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Seite 59
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Malerische Topografie des Königreichs Bayern

Der Tegernsee

und das königliche Lustschloss gleichen Namens

Aus der getümmelvollen in ihrer weit ausgedehnten ebenen Umgebung wenig Natur=Reize darbietenden Residenz=Stadt gelangt man südöstlich 15 Stunden weit nach dem Pfarrdorf Gmund an den majestätisch gelagerten Tegernsee, welcher der, das Thal einst beherrschenden mächtigen Abtey den Namen verliehen hatte, und nach keltischer Sprach=Ableitung Fürstensee heißt. Ebenen Weges zieht die Straße an demselben fort, während der Reisende durch den imposanten Anblick des schimmernden Wasserspiegels mit seinen freundlichen sanft ansteigenden Ufern sich beinahe halbmondförmig über die schöne Landschaft ausbreitend und durch die mannigfaltigsten umgebenden Gebirgsformen in malerischen Gruppirungen bezaubert wird. Noch ehe derselbe St. Quirins=Kapelle erreicht, wo das am westlichen Ufer entspringende Steinöl (Bergnaphta) gesammelt wird, liegen das königliche Schloß Tegernsee, Pfarrdorf Egern, und im Hintergrunde die kolossal gereihten Steinmassen des Wall, Satz und Blauberges mit dem nach Wildbad Kreuth leitenden Weissachthale vor den wonnetrunkenen Augen.

Der See erhält seinen Zugang von dem aus Südwest und Südost kommenden Bergströmen Roth und Weissach; den Abfluß bildet die Mangfall bei Gmund, auf welcher durch den See für die Saline in Rosenheim getriftet wird. Er ist bei $1frac{1}{2}$ Stunden lang, $frac{1}{2}$ Stunde breit, 50 Klafter tief; sein Flächeninnhalt beträgt 2471 Tagwerke. Vorzügliche Fischgattungen waren sonst hier die Salblinge, Lachsforellen, Seekarpfen, Renken und Rutten.

Bei der vierzehnten Spendensäule, dem alten Paß (auf der Wacht genannt) beginnt das weitschichtige Pfarrdorf Tegernsee, dessen aus Steinen schön erbauten, reinlich gehaltenen Häuser an beiden Seiten des Aalbaches, dann am Seeufer zerstreut liegen. Ihre Zahl, mit den neuerstehenden Landhäusern von Privaten, kann hundert erreichen, die der Familien nicht viel über 100, welche jedoch 600 Köpfe zählen. Hier ist der Sitz eines Landgerichts und Salinenforstamts. Die Thalbewohner haben übrigens in den Hauptzügen ihres Characters und in der Kleidung das Meiste mit denen von Miesbach und Schliersee gemein.

Sanft angeregt, mit freudiger Seele betritt jedermann die Garten=Anlagen und Vorplätze der reizend an dem breitesten und obern Theile des See’s gelegenen so einfach als gefällig erscheinenden Sommerresidenz des, für seine Bayern unvergeßlichen Königs Max. Dieselbe bildet ein Viereck, enthält in der Fronte am rechten Flügel die Brauerey, in der Mitte die Schloß= und Pfarrkirche mit zwei gleichen Spitzthürmen, am linken Flügel die große Treppe, die Vorhalle, den Speisesaal, die königlichen Gemächer, dann fortlaufend in den Seiten= und Hintertheilen die Gast= und Dienerschafts=Zimmer. Würdevoll, jedoch ohne Pracht, ist alles ausgestattet, vorzüglich aber der Tempel des Herrn. In jenen stillen Mauern thronte zwischen den Jahren 1817 und 1825 wahres Familienglück, fürstliche Wohlthätigkeit, kindliche Freude. Haustheater, Nationaltänze, Spiele, ländliche Hochzeitzüge, Fischerrennen auf beleuchtetem See, Feuerwerke, Bergbeleuchtungen u. s. a. wechselten mit den angenehmsten Ausflügen nach der wunderlieblichen Umgegend. Daran nahmen aber auch Theil in diesem einsamen friedlichen Thale viele Große der Welt, welche dem königlichen Greis auf seiner Villa Besuche schenkten.

Namentlich geschah dieses im Jahre 1822 mit den Kaisern Franz I. von Oesterreich und Alexander I. von Rußland in einem Gefolge von 57 Personen, wozu noch das bayerische von 200 Personen gekommen war, der übrigen, von Zeit zu Zeit Anwesenden von verwandten Höfen zu geschweigen, was jedoch genaue Aufzeichnung verdient.

Und diese ehrwürdige, geheiligte Stätte, wo so mancher Unglückliche Trost und Linderung aus väterlicher Hand wohlwollend empfing, diese in Kultur und Wohlstand gesteigerte Gegend hat ihr erstes Aufblühen, ihr segenreiches Gedeihen der Stiftung eines Klosters vor mehr als tausend Jahren zu verdanken. Hier war nichts als finstere, un=wegsame Wildniß nach dem Geiste damaliger Zeit nur zur Jagd und Fischerey geeignet. Zwei reiche Dynasten des Sundergaues, die Brüder Adalbert und Ottokar, mächtige Ritter zwischen der Isar und dem Inn, aus fürstlichem burgundischem Stamme, und müt=terlicher Seits aus dem Geschlechte der Agilolfinger errichteten Zellen für Mönche im Jahre 746 nach Christi Geburt. Papst Gregor III. bestätigte, Herzog Utilo vermehrte die Stiftung nach des heiligen Benedicts Regel und schon im Jahre 754 hat man das Bethaus eingeweiht. Adalbert wurde zum ersten Abt erwählt, Ottokar blieb Laienbruder. (Die Dotation war so reichlich, daß sie sich auf 150 Mönche erstreckte. Diese, unter andern aus 22 Salzpfannen und 11866 Hueben bestehend, so wie die Abbildung der Stifter von jetzt ungewöhnlicher Größe (9 Schuh 7 Zoll) findet sich in der Kirche auf zwei langen Tafeln). Beide starben in den Jahren 771 und 772.

Untergegangen und wiedererstanden ist diese Abtei im Verlaufe von Jahrhunderten. Ihre Macht und Größe wuchs in der Art, daß die Aebte auf die Höhe der Reichsfürsten sich schwangen und wie die Fürstbischöfe vier Erbamter unterhielten, nämlich ein Marschall, ein Kämmerer, Truchseßen= und Erbschenken=Amt.

Allein in der Folge bequemten sich die Mönche, des unerschwinglichen Aufwandes, dann Verkürzung der Einkünfte wegen von der wankenden Stufe eines Reichsstandes auf die festere eines bayerischen Landstandes sich zu stellen, bei welchem ihr Vorsteher als Primas unter seinen infulirten Mitbrüdern im Vorgrunde glänzte; sie lebten dem Gebete, der Zucht und Ordnung, ganz vorzüglich aber den Künsten und Wissenschaften. Merkwürdig war ihre, 1573 errichtete Buchdruckerei, die kostbare Bibliothek, der wohlgewählte physikalische Apparat, die schöne Naturalien=Sammlung, eine gute Musik und Studienschule u. s. w., bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1803. Damals bildeten die weitschichtigen Klostergebäude ein längliches Viereck, welches wieder seiner ganzen Breite nach durch einen von Norden nach Süden laufenden Zwischenflügel durchschnitten wurde, in dessen Mitte sich die Klosterkirche befand. Das Ganze war einst mit Wällen, Gräben, Mauern und Thürmen umgeben und befestigt.

Als Kloster, Bräugerechtsame und Gerichtsbarkeit durch Kauf in Privathände überging, wurden die vordern drei Theile des Gastbaues nebst Mauern und Thürmen als überflüßig, gänzlich niedergelegt, wodurch die westliche Fronte des erwähnten Zwischenflügels mit der Kirche und ihren Thürmen hervortrat. Und in diesem noch ungeordneten Zustande brachte das Ganze König Max, wie schon gemeldet, ebenfalls käuflich aus seiner Privatkassa an sich, um es zum Sitze ländlichen und waidmännischen Vergnügens im Familien=Zirkel umzuschaffen, und seiner Königin Caroline als Andenken zärtlicher Liebe zurückzulassen.