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Sagen & Geschichten

Späte Eindrücke

Jacob Burckhardt (1818—1893), der berühmte Basler Kunstgelehrte, kam 1877 nach München und schrieb von dort an seinen Freund Max Allioth folgende in den „Briefen an einen Architekten" abgedruckte bittere Epistel:

Das alte München König Ludwigs I. ist auch sehr abgestanden. Wenn man, wie ich, bei Antiquaren die Publikationen von damals, die srommzarten Konturstiche, die romantischen Künstlerporträts und die ganze knotige Romantik in Baukunst, Bildnerei und Malerei an den Augen vorübergehen sieht, — wie gänzlich ist das alles vorbei! Dieser Tage war ich abends in derLudwigskirche; Cornelius imponierte mir in gewissen Sachen noch immer, aber das Gebäude ist von einer jammervollen Miserabilität, so daß man nur streiten kann, ob das Äußere oder das Innere schlechter sei. Wie herrlich dagegen die majestätische Theatinerkirche und St. Michael! Neben diesen beiden ist alle moderne Bauerei hier so matt und schwach, daß einem „relativ übel" wird. Doch nehme ich Triumphbogen und Propyläen und die Alte Pinakothek aus. — Llnd während diese Neueren so wenig Großes vermögen, haben sie die Frauenkirche, die ich vor 21 Jahren noch mit ihren herrlichen Barockgittern an den Kapellen und mit dem köstlichen Triumphbogen über dem Grab des Kaisers Ludwig, mitten im Schiffe (und demselben zur schönsten und leichtesten Anterbrechung dienend) gesehen hatte; diese Kirche haben sie nun streng gotisch purifiziert; vor allem natürlich ein blaues Gewölbe mit Sternen, so daß sie nur noch halb so hoch wie früher aussieht, darunter die achteckigen Pfeiler jetzt cremegelb usw., anstatt dem Limmel zu danken, wenn ein so mäßig ausgestattetes, gotisches Gebäude vom heitern Barock ist in die Kur genommen worden. Ihr Arteil über das Maximilianeum ist leider nur zu gerecht; es ist ein Kartonmachwerk, und wenn man die kümmerliche Rückseite sieht, wird einem vollends schwach. Ich habe nur deshalb einige Dankbarkeit für das Gebäude empfunden, weil es wenigstens äußerlich in die Formen der Renaissance hinüberleitet und den Geist von dem jämmerlichen Gotisch der Maximiliansstraße befreit...

Leute ließ ich mich mit einem Strom vor: Menschen durch die Säle der Residenz treiben, die Sie ohne Zweifel kennen. Von den Fresken sage ich nichts; in den zwei Schönheitskabinetten des Königs Ludwig I. mußte ich aber gestehen: trotz der faden, almanachmäßigen Auffassung des Losmalers Stieler, von welchem alle diese Porträts herrühren, — es war an sich ein königlicher Gedanke, und nur ein König konnte ihn ausführen. Dem reichsten Privatmann zu Gefallen hätte man nicht die Erzherzogin.

wie die Schusterstochter gleichmäßig bewegen können, zum Malen zu sitzen, damit eine vom Stand unabhängige, völlig neutrale große Konkurrenz der Schönheit entstehe. .Himmlisch war, wie der Kustode von all den Damen sagte, wo sie noch lebten, und mit wem sie verheiratet seien! Am Trumeau des einen Kabinetts hing 1856 einsam das Bild der Lola Montez mit ihren zwei schreckhaften und schönen Augen; dasselbe war jetzt ersetzt durch Frau St*, „geborene Daxelberger, Tochter eines Kupferschmieds von München", predigte der Kustode. — Der Thronsaal allein mit den zwölf goldenen Statuen hat etwas Großartiges, wenngleich diese goldenen Wittelsbacher sämtlich vom Rücken her beleuchtet sind. — Aber nun kam die Hauptsache, die Sie vielleicht noch nicht gesehen haben, nämlich die Zimmer Kaiser Karls VH., aus den Jahren 1730—1740 usw., geradezu der herrlichste Rokoko, der auf Erden vorhanden ist, und an Erfindung und elastischer Eleganz sogar den Prachtzimmern von Versailles überlegen. Man wird jetzt mit den, ganzen Schwarm durchgetrieben, aber ich lasse mich noch ein paarmal durchtreiben, uin mir diese wunderbaren Formen noch kräftig einzuprägen. And zwar ist es ein Crescendo, von den Vorsälen bis zum Schlafzimmer und dem verrückt prächtigen Toilettenkabinett.                 11. August 1877

Gestern Abend war's im Opernhaus nicht auszuhalten. Man gab Goethes Iphigenie, und ich hatte lange geschwankt, ob ich dieses auf der Szene sterbenslangweilige, obwohl in Intention und Diktion wunderschöne Schauspiel sehen sollte — dachte aber am Ende: es wird ja ganz leer und also nicht sehr heiß sein, und am Ende hörst du gar rezitieren. Aber o Täuschung! 1. Das Münchner Publikum hört noch klassische Stücke um ihrer selber willen, und das Theater, so riesig es ist, war sehr gut besetzt und mordioglutheiß. — 2. Die Schauspieler waren insoweit gut, daß Iphigenie wenigstens nicht störte, Arkas aber nur ein gutes Organ zu einer geringen Figur hatte und permanent falsch betonte, d. h. immer den Akzent auf das Adjektiv legte, wo er auf das Substantiv gehörte, und umgekehrt. Dieser Arkas wurde von Äerrn Possart gegeben, und nun genierte ich mich, einen Nachbarn zu fragen, ob dies der berühmte Possart sei; man nimmt sich mit einer solchen Frage so fürchterlich provinzial aus. Die Konsequenz hievon war, daß ich nach einer Viertelstunde mein Geld im Stiche ließ, meinen Aberzieher fest um meine Lenden und Schultern schlug und nach dem Ratskeller stürmte, wo es dann besser war.             24. August 1877

Unter dem Triumphbogen ist das Siegestor, 1850 nach Gärtners Plänen vollendet, zu verstehen. Die Renovierung der Frauenkirche, der der 1604 errichtete Bennobogen zum Opfer fiel, und welche die erste Versetzung des Grabmals Ludwig des Bayern brachte (die zweite erfolgte 1933), geschah im Jahr 1861.

Ernst von Possart (1841—1922), seit 1895 Intendant der K. Hoftheater, begründete 1901 das Prinzregententheater und trat bis zu seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst im Jahre 1905 und später noch häufig als Gast im Hofschauspiel auf. Er war trotz allem ein genialer Menschendarsteller.