Raff - So lang der alte Peter... (Seite 104)
Mit dem ersten Münchner Gnadenjahr Anno 1392 hatte es folgende Bewandtnis.
Die kostbaren heiligen Reliquien des Berges Andechs waren in Kriegszeilen verborgen worden und ihr Versteck Niemand mehr kund. Im Jahre 1388 wurden sie wiedergefunden und zwar durch den Schloßkaplan Jakob Dachauer, der, während er Messe las, gesehen haben soll, wie eine Maus aus ihrem Loche schlüpfte und einen Zettel im Schnäuzlein trug, den sie am Altar fallen ließ und auf dem das Verzeichnis der Heiligtümer stand. Diese wurden nun ans Tageslicht gefördert und sollten alsbald der öffentlichen Verehrung ausgesetzt werden. Weil aber die Klosterkirche zu Andechs für die Menge der Andächtigen zu klein war, gedachte Herzog Stephan der Kneißel, der das Jubeljahr in Rom mitgefeiert hatte, nach dessen Vorbild ein großes kirchliches Fest in München zu begehen. Er wandte sich an Papst Bonifaz IX.; der willfahrte der Bitte des Herzogs und gewährte allen denen, die in München in einem beliebigen Jahre mit besonderer Büßfertigkeit der Vorzeigung der Reliquien beiwohnen würden, vollkommenen Ablaß. Vom 14. April, nämlich von Ostern bis nach Jakobi des Jahres 1392 ward also mit päpstlicher Bewilligung das sogenannte Münchner Gnadenjahr gefeiert. Die Heiligtümer wurden feierlich in das Kloster zu St. Jakob am Anger in München verbracht und dreimal wöchentlich gezeigt. In jeder Woche — so heißt es — strömten etwa 60,000 Menschen hinzu; an manchen Tagen betrug die Zahl der anwesenden Fremden 40,000. Herzog Stephan selbst erließ Einladungsschreiben an die Nachbarstädte, worin er den Besuchern freies Geleit zusicherte; „und seine Maßnahmen waren so wohl getroffen, daß während des Festes der allerbeste Friede in Bayern herrschte, die Pilger um Mitternacht so sicher wanderten, wie zu Mittag und Niemanden ein Leid geschah." Von der Stadt war eine besondere Schützenschar aufgestellt, um über Ruhe und Ordnung unter den Pilgern zu wachen. In den Kirchen saßen Tag für Tag dreißig Beichtväter bereit, die Bekenntnisse der Pilger zu empfangen; besondere Bedingungen des Ablasses waren: ein Aufenthalt von sieben Tagen, der Besuch der Kirchen Unserer Lieben Frau, St. Peter, St. Jakob am Anger und zum Hl. Geist, sowie ein Geldopser, das in jeder derselben zu hinterlassen war. Nach Angabe eines zeitgenössischen Geschichtsschreibers ward von Pfingsten bis Jakobi täglich ein Augsburger Metzen voll Regensburger Münze geopfert. Die Hälfte des Geldes hatte der päpstliche Stuhl sich Vorbehalten; als jedoch ein päpstlicher Bote das Geld verlangte, verweigerte die Stadt die Herausgabe und ließ es auf ein Mahnschreiben des Papstes ankommen.
Der Ansicht, daß von dem Ablaß des Jahres 1392 (Indultus) die Jakobidult in München sich abgeleitet hätte, stehen Nachweise gegenüber, daß schon viel früher vor der St. Jakobskirche am Anger eine Dult stattgefunden hatte. Seit langer Zeit ist übrigens diese Dult in die Vorstadt Au verlegt, wo auch die Georgidult im Frühjahr und die Michaelidult im Herbst sich abspielen und zu Füßen der Maria- hilfkirche wie in den angrenzenden Straßen eine lebhafte, jedoch durchaus weltliche Handelschaft mit allen möglichen Dingen betrieben wird.
Dagegen erfolgte eine Art Wiederholung des Gnadenjahres zur Zeit, als die Liebfrauenkirche zwar im Rohbau vollendet war, zu ihrer würdigen inneren Ausgestaltung aber die Mittel gebrachen. Damals erlangte Herzog Albrecht IV. vom Papste Sixtus IV. eine Bulle auf drei Jahre; laut dieser konnte Jeder, der zum Ausbau der neuen Kirche soviel an Geld oder GeldeSwert steuerte, als er eine Woche hindurch zu seinem Lebensunterhalte, brauchte, nach Empfang der hl. Sakramente vom Sonntag Lätare bis zum Sonntag Judica einen vollkommenen Ablaß gewinnen. Von den Opferspenden sollten zwei Drittel zum Kirchenbau, ein Drittel zum Krieg wider die Türken verwendet werden.
„Item" — so erzählt der Stadtschreiber Kirchmair - „die Truhen ward gesetzt auf den Chor vor des Kaisers Altar, darein man das Geld legte und wurden dazu gesetzt zwei Priester und zwei vom äußern Rat. Item wurden auch Zeichen — (Ablaßpfennige oder Medaillen) — geben unter den zween vorderen Kirchthüren — Item es wurden auch zweihundert und sicbenzig Beichtiger von Menge wegen des Volkes am ersten gesetzt und darnach nit viel minder." — Einer ward bestellt,
das Gewand der Büßer zu hüten, während sie beichteten; zwei Mann aus jedem Handwerk wurden geordnet, den Leuten Herberge zu beschaffen. Die Beichtbriefe waren immer so rasch vergriffen, daß „ein Melbler oft um Brief gen AugSpurg laufen mußte, wo diese gedruckt wurden." Die Straßen wurden gesichert; eigene Boten verkündeten die Gnade in den umliegenden Städten und Gerichten. Die Zahl der binnen den drei Jahren herbeigeströmten Fremden soll sich auf 123 700 belaufen haben. Die Zählung geschah, indem, wie Kirchmaier berichtet, „der Rat unter den vier Toren besondere Leute hatte und wer da hereinzog in die Gnad, als viel Erbsen legte man allweg in einen Hafen und zählte sie dann zur Nacht eigentlich ab." - Hoffen wir, daß bei der Erbsenzählung keine Irrtümer unterlaufen sind!
In dem ersten Gnadenjahr und dem ihm nachfolgenden ist der Anfang der Feste zu erblicken, welche seitdem in München die Anziehung für den alljährlichen Zudrang der Fremden geworden sind. Der Anschauung des Mittelalters entsprechend war es damals ein geistliches Fest; inzwischen, dem Zeitgeiste angepaßt, sind Bühnenspiele, Kunst- und GewerbeauSftellungen, Volkstrachtenfeste, Schützen-, Turner- und Sängerfeste darauf gefolgt. Tempora mutantur. Aber für Unterkunft und Wohlbefinden herbeigeströmter Menfchenmasien zu sorgen und zu machen, daß der Fremde am Jsarstrand sich alsbald heimisch fühlt, das versteht die bayerische Hauptstadt heute so gut, wie im Gnadenjahr.