Sechzehntes Kapitel
Sitten und Gebräuche
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sechzehntes Kapitel.
Sitten und Gebräuche.
u unserer Alles nivellirenden Zeit hat inan kaum mehr eine Vorstellung davon, mit
welcher Schärfe in alten Tagen der Standesunterschied die Angehörigen eines und desselben Gemein-
wesens trennte. Der aber kan: nicht allein in der Behausung, Beschäftigung und gesammten
Lebensweise, sondern auch, und hier gerade am lebendigsten, in der Kleidung zum Ausdruck.
Aber cs hat nie und nirgend an Menschen gefehlt, die sich zu gut dünken, als das zu
erscheinen, was sie in der That sind, und die sich deshalb in ihrem Auftreten gerne über ihres
Gleichen erheben und Höherstehenden es gleichthun möchten. Dem suchten in alter Zeit die Obrig-
keiten durch Gesetze zu begegnen, welche bestimmten, wie eine jede A la sie von Staatsbürgern sich
kleiden und welchen Aufwand in Nahrung und bei festlichen Anlässen sie inachen dürfe.
And so wurden im Jahre fHOö auch in München „newe saez" wegen Hochzeiten, Gevatter-
schaften, Kleidern u. dgl. erlassen und darin festgesetzt, daß künftig bei Gevatterschaften niemand
mit mehr als acht oder zehn Mann zum wein gehen, daß zur Taufe mit einem Rind nicht mehr
als zehn oder zwölf Frauen gehen; daß man kein Pochzeitbad halten, daß man zu Hochzeiten nicht
mehr als vicrundzwanzig Frauen laden und dazu kein Mädchen unter zehn Jahren mitnehmen,
daß man nur zwei Pochzeitsmahle, eines des Abends, das andere des Morgens geben dürfe u. s. w.
Ferner ward bestimmt, daß keine Bürgerin und deren Tochter in ihren Kränzen und Haarbändern
mehr als zwei Loth Perlen tragen solle; wogegen cs ihnen unverwehrt blieb, seidene Paarbänder
zu tragen. Kein Bürger, noch seine Frau und Tochter durften an ihrem Leib mehr als anderhalb
Mark Silber tragen. Auch der Bräutigam durfte seiner Braut keiner: Kopfschmuck geben, an dem
über drei Mark Silber. Außer ihm durfte auch nieinand der Braut Leinwand schenken. Desgleichen
durfte fortan keine Frau noch Zungfrau einen Rock tragen, der init „vehem" (Veh-Pelz) gefüttert
war, noch nrit offenen Aernreln, noch auch einen Marrtel oder Rock, der „lenger sey danri das er
zwen twerch finger auf der erd nach get."
And andere „saez" von: Jahre befchäftigterr sich sogar mit den Leichengottesdiensten
und bestimmten die Zahl der zu bestellenden Messen, die pöhe des dabei zu gebenden Opfers u. s. w.
So gut gemeint diese und ähnliche Vorschriften, deren in: Laufe der Zeit eine erkleckliche
Anzahl erlassen wurden, auch waren, so wurden sie doch öfter übertreten, namentlich in späterer
Zeit, als durch Mar Emanuel die französische Mode in Stadt und Land gekonnnen war.
Gleichwohl hielt die bayerische Gesetzgebung an solchen Erlassen fest und noch Max Joseph III.
erließ im Jahre eine für ganz Bayern geltende Kleiderordnung. Selbe hatte am [. Januar
i(750 in Kraft zu treten, wo es denn beim Dollzuge durch die Stadtamtleute zu allerlei auffälligen
und lächerlichen Scenen kam.
So war den Frauenspersonen das Tragen goldbortirter Dauben verboten. Da nahmen
nun die Amtleute schon am frühen Morgen beim Kirchgänge bei sechzig solche Dauben weg, und
als einige Frauenspersonen aus den: Kirchwege einfache schwarze trugen, in der Kirche selbst aber
goldbortirte aussetzten, mußten sie sich gefallen lassen, beim kseraustreten aus der Kirche visitirt zu
werden. Rathsfrauen wurden zwar nicht ausgegriffen, erhielten aber so lange militärische Exekution
in's Haus, bis die öffentliche Strafe an ihnen vollzogen war; und eine Weibsperson, welche, die
Amtleute zu necken, eine mit Goldborten bemalte papierene Haube ausgesetzt, wanderte dafür in
die Schergenstube. Einem Bräuknechte zogen die Amtleute die seidenen Strümpfe von den Beinen
und trennten anderen Bräu- und Metzgerknechten die Goldborten vom Hut, und einigen Bürgers-
und Bauernweibern solche von den Brustflecken.
Aus derselben Kleiderordnung erfahren wir auch, daß bis dahin selbst Lakaien und
Handwerksgesellen Degen getragen hatten.
Da wir eben von Kleidergesetzen gesprochen, fügen wir wohl schicklich bei, was uns Lorenz
Westenrieder im Jahre l 782 über die damalige Kleidung der Münchener erzählt.
„Der Bürger trägt blaue, graue, und weiße baumwollene Strümpfe, lederne Beinkleider:
an den Werktägen Rock und Weste vom Landtuch, diese letzte auch von Leinwand; eine Halsbinde
von Flor, oder weißer sehr seiner Leinwand, und einen großen runden Hut, den er mit Schnüren
zu drei Flügeln ausschlägt. Wenn er in seiner feierlichen Kleidung erscheint, trägt er gewöhnlich
ein seines ausländisches Tuch zur Weste, Rock, und den: sehr weiten Mantel, der ihm in vielen
Falten von den Schultern bis an die Schuhe hinabhängt. Dieser letztere hat einen Kragen, welcher
nicht selten mit silbernen oder goldenen Borten verbrämt ist. Die Knöpfe an Rock und Weste, die
Schnallen an den Schuhen, wie auch die Hutschnallen sind fast immer von geschlagenem Silber;
dazu kommt ein goldener oder silberner Ehering, und eine Sackuhr.
„Wenn der Bürger an Feyertägen in die Kirche, oder zu jemand, den er ehren will, geht,
bedient er sich des Mantels, außer dem trägt er ein spanisches Rohr, dessen Knops von Silber ist,
auch einen Degen; aber niemals beydes zugleich. Gewöhnlich trägt er abgeschnittene £?aare, zuweilen
auch Perücken: und die ersten Stände derselben kleiden sich ohne Unterschied wie Adelichen. Der
Gemeine trägt zu krause allein eine Weste, ost ohne Ermel.
„Die Bürgerssrauen tragen gewöhnlich einige Unterröcke, deren der äusserste vom Landzeug,
ost auch von: feinsten Tuch, oder Seide, und unten mit einem Silber- oder Goldspitz verbrämt ist.
Dazu kömmt ein Fürtuch. Dann ein Oberleib oder Mieder, das mit Fischbein ausgespannt, und
überaus steif ist. Dieses wird vornen über einen dem Mieder ähnlichen, und aus selbes paßenden
Brustfleck mit einer silbernen Kette zugeschnürt, welche gewöhnlich den ganzen Vorderteil? bedeckt.
Ueber dieses ziehen sie eine kurze Weste von Zeug oder Tuch an, welche mit Knöpfen versehen ist;
dazu kommt ein Halstuch, von Seiden oder seiner Leinwand. Um den Hals winden sie eine silberne
oder goldene Kette, deren Schnallen, ost mit Edelsteinen besetzt, vornen, oder auch rückwärts sich
befindet. Kn den Fingern tragen sie silberne oder goldene Ringe, so wie silberne Schnallen an den
Schuhen. Ohrenringe haben sie nicht. Ihre, meist geflochtenen fjaare sind in Knoten, nach
griechischer Art, um den Kops gebunden; im Sommer flechten sie selbe um eine Krone, welche von
schwarzen Bändern, von gemeinen perlen, ost aber mit kostbaren Steinen besetzt ist, und diese
machen sie nüt einer silbernen oder goldenen Nadel, welche sie durch die Krone und durch die f^aare
stechen, fest. So erscheinen auch die Jungfrauen bei Hochzeiten. Im Winter tragen sie Dauben,
welche den ganzen Kops bedecken.
„An feierlichen Tägen ist die Kleidung gewöhnlich schwarz, oder braun, wozu die sogenannten
Schalkeln (statt der Westen) kommen, und diese werden mit silbernen Ketten zugeschnürt. Und einige
der Frauen tragen noch die alten, ehrwürdigen Gürteln, und die letzten Arten der einfachen Aals-
kragen; dazu große Hauben, deren äußerer Boden von Seiden oder Sammet, das Gepräm aber,
in Gestalt eines halben Monds, von pelz ist. Für ein deutsches, gesundes Weib eine Kleidung
von wahrhaftem Ansehen!
„Einige Klassen, zum Beyspiel, die Lederer, tragen an feyerlichen Tagen ihre Uniform,
und die meisten Zünfte sind durch eigne pärtikulargesätze zur Anständigkeit angehalten.
„Kein Mann läßt den Bart wachsen, und keine Frau (einige vom Hähern Stand aus-
genommen) pudert das paar.
„Die Kinder, besonders der gemeiner« Leute werden noch häufig, fast bis sie stehen können,
am ganzen Leib, nach alter Art nemlich, auch die Ärmlein, dicht an den Körper hinab, gefälscht; —
dann werden sie noch einzeln in Ordenshabite gekleidet, wo sie auch noch Gehänge tragen, das
ist, ein Amulet, das an einem schönen Band, von der rechten Schulter herabhängt, an dessen Seiten
aber Denkmünzen mit Öhrlein, oder andere Raritäten, die man ihnen zum Andenken schenkt, fest
gemacht sind." —
Regenschirme wurden erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts üblich.
Die Münchenerinen standen zu allen Zeiten ihrer Schönheit halber in großem Ansehen.
Wie der schon früher erwähnte französische Reisende de Moncony in seinem Reisewcrke von
die Schönheit des „Münchener Frauen-Volcks" rühmt, so schreibt der ebenfalls schon genannte
Verfasser der „Reise durch den Baierischcn Kreis" von München: „Das schöne Geschlecht verdient
hier dieses Prädicat in allen Absichten. Ich habe noch nirgends so viele schöne Weiber und
Mädchen auf einem Kaufen beisammen gefunden; versteht sich in einer Stadt von gleicher Größe
und Volksmenge. In allen Volksklassen, von der höchsten bis zur niedrigsten, findet man vollendete
Schönheiten. Sie haben zwar nicht so durchweg die majestätischen Adlernasen wie die Mädchen in
Passau, aber ihre Physiognomien sind doch sehr interessant, und haben mehr Abwechslung. Auf
ihren Wangen blühen Lilien und Rosen, und in ihrem Charakter herrscht eine liebenswürdige
Naivetät. Leider sollen seit der Ankunft der pfälzischen Truppen, pöflinge ic. die Rosenwangen
seltener, und Affectation und Koketterie allgemeiner geworden sein!"
Suchen wir nun den Münchener am Schluffe des vorigen Jahrhunderts in seinem Pause auf!
Die häusliche Einrichtung des Müncheners war damals unglaublich einfach. Die Zimmer
des Bürgers, mochte er auch noch so wohlhabend sein, sowie die des kleineren Beamten zeigten
nur mit Kalk angetünchte Wände. Weiße Fenstervorhängc oder gar polirte Möbel erschienen als
enormer Luxus, den sich nur Wenige gestatteten. Mit Oelfarbe angestrichener Pausrath bildete
die Regel. Ein Sopha, namentlich ein solches mit gepolsterter Rücklehne, war der Gegenstand des
Neides aller Pausfrauen. Dagegen fehlte nur selten der lederbezogene Stuhl des Familienhauptes.
Um die abgelegten Kleider im Bedürfnißfalle bequem zur pand zu haben, hing man sie an die
Thüre oder Wand, und an ersterer fand jeder Pausgenosse auch ein langes, schmales pandtuch zu
beliebigem Gebrauche. War das Brennholz auch nichts weniger als theuer, so ersparte die umsichtige
Pausfrau doch manchen Gulden, indem sie den Winter über im Wohnzimmer kochte oder wohl
auch kochen ließ. Letzteres war um so weniger zu beanstanden, als sich zwischen der Dienstherrschaft
und den „Ehchaltcn" (Dienstboten) und zwischen Meister und Gesellen ein echt patriarchalisches
Verhältniß erhalten hatte. Dem zu Folge saßen die Dienstboten, Gesellen und Lehrjungen meist
auch beim Mittag- und Abendessen mit der Familie an einem Tische zusammen.
Im Allgemeinen nahm der Bürger und pandwerker zu jener Zeit noch kein Frühstück.
Die Stunde des Mittagessens war elf, die des Abendessens sechs Uhr. Zu Mittag kam gewöhnlich
Suppe, Voressen (Ragout), Rindfleisch und Gemüse, an Sonntagen Kalbsbraten und an hohen
Festtagen eine gebratene Gans auf den Tisch. Bei einigen Gewerben waren gewisse Speisen täglich
oder an gewissen Tagen herkömnllich, so bei den Schuhmachern bei jedem Abendessen Salat. Im
Uebrigen stand selbst auf des Kleinbürgers Tisch wenigstens zweimal in der Woche Kalbsbraten.
Auch tüchtige Knödel durften nicht fehlen.
Die Vornehmeren huldigten in der Regel den Freuden der Tafel nach und bisweilen auch
über Verhältniß ihres Einkommens, frühstückten Kaffee, Lhokolade oder Thee und sahen, wenn
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thunlich, (Säfte an mehr oder minder reich besetzter Tafel, die meist nach zwölf, spätestens um
halb zwei Uhr servirt wurde.
Allen aber, den Wohlhabenden und Reichen, wie den Armen kam die Wohlfeilheit der
gangbarsten Bedarfsgegenstände zu statten. So kostete im Jahre ( 782 das Schäffel Waizen höchstens
U fl. 30 fr. (f9 JL 27 jJ), Korn 9 fl. 30 fr. ((6 X 29 J), Gerste 6 fl. \ö fr. (fO 27 J),
Haber 4 fl. 30 fr. (7 M. 72 ^); ein Pfund Ochsenfleisch 6 fr. 5 dl. (2s J), Kalbfleisch 5 fr. ((5
Schweinfleisch 6 fr. ((8 ^f); eine Gans ^8 fr. M. 57^); eine Maß braunes Sommerbier
3 fr. \ dl. ((0 ^f), weißes Bier 2 fr. ( dl. (7 ^f); eine Klafter Buchenholz 3 fl. (8 M. 57 ^f),
Fichtenholz 3 fl. 50 fr. (6 J(); ein Pfund Butter fr. (HO ^), Schmalz (5 fr. (H3 ^f), und
(0 Lier einen Batzen oder H kr. ((( ^f).
Aber es war nicht immer so; kostete doclpim Jahre (622 das Schäffel Waizen oder Korn
68 fl. (((6 JH. 57 ^f), Gerste H2 fl. (72 M.} und Haber 28 fl. (H8 Jt.}.
Das Leben der bürgerlichen Hausfrau war viel enger abgegrenzt als heute. Die Wochen-
tage wurden von häuslichen Beschäftigungen ausgefüllt, die dem Besuch des Frühgottesdienstes sich
anreihten, und so erschien die Frau nur des Sonntags mit ihren: Wanne auf der Straße, fei es
um zur Kirche, fei es um auf den Bierkeller zu gehen oder einen Spaziergang oder Ausflug über
Land zu machen, an dem dann auch die Kinder Theil nehmen durften. Das häusliche Behagen
erhöhte die sorgsame Hausfrau, sofern es die Verhältnisse gestatteten, durch Linrichten einer Staats
stubs. Da fand sich der bessere Hausrath und Werthvolleres an Zinn, Porzellan, Steingut oder
Glas, auf Tisch und Schrank zierlich aufgestellt. Daneben aber ruhten in wohlversperrten Kästen
Staatskleider und Wäsche aller Art sanunt mächtigen Stücken Leinwand, darunter manches aus
eigenem Gespinnste. Bon Kaffeevisiten und Theaterbesuch war dagegen kaum die 'Rede. Andererseits
fanden verwandtschaftliche und schwägerschaftliche Beziehungen die weitestgehende pflege. Man
liebte so gleichsam die engbegrenzte Häuslichkeit zu erweitern, wobei die Theilnahme an gewissen
Lreignissen in Familienkreisen eine lebhaftere ward, und Geburten, Hochzeiten und Todesfälle erhöhte
Bedeutung gewannen.
War ein Kind geboren, so ward es wo möglich noch selben Tages zur Taufe in die
Kirche getragen und das freudige Lreigniß durch einen kleinen Schmaus gefeiert, bei dem in der
Regel kein Fleisch, wohl aber sogenannte Schneeballen, Käse, Tonfekt, Früchte und Wein aufgesetzt
wurden. Davon bekam auch jeder Gast als sogenanntes Bescheidessen in's Haus geschickt. Am
neunten Tage aber fanden sich verwandte, verschwägerte oder sonst befreundete Frauen zum Besuche
ein, von denen jede ein dem Lreignisse und ihren eigenen Bermögensverhältnisfen angemessenes
Geschenk, „Weiset" genannt, und meist aus Kaffee, Kandiszucker, feinem Mehl bestehend, über-
brachte, gleichsam einen Beitrag für den nun vergrößerten Haushalt.
War aber dann das Kind erwachsen, so erhielt es vom pathen oder der*pathin einen
silbernen („Göthen"-) Löffel, worauf der Name des „Göthen" oder pathen eingegraben war und
ward, so lang es die Kinderschuhe noch nicht ausgetreten, am Palmsonntag im Hause des pathen
mit Meth und Tonfekt bewirthet und zu Allerseelen mit einem „Seelenwecken" beschenkt.
Hochzeiten wurden von bürgerlichen Kreisen regelmäßig in einem Wirthshause gefeiert.
Auch dabei fehlte es an Geschenken der geladenen Gäste nicht, während sich an dem Tanze wohl
auch Andere betheiligen durften. Auch vom Hochzeitsmahle bekamen die geladenen Gäste ins Haus
geschickt oder trugen es in einer Pause zwischen zwei Gängen selber heim.
Der „goldene Tag" aber, d. h. der Tag nach der Hochzeit, ward im Hause der Litern
der Braut bei einem kleineren Mahle nur in engerem Kreise gefeiert.
Auch Sterbefälle fanden in weiteren Kreisen Beachtung. Da es Leichenhäuser noch nicht
gab, so wurden Kinderleichen noch vor Ablauf eines Tages in einer Miethkutfche auf den Friedhof
gebracht und sofort beerdigt; die Leichen Lrwachsener aber erst nach 36 oder H8 Stunden dahin
getragen. So lange die Leiche im Hause lag, gab ein Kreuz aus Strohgeflecht, mit einem Ziegelstein
beschwert und vor die Thüre des Sterbehauses gelegt, Kunde von dem eingetretenen Todesfälle.
War der Verstorbene unverehlicht gewesen, aber schon zur (Communion gegangen, so lag auf dem
Strohkreuze auch noch eine Arone aus Aunstblumen.
Der Leiche folgten nach der Geistlichkeit die nächsten Angehörigen in langen schwarzen
Mänteln, „Alag" geheißen, nach denen sie selber die „Aläger" genannt wurden. An sie schlossen
sich freunde, Bekannte und Nachbarn an. Vor dem Sarg aber zogen eine oder mehrere Bruder-
schaften in verschiedenfarbiger Tracht mit ihren Fahnen. Nahte sich der Zug einer Rirche, so
wurden deren Glocken so lang geläutet, als er in Sicht war. Bei der ersten Seelenmesse behielt
der Hauptkläger in der Airche den Hut auf dem Aopfe, die Frauen aber trugen, wenn sie Haupt
klägerinnen waren, hiebei, sowie bei der Leiche, ein kurzes schwarzes Mäntelchen, das bis an die
Mitte des Leibes reichte und einen runden, herabgestülpten hohen und kegelförmig zugespitzten Hut,
und verhüllten, wie in älterer Zeit, das ganze Gesicht, so nun den Mund mit einer weißen,
steifen Binde (der alten „Rise"), deren Enden rückwärts bis an die Erde Hinabflossen.
Nach der Beerdigung trugen die Männer zur schwarzen Aleidung noch vier bis sechs
Wochen einen Flor um den Hut.
Personen der unteren Stände wurden des Morgens, Bürger nach der Vesperzeit begraben,
solche höheren Standes aber um so später, je vornehmer sie gewesen; ausnahmsweise indeß auch
um die Mittagstunde. Die Hauptkläger erschienen dabei in der Gugel, einens langen schwarzen
Mantel mit über den Aopf gestülpter Aapuze.
Erst zu Anfang der neunziger Zahre bürgerte sich in München die Sitte ein, die Leichen
auf den Airchhof zu fahren, und während bis zum Jahre (7s)8 die Beschaffung von Trauerwägen
der Privatindustrie anheimgegeben war, ließ in diesem Jahre der Magistrat drei solche Herstellen,
welche im Stadthause auf dem Anger bereit gehalten wurden. Die Taxe für die Benützung
derselben überstieg 2^ Areuzer (6st nicht.
Aber lassen wir die Todten ruhen und kehren wir zu den Lebenden zurück.
Man kann es nicht leugnen: die Wirthshäuser waren damals weniger gefüllt als in unseren
Tagen; der weniger Bemittelte fand sich in der Regel nur Sonntags dort ein, an Werktagen ließ
er sich sein Bier nach Hause holen und trank es im Areise der Seinen und mit ihnen. Nur an
den sogenannten Bürgertagen erschien Metzger und Bäcker, Schmied und Schäffler, Tischler und
Glaser, Schneider und Schuster und wer sonst einen Bräuer oder Wirth zu seinen Runden zählte,
in dessen Gaststube und nahm dort, mit seinem charakteristischen Arbeitskleidc angethan, seinen
Abendtrunk. So wollt' es uraltes Herkommen, das keiner ungestraft verletzte.
In Gast- und Wirthslokalen fehlte es nicht an ernsten und heiteren Sprüchen, von denen
uns manche erhalten sind. So war beim Fuchswirth in der Schwabingergaffe folgende heute nicht
minder zu beherzigende Regala vitae zu lesen:
Ruef an dein Gott,
ffalt sein Gebot,
keid Geduld in Noth,
Gieb den Annen Brod,
Schweig, trag und leid,
Die Unzucht meid,
ffab Acht der Zeit.
Auf Freund nicht bau,
Nicht allen trau,
Auf dich selbst schau,
Sei nicht zn genau!
pfleg deinen Gesund,
Regier den Ulund,
Traib nicht bös findt,
Büt dich vor Siind.
Die Alten verehr,
Dein Raus ernähr,
Die Jugend lehr,
Des Zorns dich erwehr!
ffalt dich fein rein,
Mach dich nicht gemein,
Bleib gern daheim!
Getreu ich's mein.
Zn der ältesten Zeit wurde die Polizeistunde durch das Läuteil der sogenannten Wein-
oder Bierglocke angezeigt. Auf das von ihr gegebene Zeichen mußten alle Gäste die Zechstuben
verlassen und sich fein sittlich nach Hause begeben, wollten sie nicht in die Hand der Nachtwächter
und Söldner der Stadt, oder gar des „Züchtigers" gerathen.
__________
)
Der Züchtiger (Scharfrichter) von München war nemlich seiner Zeit eine viel beschäftigte
Persönlichkeit; nicht blos weil sich peinliche Exekutionen bedenklich oft wiederholten, sondern auch
weil er und seine vier Anechte nächtlicher Weile mit den Söldnern und Nachtwächtern der Stadt
zur Erhaltung der Ruhe, Ordnung und Sicherheit auf den Gassen der Stadt mitzuwirken, auf
Feuer und Licht, herrenlose punde rc. Acht zu haben, auch nicht zu gedulden hatte, daß nach dem
Läuten der Bier- und Weinglocke jemand auf den Gassen schrie, sang, pfiff oder sonst lärmte, daß
feile Dirnen allein oder mit Männern unter den Bögen heruinschwärmten rc. rc. Endlich war cs
auch der Züchtiger, der auf Befehl des Herzogs zu Mittag und Abend die Aontrole zu üben hatte,
ob die Einwohner die gebotenen Fasttage hielten.
Nachmals aber bis zum Jahre [7()S war die Polizeistunde für die Aaffeehäuser auf Nachts
eilf, für die Bräu- und Bierhäuser auf zehn Uhr festgesetzt. Um diese Stunde erschienen Militär-
patrouillen daselbst, um „abzuschaffen", und verspätete Gäste auf die Hauptwache zu bringen, wo
sie diese Nacht hindurch verbleiben mußten, jm obigen Jahre wurde die eilfte Stunde als allgemeine
Polizeistunde festgesetzt, und auch das Abschaffen durch das Militär beseitigt.
Die abgewürdigten Feiertage lebten selbst um diese Zeit noch im Gedächtniß des Müncheners
fort und sah sich deshalb die Polizei wiederholt veranlaßt, an solchen Tagen Werkstätten unter
Beihilfe des Militärs zu öffnen.
Nachdem wir uns in vorstehendem zumeist mit der Familie des Gewerbtreibendcn beschäftigt,
Stand
mag nun die Berechnung der Zahresausgaben einer
und Verhältniß Platz finden,
„blos zehrenden" Familie
wie sie Burgholzer inr Jahre s7y6 aufstellte:
5»
Für die Wohnung ....
Für Holz__________________
Für die Kost, wenn aniiimint,
für das Frühstück 6 kr.
(17 -J), für das Essen des
Herrn nnd der Frau
Mittag 2-1 kr. (69 4),
Abends 18 kr. (51 4), auch
zwei Kinder etwa mit ein-
geschoben, dann für Bier
? kr. (20 S), für die Kost
von zwei Dienstboten täglich
15 kr. (iz 4), sohin täglich
1 fl. 10 kr. (2 X) . . .
Für den Lohn der Köchin
Für den Lohn des Stuben-
mädchens _______________.....
130
50
125
50
2-1
fl. (222 X
fl. ( 85 X
86
71
'S)
'S")
fi-
fl-
fl-
(557 X
( 51 X
( 11 X
11
'S)
'S)
aus den mittleren
______ _________ ________________..
im mittleren
________ _________ ____________
Für die Wäscherin monatlich
Für die jährliche Kleidung der
Frau, Schuhe, Strümpfe ic.
Für deu Herrn___________
Für die Kinder___________
Für Haarpnder, Haarnadeln,
Pomade rc. zu 1 Personen
Für Schnupftobak . . . .
Für deu Instruktor . . .
Für Kerzen täglich 2 kr. (6 4)
Für Tischzeug, Bettgewand,
Küchengeschirr rc. . . .
Für Barbieren, Aderlässen rc.
Für andere Kleinigkeiten . .
Summa
2
50
8
6
56
12
20
12
10
fl. (
fl- (
fl. (
fl- (
fl. (
fl-
fl.
fl.
(
fl. (
fl. (
fl. (
5 X
85 X
60
12
X
X
^5
7t
85
4.
4)
4)
io
61
20
31
20
68
X
x
x
X
X
X
X
71
29
71
29
57
57
4
'S")
'S)
4
4
927 fl. (1589 X 15 4)
und unteren Ständen versahen Aöchc die Stelle
Für Unverheirathete
unserer heutigen Restaurationen und Speisehäuser. Man erhielt da einen aus Suppe, Voressen,
Fleisch, Gemüse und Brod bestehenden Mittagtisch für zehn Areuzer (2fl ^s) und an den zahlreichen
Fasttagen entsprechende Suppe, Nudel und Fischbrühe für acht Areuzer (25 ^f). Das Aüchenrepertoir
war vollkommen stabil. So gab es Sonntags Reis, Montags geschnittene Nudeln, Dienstags
Riehlgerste, Mittwochs Leberspatzen, Donnerstags Leberknädel, Freitags Erbsen, Linsen oder Breun
(Hirse) und Samstags Gries, um Sonntags wieder mit dem Reis zu beginnen.
wer mehr aufwenden wollte oder konnte, fand in den Wein-, Bräu- und Wirthshäufern
für den Preis von f fl. (f jfl. 7\ bis (5 kr. (^3 herab entsprechenden Tisch.
Trotz alledem hat es in München nie an Bettlern gefehlt und zu Ende des XVI. Jahr-
hunderts muß daselbst der Bettel gar sehr überhand genommen haben, denn der Magistrat
erließ eine Bettelordnung, wonach kein Bürger, keine Bürgerin und auch kein Fremder ohne
Bewilligung des Stadtrathes betteln durfte. Desgleichen war jedermann untersagt, an den Airchen
ju betteln und unter den Kirchthüren JU stehen den Bettelleuten nur dann vergönnt, „wenn ein
Ungewitter tobet oder starkher Regen niederstürtzt" ic. re.
Auch in späterer Zeit war die Zahl der eigentlich Armen eben nicht gering, ihr Leben
aber deshalb nicht alljuschlecht: wo die Freigebigkeit des Einzelnen nicht mehr jureichte, sprach man
eine oder die andere der vielen milden Stiftungen air. Kurfürst Max III. ließ alljährlich <(0,000 fl.
(78,572 JC) an pausarme vertheilen, von welcher Summe der größte Theil in München blieb.
Gleichwohl zählte rnan im Jahre (782 in München über 2000 Bettler, darunter (275 Einheimische,
so daß auf etwa 50 Einwohner ein Bettler kam.
Die Moral der Bevölkerung ließ im Allgemeinen in München zu keiner Zeit niehr zu
wünschen übrig, als in anderen Städten auch.
Seit dein Jahre (-(50 bestand aus den Rath des Magistrats und Befehl des poses ein
sogenanntes Frauenhaus, in welchem die öffentlichen Dirnen ihren gesetzlichen Aufenthalt hatten,
und unter Milhelnr IV. ein sogenanntes Gemeinhaus, dessen Aufseher der „freie Wirth" hieß.
Damals standen auf der Prostitution Pranger, Auspeitschen und ewige Verweisung aus der Stadt.
„Wurden" aber prostituirte „dem freyen Wirth allhyc zu handten, der solle sy Macht vnd Gewalt
haben, on alle Mittl in das Genrainhaus zu ziehen, vnd daselbs zu enthalten" (unterhalten),
perzog Albrecht V. hob diese Freistätte der Uirsittlichkeit wieder auf, allein man stößt noch bis ins
XVIl. Jahrhundert hinein auf Spuren von Frauenmeistern, bis nran sie endlich alle aus der
Stadt verwies.
Zn die Kathegorie dieser Frauenspersonen dürfte auch die „schöne Arschel von Wolfrathshausen"
gehört haben, die im Zahre (-(26 nach München kanr und allen Männern den Kopf verrückte.
Unter ihren Verehrern befand sich auch eiir vornehmer perr, der sogar Kirchengeräthe an Juden
verkaufte, um ihre Gunst erkaufen zu können, und eines Tages mitsammt der „schönen Urschel"
aus der Stadt verschwand, worauf man vor: ihnen Beiden nie mehr etwas hörte.
Nicht ohne schädlichen Einfluß auf die Bevölkerung blieb das schlimme Beispiel, das der
Pos im vorigen Jahrhunderte nach französischem Bluster gab: es dauerte nicht lange, so wurde
auch das Bürgerthum vom Beispiel des pofes angesteckt.
Aber das war anderswo auch nicht besser.
Dasselbe galt von der Lust des Volkes an Glücksspielen.
Unter Albert IV. war in München beim gemeinen Volke das Schalter- und Triebspiel,
dann das Kegelschieben sehr im Gange und es kam darüber oft zum Fluchen und zu Gotteslästerungen,
zu Rauferei und Todschlag, so daß der perzog im Zahre (-(55 diese Spiele streng verbot und dafür
unter gewissen Beschränkungen nur mehr Kartenspiele, Schach und Brettspiel, aber auch die nicht
in öffentlichen Schenken, gestattete.
Aber wie alle Verbote wurde auch das der Scholterspiele mit der Zeit weniger streng
gehandhabt und fanden namentlich auf der Schießstätte eine pcimstätte. So kam es denn, daß die
Geistlichkeit über das Schelten und Fluchen im Scholterspielhäusl — deshalb Sakramentir-Päusl
genannt — Klage erhob, in Folge deren das Scholterspiel, obwohl es der Schützenkaffa eine gute
Einnahme abwarf, im Zahre (7^0 neuerdings abgeschafft wurde.
Gegen Ende des vorigen Zahrhunderts verzeichnet Westenrieder von Spielen das Billard,
das Spiel mit französischen und deutschen Karten, das Damenziehen, das lange Puff- und Schach-
spiel und das Mühlfahren (die Zwickinühle), ferner als in den unteren Ständen allgemein üblich
das Kegelschieben mit seinen Unterarten, dem Schmarakeln, Budeln und Langausschieben, kleine
Zimmcrkegelspiele, das Eisschießen und kleinere Spiele, wie das Gänsespiel, das Pfandspiel, das
Pang den Mann, Wetten, Glückshafen und Lotterie rc. rc. Auch mit dein Schießen aus Blasrohren,
dem sogenannten Pelzlschießen, unterhielt nran sich und bestand um (80-( eine eigene Gesellschaft hiefür.
Waren auch schon gegen den Schluß des vorigen Jahrhunderts zu allen Stunden Mieth-
kutschen zu haben, so finden wir Fiaker doch erst zu Anfang des XIX. Jahrhunderts und auch da
nur ein paar Jahre lang.
Dagegen waren Tragsessel, unter den sogenannten Landschaftsbögen in ergiebiger Anzahl
aufgestellt, sehr stark im allgemeinen Gebrauch, und vertraten die Stelle unserer heutigen Fiaker
und Droschken; namentlich bediente sich ihrer das schöne Geschlecht, dem eine eigene Equipage nicht
zu Gebot stand, beini Besuche des Theaters, der Toncerte und Bälle. Die Träger trugen lange
blaue Röcke und um den Leib breite rothe Schärpen. Vielleicht hing dieses einigerinaßen an den
Orient erinnernde Kostüm mit der Thatsache zusammen, daß von den kriegsgefangenen Türken,
welche unter Max Emanuel nach München gebracht wurden und dort nachinals zum Thristenthum
übertraten und Familien gründeten, mehrere als Sänftenträger Dienste thaten.
Uebrigens finden sich noch heute in der Vorstadt Au Nachkömmlinge jener Türken.
Bei besonderen Gelegenheiten sorgte die Polizei auch für die Aufstellung von Fackelträgern,
so z. B. in den Aarnevalstagen; doch durften nach polizeilicher Vorschrift weder sie, noch die Fiaker
ihnen oder der Thorwache Anbekannte über die Isarbrücken führen.
Der Fremdenverkehr war noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts ungemein schwach und
zudem durch mancherlei Polizeimaßregeln erschwert. So bedurfte nach damaliger Rechtsanschauung
der Fremde zur Reise eines Passes und zum Aufenthalte im Lande einer „gnädigsten Bewilligung";
und da war cs denn ganz folgerichtig, wenn noch eine landesherrliche Vorschrift vom Oktober
s7ß8 dekretirte, es hätten „fammentliche Fremde, weltlichen und geistlichen Standes, die sich in
hiesiger Residenzstadt, dem Burgfrieden, in der Au oder in Giesing aufhaltcn, entweder in vierzehn
Tagen die churfürstlichen Lande zu verlassen oder binnen gleicher Frist die erneute gnädigste Bewilligung
für sich, ihr Gefolge und Dienerschaft, sich in pochdero Staaten aufhalten zu dürfen, vorzuzeigen,
wogegen sie eine Aufenthaltskarte erlangen."
Nach den Münchener Stadlfreiheiten durften ursprünglich nur die Meinwirthe Fremde
beherbergen; indcß wurde das später nicht so genau genommen und geduldet, daß es auch die
Bierbrauer thaten.
Als der erste Gasthof Münchens wird in jener Zeit übereinstimmend der zum schwarzen
Adler an der Aaufingergasse genannt, den noch heute des damaligen Pofschlossers Radel treffliche
Arbeit aus einem Stück Eisen ziert. Ein Zimmer kostete 2% fr. bis 2 fl. 2^ fr. für den Tag,
das trockene Touvert an der Mittags-Table d'hote [ fl., am Abendtische ^0 fr.; der Lohndiener
erhielt für den Tag s fl. An den schwarzen Adler reihte sich der goldene pahn in der Meinstraße,
der Londoner pof in der Aaufingergasse, der goldene pirsch in der Theatinerstraße, dann eine
Anzahl von Bräuhäusern, wie beim Filser, Menter, Aappler u. a.
Das Ausläuten oder Austronuneln von Bekanntnrachungen aller Art, amtlichen sowohl
als außeramtlichen, vertrat so ziemlich ausschließlich unsere dermalige Einrichtung der Straßenanschläge,
und pflegte in derselben Meise das Publikum anzuziehen wie diese.
Die Fanrilien- und die Gewerbsgemeinschaft waren es von jeher, welche als Träger und
Pfleger alter Gebräuche und Sitten verdienstlich gewirkt haben. So auch in München.
Es ist früher schon der „Madlerspend?" beim hl. Geistspital gedacht worden, welche in
Bretzen bestand. Da hätten wir denn, wie in den der Zeit nach vorausgehenden „Fastenbretzen"
— sie wurden vordem wirklich nur in der Fastenzeit, die mit dem Vorfrühling zusammenfällt,
gebacken — ein altes Opferbrod in der Form des aufsteigenden Sonnenrades, das um Frühlingsanfang
zur Feier der wiedcrkehrenden Sonne und des Miedererwachens ihrer allesbelebenden Araft gebacken
ward. Der Schimmel aber erinnert an des gewaltigen Muotans Roß Sleipnar.
Auch zu anderen Zeiten gab es absonderliches Brod. Zu Ostern solches in Gestalt von
pasen mit einem rothen Ei im Gesäß. Das Ei aber war der Frühlingsgöttin Ostara geweiht
und der pafe gilt noch heute als Symbol der Fruchtbarkeit. Ferner das Airchweihbrod und zu
Meihnacht das Putzei- und Aletzenbrod aus mit süßem Obst und anderen Früchten gemengtem
Teige. Durch die Erlaubniß es anzuschneiden, gestattete das Mädchen ihrem Verehrer förmliche
Bewerbung. Am Allerseelentage beschenkte man pathen- und andere Rinder mit Kleidungsstücken,
Obst und feinen: Brod in Form eines Zopfes, daher Seelenzopf genannt. Am Tage der unschuldigen
Rinder mußten die jungen Mädchen den Junggesellen mit Lebkuchen und Pfefferkuchen aufwarten,
und wurden deshalb von diesen so lange scherzend mit Rüthchen auf die Hände „gefitzt" (geschlagen),
bis sie mit diesen Süßigkeiten herausrückten.
An den Tagen des Dienstwechsels, vordein ausschließlich zu Lichtmeß, Georgi, Jakobi und
Michaelis, erhielten die austretenden Dienstboten zum Abschied einen Laib Brod, den sogenannten
Schlenkellaib. Es hießen aber jene Tage die Schlenkeltage, weil, falls ein Dienstbote „etwa sein
Gewand zu bessern oder sonsten anders zu seiner Nothdurft zu verrichten" hatte, ihm bis zu vier
Tagen Freizeit (Schlenkelweil) gesetzlich gestattet war, ehe er in den neuen Dienst eintrat. An den
Schlenkeltagen nun pflegten die ihre Stelle wechselnden Dienstmädchen mit ihren Liebhabern beim
Lebzelter Thumberger in der Neuhausergasse (heut Nr. (?) sich einzufinden, und bei Meth und
kleinen Lebkuchen in der Größe von etwa einem Auadratzoll, „Schiffer!" geheißen, gütlich zu thun.
hinter dem krause des Thumberger befand sich damals ein von kleinen Bogen, die nur für zwei
Personen Raum gaben und deshalb scherzweise „Beichtstühle" genannt wurden, umgebener Garten.
Ebenda tranken die jungen Leute am ersten Sonntag nach Ostern, dem sogenannten weißen
Sonntag, in Meth „Schön und Stärk", d. h. Schönheit und Stärke. Auch junge Ehegatten thaten
dasselbe. Dabei durften die „Schifferin" nicht fehlen.
In der „Rlöpfels- (Rlöpfleins-) Nacht, der letzten der zwölf Rauchnächte, von denen später
noch die Rede sein wird, erhielten die Dienstmägde von den Metzgern, Bäckern, Rrämern und
anderen Gewerbtreibenden, bei denen sie ihre Einkäufe zu machen pflegten, ebenso auch die Handwerks-
Lehrjungen von den Runden ihrer Meister Rletzenbrod oder ein kleines Geldgeschenk. In derselben
Nacht zogen auch Schaaren von Rindern durch die Stadt, klopften an die Thüren von Bekannten
und sangen:
„Klopf an, klopf an, 's Frauerl hat ein schönen Mann,
Gibt mir d' Fran ein Aüchcrl z' Lohn, weil i 's löerrl globt Han.
will sie mir kein Kücherl geb'n,
will i 's 6aus auf d' Seiten leg'n,
D' Senna will i all dcrschlag'n,
'N Gockel will i im ffof rumjag'n!"
Um der angedrohten Gefahr zu entgehen, wurden denn die Thüren bereitwilligst geöffnet
und den Rindern die gewünschten Rücheln herausgereicht, worauf sie ihr Spiel anderwärts begannen.
Ohne Aweifel haben wir es auch hier mit einem uralten Brauche zu thun. Der Umstand,
daß die Rinder mit Schlägen und Rlopfen an die Thüren pochten und anderwärts durch U)erfen
von Erbsen an die Fensterläden ein dem Donner-Rollen ähnliches Geräusch verursachten, scheint auf
den Rultus des Donnar hinzuweisen, während Sepp in den anklopfenden Rindern die Repräsentanten
der im nächsten Jahre zur Melt kommenden Rinder sehen zu sollen glaubt, welche Unterhalt heischen.
Gegen das Schießen in der Neujahrsnacht auf Straßen und Plätzen der Stadt, das wohl
auch mit dem Dienste Donnar's zusammenhing, eiferte die Polizei vergeblich, und der Fremde, der
sich in dieser Nacht der Stadt näherte, hätte wohl glauben mögen, man schlage sich in ihren Straßen.
Die noch heute bestehende Gewohnheit, am Allerseelentage die Gräber geliebter Todter festlich
zu schmücken, stammt gleichfalls aus dem germanischen Heidenthum. Schon die alten Germanen
schmückten die Gräber ihrer Lieben mit dem immergrünen Blatt der Stechpalme und den letzten
Blüthen der Herbstblumen, denen sie die dem Donnar geweihte leuchtend-rothe Frucht des Bogelbeer-
baumes beigesellten. Jetzt freilich ist diese fast nur noch auf den Friedhöfen der äußeren Borstädte
zu finden. Da sieht man die Vogelbeere, Rorallen gleich, von den: frisch gerechten schwarzen Erdreich
der Gräber leuchten, hier zu einein flammenden Herzen aneinander gereiht, dort die Anfangsbuchstaben
eines geliebten Namens bildend, der nun verklungen.