Raff - So lang der alte Peter... (Seite 100)
Ein Anger, eine freie Wiese, war noch im dreizehnten Jahrhundert da, wo heute der Jakobsplatz, wie auch die Straßen Ober- und Unteranger sind. Die Sage meldet, daß schon sehr früh auf dem Anger eine Säule unter einem kleinen Schutzdach geragt habe, die das Bildnis des heil. Jakobus mit dem Pilgerstabe trug. Wer kennt nicht die schöne Legende von den Jakobsbrüdern, die zum Grabe des Heiligen gen Kompostella wallfahrten, denen ein räuberischer Wirt Gut und Leben zu nehmen trachtet, und die der hl. Apostel wunderbar erhält, den Vater wie den Sohn. So mag der Schirmherr der Pilger und Reisenden auch vor Zeiten hier gestanden, den nach München Einwandern den Gruß und Segen entboten haben. Aus der Bildsäule ward eine Feldkapelle, die schon stand, als die ersten Franziskaner sich in Deutschland seßhaft machten, und der Franziskanerpater Castinus mit einigen Ordensbrüdern nach München zog. Ein geringes Haus außerhalb der Stadt ward ihnen eingeräumt; als die Zahl der Mönche und der Andächtigen sich vermehrte, erhob eine größere Kirche sich „nächst St. Jakobs Kapellen", die zuvor als Klosterkirchlein gedient hatte, nun aber Totenkapelle wurde. Wenig über sechzig Jahre blieben die Franziskaner auf dem Anger; dann erbaute ihnen Herzog Ludwig II. „der Strenge" ein Kloster unweit seiner Veste, auf dem heutigen Max Josephplatz. Die verlaffene Stätte bei St. Jakob aber ward zu einem Frauenklofter umgeschaffen; im Herbst 1284 ergriffen die Klarissinnen davon Besitz und blieben von da an bis zur Aufhebung des Klosters darin heimisch.
In der Backstube des Angerklosters entstand die große Feuersbrunst, die 1327 den größten Teil Münchens in Asche legte und natürlich das Kloster selbst beinahe zerstörte. Lange währte eS, bis 1405, ehe der Schaden gutgemacht war. Die öffentliche Kirche ward im 18. Jahrhundert zopfig umgebaut und fortan durch eine Mauer von dem alten ursprünglichen Jakobskirchl geschieden, das nun zur Klausur gehörte.
Inmitten der äußeren Kirche stand ehemals ein uraltes großes Kruzifix mit der schmerzhaften Mutter darunter. Es genoß hohe Verehrung, und der Fuß der Gottesmutter wurde von den Tränen und Küffen der Andächtigen allmählich auSgehöhlt. Vielleicht darum ward in späterer Zeit das Bildnis außer Reichweite der Gläubigen hoch an einen Pfeiler der Epistelseite befestigt. Von diesem Kruzifix ging die Rede, daß der Körper des Heilandes sich darum in auffallender Weise zur Seite neigte, weil er sich eines Tages tröstend zu einer Nonne gewendet hätte, die inbrünstig betend vor ihm kniete. Bei der Neuaufstellung des Kruzifixes am Kirchenpfciler ist die Seitenwendung der Heilandsfigur korrigiert worden. Das Bildnis hat wirkliche Haare und im Volksmund hieß es lange Zeit, sie wüchsen nach, wie lebendiges Haar.
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Das lange Bestehen und die ehrwürdige Überlieferung des Ordens bedingten von selbst, daß einzelne Schwestern durch persönliche Tugenden und erbaulichen Wandel hervorragten, so beispielsweise die berühmt gewordene Schwester Klara Hortulana (1662 — 89). Ein eigentümliches Schicksal wollte es, daß nicht weniger als drei Prinzessinnen des regierenden Hauses im Laufe der Zeit unter ganz ähnlichen Umständen bei den Klarissinnen am Anger den Schleier nahmen.
Die erste derselben war Agnes, die Tochter Kaiser Ludwigs des Bayern. Im Kloster am Anger erzogen, schien sie durch Schönheit und seelische Gaben für eine glänzende fürstliche Heirat vorbestimmt. Dem aber war sie durchaus abgeneigt, vielmehr flüchtete sie, als sie gewaltsam abgeholt werden sollte, zum Hochaltar der Kirche, umfing die Monstranz und flehte zu Gott um Schutz. Da Niemand wagte, sie dem geheiligten Asyl zu entreißen, kehrten die Boten unverrichteter Dinge um. Agnes aber blieb im Kloster, wo sie in jungen Jahren schon starb und auch beigesetzt ward.
Ganz ähnlich, nur inniger noch lautet die legendär ausgeschmückte Geschichte von der Tochter Herzog Albrecht HI., Barbara genannt. Auf den Ruf ihrer Anmut und Tugend hätte der König von Frankreich dem Herzog Botschaft getan und die Jungfrau Barbara zur Braut für seinen Kronprinzen begehren laffen. Die junge Herzogin aber erklärte standhaft, daß sie keinen Mann haben möchte, sondern auf immer dem himmlischen Bräutigam eigen sein. Das ward ihr vom Herzog verstattet, und sie nahm im Angerkloster den Schleier und diente Gott mit ganzem Herzen und Gemüt.
Nur drei Dinge hatte sie mitgebracht von daheim: einen blühenden Majoranstock, der am Fenster ihrer Zelle stand, einen Käfig mit mehreren Vöglein, deren sie fleißig pflegte und eine goldene Kette, die hatte ihr Herr Vater ihr einst verehrt.
Da sie aber eine Zeit im Kloster war, fand sie eines Tages den Majoranstock scheinbar ohne Ursache verwelkt. Des andern Tages hörten alle Singvögelein im Käfig zu singen auf und starben rasch dahin. Eine Woche darnach zersprang die goldene Kette, die sie unter dem Habite trug, ihr auf der Brust. Barbara aber sprach: „Das alles geht mich an, der Herr will mich abfordern aus der Zeitlichkeit." Sie bereitete sich zum Tode, und einige Tage später lag sie auf der Totenbahre, im 18. Jahre ihres Lebens, da man schrieb nach unseres Herren Kunst 1442.
Vierzehn Tage nach ihrem Tode ist eine andere Ordensschwester, gleichfalls Barbara geheißen, ihr in die Ewigkeit nachgefolgt. Darauf in gleicher Frist eine andere, nach Verlauf derselben Zeit wieder eine andere, „bis endlich 20 an der Zahl, jede nach 14 Tagen, als unschuldige Tauben ihr nach in den Himmel geflogen sind." Als zweihundert Jahre später der große Stein, unter dem Schön Barbara in der Klosterkirche begraben lag, etwas zur Seite gerückt worden, hätte ein angenehmer himmlischer Geruch, der aus der Gruft emporftieg, alle Anwesenden mit Erstaunen erfüllt.
Noch einmal wiederholte sich ein ähnliches Geschick: an der Prinzessin Maria Anna Karolina, die das älteste Kind aus Max Emanuels zweiter Ehe war. Auch sie war zur Königin bestimmt, schlug jedoch die Hand Philipp V. von Spanien aus, und trat in das Angerklofter, wo sie den Namen Emanuela Theresia a corde Jesu empfing. Nur ward sie nicht so früh, wie ihre beiden verwandten Vorgängerinnen abgerufen, sondern brachte bis zu ihrem Ende 31 Jahre gottselig im Kloster zu.
Bei der Aufhebung des Klosters im Jahre 1803 wurden die Gebeine der drei fürstlichen Nonnen gemeinsam in einen kleinen Zinnsarg gesammelt und in der Fürstengruft der Frauenkirche beigcsetzt.
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Neben diesen geschichtlich überlieferten Frauenleben gehen auch Wunderlegenden her, die sich an solche alte Stätten der Andacht so gerne knüpfen. So gehört das Angerkloster zu den Klöstern, mit denen die schöne Legende von der heiligen Jungfrau als Pförtnerin in Verbindung gebracht wird. Ursprünglich in der goldenen Legende des Jakobus a Voragine enthalten, hat sie ihre bekannteste dichterische Gestaltung empfangen durch Gottfried Keller in seiner Erzählung: „Die Jungfrau als Nonne", außerdem durch den Belgier Maeterlinck in dem dramatischen Gedicht: „Schwester Beatrix". Der wundersame Hergang lautet also:
Eine junge Nonne von schöner Gestalt, Beatrix mit Namen, hatte Gott und der Himmelsherrin mit Andacht und Treue gedient, als sie plötzlich von großer Sehnsucht nach der Welt und ihren Freuden erfaßt ward. Sie kämpfte dawider eine geraume Zeit; endlich, da sie es nimmer aushatten konnte, ging sie nächtlicherweile in die Kirche, trat vor das Bild der Muttergottes und sprach: „O meine himmlische Frau und Mutter, verzeihe mir, daß ich dir fürder nimmer dienen kann; mich verlangt allzusehr nach der Welt. Nimm die Schlüffel, die ich bisher geführt" — denn sie war die Pförtnerin des Klosters — „und hüte ihrer an meiner Statt!" Darauf schlich sie leise davon und verließ das Kloster, ohne daß Jemand es gewahrte. Manches Jahr blieb sie draußen in der Welt und genoß viele Freuden, aber sie erfuhr auch viel Böses und Bitteres, und das Herz ward ihr allgemach schwer von Leid. Da hatte sie große Reue, daß sie jemals aus ihrem Kloster gegangen war und gedachte, sie wollte zurückkehren und in Demut ihre Sünden büßen. Also kam sie müde und traurig dort an und begegnete zuerst einer Nonne, die erkannte sie nicht; da fragte Beatrix zaghaft, ob sie nicht wüßte von einer Schwester Beatrix, die ehemals hier Pförtnerin gewesen wäre? Ja, sprach die Nonne, die wäre noch da und wäre eine fromme, schier heiligmäßige Schwester, von Allen sehr geliebet. Das Wort konnte die Heimgekehrte nicht fassen. Sie wandte sich und saß draußen nieder, weinend und ratlos. Da erschien ihr die
heilige Jungfrau und sprach zu ihr mildiglich: „Tochter, nun nimm dein Gewand und die Schlüssel; die hab' ich statt deiner bis heute bewahrt und weiß Niemand, daß du fort gewesen. Tu' Buße und diene mir künftig getreu!" Damit entschwand sie. Die Schwester aber fiel auf ihre Knie nieder und pries das Wunder, das die Gnade der Himmelskönigin an ihr getan. Als sie dann in das Kloster zurückging, gcbarten die Anderen ganz wie wenn ste nie vom Orte gewichen wäre. Da lebte ste dann noch manches Jahr und büßte ihre Sünde und diente Gott mit Andacht und Kasteiung bis an ihren Tod. —
Das Angerkloster, 1803 aufgehoben, ist seit den 40 er Jahren vorigen Jahrhunderts das Mutterhaus des Ordens der armen Schulschwestern, die sich hauptsächlich mit der Bildung der weiblichen Jugend beschäftigen.