Raff - So lang der alte Peter... (Seite 121)
Dem zierlichen gotischen Erkertürmchen im alten Hof gegenüber, da wo fetzt das Rentamtsgebäude München HI sich befindet, stand einst die Burgkapelle zum hl. Laurentius. Neben dem Chor der Kapelle ragte ein niedriger Turm empor und darauf die aus Stein gehauene Figur eines Affen, der ein kleines Kind in seinen Armen hielt. Davon ging folgende Sage:
Herzog Ludwig, der Erbauer der Burg, hatte einen zahmen drolligen Affen, der sich frei rings in der Burg umtreiben durfte und bei jedermann wohl gelitten war. Eines Tages nun geschah es, daß der Affe ganz allein in dem Zimmer weilte, wo das Söhnlein des Herzogs, nachmals Ludwig der Bayer, in der Wiege lag. Da wandelte den Affen, der schon öfter beobachtet hatte, wie die Wärterin mit dem Kindlein gebarte, die Lust an, es ihr ein wenig nachzumachen. Er hob also das Prinzlein aus der Wiege, schützte eS hoch, schaukelte eS in seinen Armen und stolzierte so mit ihm im Gemach auf und ab. Unversehens aber trat die Wärterin herein und schrie laut auf, da sie das zarte Kind in den haarigen Armen des Tieres sah. Sie wollte ihm das Prinzchen entreißen; der Affe, im Schrecken darüber, nahm vor ihr Reißaus, lief durch Vorsaal und Gänge, Trepp' auf Trepp' ab, die Wärterin immer hinter ihm drein. Endlich ersah der verfolgte Affe keinen Ausweg, als durch eine Dachluke, schlüpfte hinaus aufs Dach und setzte sich auf die Spitze des Erkerturms. Nun war guter Rat teuer: der Herzog und die Seinen, von dem Schrecknis benachrichtigt, standen in bitterer Angst zu Füßen des Turmes; niemand getraute sich, den Affen auf seinem gefährlichen Sih zu beunruhigen, damit er nicht das Kind herabfallen ließe. So schien es am rötlichsten, ihn ungestört oben hocken zu lassen und im Hofe Decken und Betten auszubreiten, damit sich das Kind im möglichen Falle nicht verletze. Als das Tier sah, daß alles ruhig war und niemand es hetzte, kletterte eS schließlich vom Dache herab und trollte den Weg ins Kinderzimmer zurück, wo es den kleinen Ludwig sorgsam wieder in die Wiege bettele. Nun sollte der Affe tüchtig durchgebläut werden, aber er flüchtete sich alsbald zu der Frau Hofmeisterin und umarmte sie unter so possierlichen Bittgeberden, daß er der Strafe entging. Der tatenlustige Affe ward von da ab in befferen Gewahrsam genommen, sein Bild aber zum Angedenken der glücklich abgewandten Gefahr in Stein gehauen und auf die Zinne des Turmes gesetzt.