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Ein Jahrhundert München

Die gelehrten Kreise um das Jahr 1826

 

Eine der ersten Regierungshandlungen König Ludwigs I. war die Verlegung der Ludwig-Maximilians-Universität von Landshut nach München im Jahre 1826. Zu den Gelehrten der Akademie traten damit als neue Elemente im wissenschaftlichen Leben Münchens die Universitätsprofessoren. Einer von diesen, Professor G. H. von Schubert, schreibt in seiner Selbstbiographie „Der Erwerb aus einem vergangenen Leben" über das Leben der gelehrten Kreise Münchens in der Frühzeit der Universität:

Am andern Morgen war, nach Vein Gegenbesuche bei den lieben, freundlichen Nachbarn, mein erster Gang zu dem Minister von Schenk. Ich fand den liebens- würdigen Mann ganz so, wie ich ihn nach seinen Briefen mir vorgestellt hatte, und wie andere mir ihn beschrieben. Mündlich beantwortete er mir noch vieles, das er auf meine Briefe unbeantwortet gelassen hatte. Er riet mir, daß ich meinem öffentlichen Versprechen treu bleiben und meine Vorlesungen getrost anfangen solle,- es werde mir an Zuhörern nicht fehlen. Ein Hörsaal stehe für mich bereit.

Meinen teuren, wohlwollenden Freund Lerchenfeld fand ich leider nicht mehr kn München,- er war auswärts zu einem anderen Posten verwendet worden. Aber seiner Vermittlung verdankte ich schon früher die Einführung in einen Kreis der Männer, mit welchen ich jetzt in nähere Verbindung treten sollte, namentlich die persönliche Bekanntschaft mit dem verehrungswerten damaligen Vorstande der Akademie, dem berühmten Franz Paula von Schranck. Man kam mir von allen Seiten freundlich entgegen. Einer meiner künftig nächsten Kollegen an der Universität, ohne zu wissen, daß der Minister von Schenk schon dasselbe getan, forderte mich auf, meine ange- kündigten Vorlesungen über Naturgeschichte auch für dieses Halbjahr nicht auszu- geben, sondern ihren Anfang in gewöhnlicher Weise durch einen öffentlichen Anschlag festzusetzen und die Liste zur Unterzeichnung für dieselben am geeigneten Orte aufzu- legen. „Es warteten noch jetzt viele Studierende auf meine Ankunst, um sich bei mir als künftige Zuhörer zu melden,- der Ruf, der sie dazu bewege, sei mir von manchem meiner früheren Schüler aus Erlangen her nach München vorausgegangen."

Mein Freund Fr. v. Roth hatte jetzt sein neugebautes Haus mit dem großen, schönen Garten bezogen. Dahin führte mich der Zug des Verlangens wie nach einem Vaterhause. Dort im Garten, unter den blühenden Bäumen, brachten wir einen Teil des Nachmittags zu, und erst jetzt ward es mir innerlich still und heimatlich wohl in dem geräuschvollen, schönen München zu Mute. Am Abend mit Rkngseis sah ich zum ersten Male den Peter Cornelius, den Mann mit dem Siegel der geistigen Großmacht auf seiner Stirn. Wäre ich auch niemals mit ihm so nahe auf Lebenszeit befreundet worden, hätte ich ihn auch nur jenes eine Mal gesehen und gesprochen, ich würde es als ein merkwürdig bedeutendes Ereignis meines Lebens rühmen: auch ich habe den Peter Cornelius persönlich kennen gelernt.

Eduard von Schenk (1788 —1841), Staatsminister des Innern, ist auch als dramatischer Dichter hervorgetreten,- besonders sein „Belisar" hielt sich lange aus der deutschen Bühne. Max Graf von Lerchenseld-Köfering (1779 — 1843), war bis zum Jahre 1825 Finanzminister, dann wieder von 1833-1835,- zuletzt war er bayerischer Gesandter in Wien. Franz Paula von Schranck (1747 — 1835) war ursprünglich Theologe und Mitglied der S. J., studierte dann Naturwissenschaft und zeichnete sich aus als Botaniker und Universitätsprofeffor,- seit 1809 war er Direktor des botanischen Gartens in München.

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