Malerische Topografie des Königreichs Bayern
Schwaige Kaltenbrunn, Pfarrdorf Egern, Wildbad Kreuth, Maximilians-Monument daselbst.
Auf sonnigem, mit Wald und Flur üppigst umgebenem Hügel beherrscht Kaltenbrunn am untern Ende des Tegernsees denselben so, daß die entzückendste Fernsicht der ganzen Länge und Breite nach das unbewaffnete Aug in thätigsten Anspruch nimmt. Hier war einst der Burgsitz eines Erbmarschalles der benachbarten gefürsteten Abtey, später eine dazu gehörige bedeutende Maierey mit den herrlichsten Alpenweiden in den entfernten Gebirgen bis diese bei der Kloster=Aufhebung käuflich in das Eigenthum eines Bauers überging. König Max, von dem hohen Genusse der ländlichen Naturschönheiten seines Tegernsees immer mehr angezogen, brachte auch Kaltenbrunn aus der Privatkasse an sich. Er ließ sogleich im einfachen Geschmacke der da üblichen Bauart den Hof in ein bequemes Landhaus umwandeln, Stallungen für beinahe 100 Stück Hornvieh, Oeconomie, Pferde, eine große Menge mitunter seltenes Geflügel und eine Schweizerey herstellen, würdig einer königlichen Landwirthschaft.
Zu Wasser wie zu Land sehr oft hieher gekommen, brachte der Monarch mit seiner zahlreichen Familie manchen schönen Morgen oder Abend auf dem Balkon zu, sich an den immer erneuerten Reizen himmlischer Aussicht ergötzend, oder in herablassendster Weise wie ein Landwirth mit Nachbarn und den Bauleuten unterhaltend.
Die lieblichsten Spaziergänge sind im schattigen Gehölze durch grünende Wiesen, herrliche Saaten, wie an dem vom See bespielten Gestade nach dem nahen Dorfe Gmund angebracht. Besonders aber hat der Kaltenbrunner=Hof gewonnen durch Anlegung eines Fahrsträßchens an dem westlichen Ufer des See’s, welches die schönsten, früher wenig gekannten Parthien darbietet, so daß man jetzt zu Land das ganze große Wasserbecken bequem umfahren kann, was von den Badgästen zu Kreuth sehr oft zu geschehen pflegt.
Das oberste Ende des Tegernsees krönet das alte Pfarrdorf Egern mit seinem Spitzthurme, dessen treues Bild die Spiegelglätte magisch wiedergiebt, da der See südöstlich und gegenüber südwestlich in der Form einer weiten Bucht erscheint. In den Hallen der durch des Königs Max Freigebigkeit verschönerten Kirche erinnert eine Verlobnißtafel an die gefallenen Opfer dieser Gebirgsgegend in der mörderischen Schlacht von 1705 zwischen Sendling und München gegen die Oesterreicher.
Des neuerbauten Schulhauses Inschrift vom Jahre 1821 beurkundet den königlichen Gründer. Freundlich sind übrigens die Häuser des Dorfes in Mitte von fruchtbaren Obstgärten gelagert, wohin man von dem königlichen Schlosse in kurzer Wasserüberfahrt durch die Seeenge gelangen, und am südwestlichen Ufer landen kann. Durch das sich immer mehr verengende Weissachthal nach dem Pfarrdorfe Kreuth kommt man zu dem Wildbade dieses Namens, auch einst Bestandtheil des Klosters Tegernsee. In schauerlich dicht bewachsenem unwirthlichem Raume zwischen riesigen Felswänden und Schluchten entsprang am Fuße des Hohlensteins die Schwefelquelle, zu welcher schon im 16^{ten} Jahrhunderte ein Badhaus, im 18^{ten} ein Kirchlein erbaut worden ist, welches noch steht. Mit der Kloster=Säcularisation kam das Ganze in vernachlässigtem Zustande in die Hände eines Bauers.
„Ich thue in Tegernsee so viel für mein Vergnügen, ich will auch hier etwas für die leidende Menschheit thun,“ so lauteten die ewig unvergeßlichen Worte Vaters Max bei dem Besuche dieser Wildniß; sie sind werth mit goldenen Schriftzügen in Marmor die gegenwärtige Anstalt zu zieren. Und er hat diese Worte in Erfüllung gebracht, der edelste Menschenfreund. Nach dem Ankaufe des Complexes ließ derselbe schon im Jahre 1820 ein neues Badgebäude unweit der Heilquelle herstellen, die nächste Umgebung ausreuten und gangbar machen, einen Badarzt und Verwalter der Anstalt vorsetzen. Zwei Jahre später ward der Gebrauch der Ziegenmolke von der Königsalpe wie in der Schweiz üblich eingeführt und der Besuch mehrte sich zunehmend. In den Jahren 1824 und 1825 sah man das Gebäude bedeutend erweitern und mit großen Bequemlichkeiten ausstatten, Nebenbauten entstunden, mit diesen der imposante große Kursaal mit seiner herrlichen Vor= und Säulenhalle, wohin lange Marmorstufen führen. Noch größere Plane waren vielleicht im Werke, während noch ein eigener Seelsorger angestellt wurde, anmuthige Gärten und andere Anlagen die fruchtbare Plattwiese belebten.
Eine Stiftung von 50,000 fl. zu Armenbädern krönte das schöne Werk des Unvergeßlichen; sie soll seitdem Zuflüsse erhalten haben, besonders durch die Gnade der Königin Karoline, welcher die Badanstalt mit dem Schlosse Tegernsee und den dazu gehörigen Höfen eigenthümlich zugefallen ist. So verewigte sich König Maximilian Jo=seph auf unvergängliche Weise durch Güte und Wohlthätigkeit bei seinen ihn innigst liebenden Bayern in dieser einsamen Stätte, wo schon so viele Bedürftige Trost, Hülfe und Linderung gefunden haben.
Auch Kaiser Nicolaus I. von Rußland besuchte im Jahr 1838 diesen Ort, wo die Kaiserin durch den Gebrauch der Molken vollkommen gesundete, die große Freigebigkeit dieses hohen Herrscherpaares wird ebenfalls lange ein Gegenstand der Erinnerung der Bewohner und Umgegend sein.
Aber seine treue Gefährtin, während den Stürmen dieses Lebens, diejenige, welche ihm half seine Wohlthaten zu spenden, welche auf eine so edle Weise die Obliegenheit, die er ihr vermachte, die Unglücklichen zu unterstützen erfüllte. Ihre Majestät die Königin Caroline wollte durch einen schwachen Beweis ihrer Liebe und Anhänglichkeit an diesem Platze sein Gedächtniß ehren, jedoch die treuen Bayern beeiferten sich, durch freiwillige Beiträge an der Errichtung eines wahren Nationalmonuments Theil zu nehmen.
Von der Anstalt gegen Süden hin führen geschmackvolle englische Parthieen an einem rieselnden Bächlein zu dem aus freiwilligen Beyträgen im Jahre 1828 errichteten Maximilians=Monument. Es bildet eine mehrere 20 Schuh hohe marmorne Nische auf einem solchen Gestelle, welche sich am Fuße einer Erhöhung aus Felsblöcken über einer herabsprudelnden Quelle erhebt und von dichtem Gehölze feierlich umgeben ist. In dieser Nische steht auf dreyeckigem Fußgestelle die wohlgetroffene Büste des höchstseeligen Königs aus Erzguß, unten ist ein passendes Basrelief, dann die einfache Inschrift angebracht: „Rein und segenreich, wie diese Quelle, war sein Leben.“ Der Grundstein hiezu ward am Geburtstage des Verewigten, den 27. Mai 1828 von Er. Majestät dem jetzt regierenden Könige Ludwig und Er. königl. Hoheit dem Prinzen Karl von Bayern, des Königs Bruder, gelegt.
Am darauf folgenden 18. July, dem Geburtstage der verwittweten Königin Karoline, stand das Denkmal fertig da. Unvergeßlich bleibt die ernste herzergreifende Enthüllungs=Feier jenes Tages, wo manche Thräne der Wehmuth über den Verlust des Allgeliebten floß und noch jetzt in stiller Einsamkeit hier ungesehen fließt.