zug ward im Liede von der Gemordeten berichtet:
„Nun möget ihr hören Jammer klagen:
Noch ihres Herren Kuß bat sie vor ihrem Ende.
„Soll ich nun sein von Euch erschlagen,
Deß müßt Ihr viel und sehr noch ringen Eure Hände.
Es zeuge mir der Jungfrau Sohn, daß ich unschuldig bin,
Der Tod, den ich jetzt leiden muß, wird Euerm Heil zum Ungewinn."
Die Weissagung dieser Worte ging an Ludwig alsbald in Erfüllung. Die empörten Verwandten der Gemordeten drohten Rache; als kirchliche Buße ward ihm auferlegt, entweder ins heilige Land zu pilgern oder ein Kloster zu stiften. Er wählte das letztere und erbaute das Zisterzienserkloster Fürstenfeld bei Bruck. Sein Gewissen aber ward wohl seine schärfste Strafe, zumal sich augenscheinlich bei ihm und den Seinigen immer mehr die Überzeugung von der Unschuld der Getöteten befestigte. Die Tochter aus Ludwigs zweiter Ehe empfing den Namen Maria; sein Sohn Rudolf stiftete noch nach des Vaters Tode für dessen Seelenheil eine ewige Messe und ein ewiges Licht am Grabe der gemordeten Herzogin. Eine Überlieferung besagt, daß binnen wenig Tagen Ludwigs Haar erbleicht sei und man ihn nie mehr lachen gesehen; jedenfalls scheint häufige Schwermut ihn heimgesucht zu haben, auch nachdem aus seinen zwei späteren Ehen (mit Anna von Schlesien-Glo- gau und nach deren Tode mit Mechtild von Habsburg) ihm Kindersegen erblüht war. Die stete Erinnerung seiner Bluttat hat jedenfalls das Gewaltsame in Ludwigs Natur mählich gedämpft und sein Gewissen geschärft. „Aus der Tätigkeit des gereiften Mannes empfängt man überwiegend die Eindrücke besonnener Selbstbeherrschung, treuer
Pflichterfüllung, eifriger Fürsorge für das Gemeinwohl." (Riezler). Sein Verhältnis zu seinem Neffen und Mündel Konradin dem Staufer hat Kritik erfahren, noch mehr die unter ihm vollzogene erste Landesteilung und seine Beihilfe zur Kaiserwahl Rudolfs von Habsburg, nachdem Ludwigs eigene Bewerbung um die Kaiserkrone sich als aussichtslos erwiesen. Aber „es ist sehr fraglich, ob er in beiden Fällen anders handeln konnte. . . und ihm ist zu danken, daß Baiern auch unter den ungünstigeren Verhältniffen eine angesehene Stellung im Reiche behauptete. . ."
Als Ludwig starb (1294) fand er die letzte Ruhestatt in seiner Stiftung Fürstenfeld, wo ihm, freilich nicht unparteiisch, nachgerühmt ward: „Ganz Baiern mußte den Tod dieses Fürsten beklagen, der alle anderen an sittlicher Zucht übertraf, und unter dem das Land Wohlstand und Fülle des Friedens genoß."
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Im Zusammenhang mit Ludwigs schwärzester Tat sei noch einer, von Franz Trautmann fein ausgesponnenen, Legende gedacht. ES wird darin erzählt, daß die Qual seiner späten bittren Reue den Herzog oft, wenn er von der Hofburg kam, in die kleine WieSkapelle hinter St. Peter eintreten ließ, um dort Verzeihung zu erbeten. Da hätte er einst, als er einsam dort kniete, am Altar die Erscheinung seiner Gemordeten zu sehen gemeint, ohne Zorn auf ihn herblickend, mit einem feinen roten Streifen um den Hals. Darauf hätte er die Arme gen Himmel gereckt und voll Inbrunst gesprochen: „O Domino, absolve me per innocentiam Mariae!“ und so zu dreien Malen, wobei er einen leisen süßen Sang, wie von Engeln vernahm. Als er zum dritten Mal die Worte gesprochen hatte, hörte er hinter sich eine Stimme sagen: „Ludovice, te absolvit Dominus noster“ — und erblickte, sich umschauend, die lichte Erscheinung der toten Maria, die noch hinzufügte: „sieut Deus et ego“ — und dann verschwand. —
Zum Wahrzeichen des Wunders, womit ihn Gottes Vergebung begnadigt, hätte Herzog Ludwig an der Stelle, wo Maria ihm erschienen, ein schwarzes Kreuz in den Stein graben lasten. Doch war davon schon zu Anfang vorigen Jahrhunderts keine Spur mehr zu entdecken.