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Kaulbachs Fresken an der neuen Pinakothek

Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 402)

Emilie Ringseis berichtet in den „Erinnerungen" über den Eindruck, den Kaulbachs Fresken an der Fassade der Neuen Pinakothek auf gewisse Münchner Kreise machten. Sie läßt ihren Vater folgendermaßen sprechen:

Heut' ist mir König Ludwig begegnet, der sagte mir: „Nicht wahr, Ringseis, Kaulbach abscheulich — nicht wie wir, nicht wie wir!" — Ich weiß nicht, was er gemeint hat. Ein Freund gab Auskunft: An der Neuen Pinakothek seien die Fresken der Außenwände enthüllt, und unter anderen Karikaturen zeigten dieselben auch jene von Ringseis. Es sind dies die Fresken, über welche Julius Schnorr von Carolsfeld geäußert hat: Soundsoviele Millionen hat König Ludwig es sich kosten lassen, eine Kunstära zu schaffen, und dann setzte er noch etliche 30000 Gulden darauf, damit dieselbe verhöhnt werde. Wie es Kaulbach gelungen, bei Vorlegung der Entwürfe den König so zu gewinnen, daß derselbe den Schalk nicht gemerkt oder ihn harmlos gefunden, bleibt ein Rätsel, mit dessen äußerer Bedeutung allerdings Zeit und Witterung schnell aufgeräumt haben. — Sei dem wie ihm wolle, Familie Ringseis setzte sich eines schönen Tages in Bewegung nach der Neuen Pinakothek und sah auf demjenigen Bilde, welches die Huldigung der Zeitgenossen für den König

Schule bis herab zu Baumbach, Wolffund den Butzenscheibenpoeten geleistet worden, ist auf die Germanisten in der Wissenschaft und auf die Germanisten in der Kunst, auf Schwind und Richter, Cornelius und Kaulbach zurückzuführen. Mit anderen Worten: die viel befeindete Münchner Malerschule hat sich erwiesenermaßen nicht eigentlich fruchtbar in der Malerei erwiesen, wohl aber unermeßlich befruchtend in der zeitgenössischen Literatur.

Man sollte nun glauben, daß jene imponierende Löhe der Münchner Kunst eine gleiche Blüte der Einrichtungen auf der Akademie involviert habe, allein hier klafften die schreiendsten Widersprüche.

Die Eindrücke, die ich als gewesener Student empfing, waren anfangs beftemdend, dann aber abschreckend und vollendeten gleich in den ersten Wochen meine gründliche Enttäuschung. Nicht als ob den Lehrkräften ein ernsthafter Vorwurf zu machen wäre. Mochten auch Nebenfächer wie Anatomie, Kunstgeschichte und Perspektive nur dilettantischen oder invaliden Kräften anvertraut sein, so war die Leitung des Antikensaals in guten Länden. Der treffliche Liltensperger dominierte im ersten, beim zweiten herrschte abwechselnde Beteiligung aller. Schwind, Schraudolph, Schlotthauer, Foltz, Leß und Anschütz, wie Thäter und Widnmann korrigierten abwechselnd. 2n der Malklasse dagegen galt nur die Tradition der Vergangenheit; die modernste Kunst hatte überhaupt noch keinen Vertreter. Jeder Schüler konnte sich nach eigener Willkür seinen Meister wählen, und genügte ihm keiner, nun so mochte er beizeiten nach Paris, Antwerpen oder Rom gehen, wie ja auch Studenten die alma mater wechseln. Diese Lücke also war nicht befremdend und wurde auch vorläufig nicht so empfunden.

Carl von Piloty (1826—1888), der Führer der realistischen Richtung der Münchner Malerei, Professor und später Direktor der Akademie, ist das Oberhaupt einer zahlreichen glänzenden Schülerschar. Er trat, als Anhänger des Realismus und von belgischer Malerei beeinflußt, in wirkungsvollen Gegensatz zu Kaulbach und Foltz, dessen Nachfolger als Leiter der Akademie er wurde. — Philipp Foltz (1805 bis 1877) kam 1825 nach München, um Schüler des Cornelius zu werden. Später war er Professor der Akademie und von 1874—1875 deren Direktor. — Johann Georg Hiltensperger (1806—1890) kam im Jahre 1822 zum ersten Male nach München, ging dann nach Düsseldorf und kehrte 1825, mit Cornelius, nach München zurück. Von ihm stammen die Malereien im Giebelfeld des Nationaltheaters. — I. C. Thäter (1804—1870) lebte feit 1849 in München, wo er an der Akademie die Klasse für Kupferstich leitete. Er starb als Konservator des Kupferstichkabinetts. — Maximilian Widnmann (1812—1895) war seit 1839 in München; er schloß sich an Schwanthaler an und wurde im Jahre 1849 dessen Nachfolger in der Professur für Bildhauerei.

In dieser Zeit waren zwei der bedeutendsten deutschen Meister vorübergehend in München tätig. Von 1848—1849 lernte hier Anselm Feuerbach, hauptsächlich durch Kopieren in der Alten Pinakothek. Von 1856—1864 arbeitete Hans von MaräeS in München und schuf einige seiner bedeutungsvollen Frühwerke. darstellen sollte, denselben umgeben von Männern, deren einige in die Ära seines Nachfolgers gehörten oder sonstige Bedenken gegen ihr Lierstehn erregten. ImLinter-grund ragte aus der Volksmenge, den Lut auf dem Kopf(I), ein in einem Buche lesendes Gesperrt empor, das Ningseis vorstellen sollte. Die Bleistiftzeichnung dazu von Kaulbachs Land ist später der Familie durch einen Kunst- und Antiquitätenhändler zum Kauf angetragen worden; aus historischem Interesse hätte dieselbe vielleicht sie erwerben sollen, aber sie ist von so empörender Widerwärtigkeit, daß gar nicht daran gedacht wurde, auch nur um den Preis zu fragen. Ringseis selber, als er die Freske beschaut hatte, lachte gleichmütig und fand sich mit Overbeck, Heinrich Lest und anderen in zu guter Gesellschaft verhöhnt, als daß es ihm hätte zu Herzen gehen sollen. Aber seine Friederike nahm die Sache nicht so gelassen hin; es wurmte sie, daß der König solch eine monumentale Verunglimpfung seines „Muckerl" zugegeben hatte. „Zu hören muß Seine Majestät es kriegen", das schwur sie, aber dem harthörigen Fürsten beizukommen ohne mitanhörende Zeugen, war schwer. Da geschah es im Mai 1856 eines Tages, daß sie, mit ihrer jüngsten Tochter gehend, dem König an menschenleerer Stelle beim Obelisk begegnete. Nach Gewohnheit hielt er sie an, redete dies und jenes und frug, wie er schon öfter getan, ob sie das Bild von Catel kenne, das er in seinem Wittelsbacher Palast verwahre. „Ja freilich kenn' ich es. Euer Majestät", erwiderte Friederike, „und freue mich, so oft ich es sehe; das ist was anderes, als die abscheuliche Karikatur, welche Kaulbach von Ringseis an die Wand gemalt hat". — „Wieso? Wo? Wann?" fragte Seine Majestät mit den Augen blinzelnd. — „Da draußen an der Pinakothek." — „Aber Ringseis ist ja kein Künstler; wie gehört er dorthin?" — „Als ein häßliches Gespenst steigt er auf im Hintergrund." Der gute König wand sich hin und her, dann sich zur Tochter kehrend: „Sie hätten Ihre Mutter in der Jugend sehen sollen, wie schön sie war!" — „And um den Thron Eurer Majestät", fuhr, ohne sich irre und kirre machen zu lassen, Friederike fort, „sind Männer versammelt, welche im Jahre 1848 dort nicht zu finden waren." — „And wie schön sie Komödie gespielt hat", warf der hohe Herr versöhnungsdurstig dazwischen, aber — unerbittlich wie das Schicksal: „Es hat Ringseis" (sollte heißen Friederike) „recht geschmerzt und uns alle mit ihm". Mit huldvollem Kopfnicken wurde sie entlassen, und hochbefriedigt kehrte Friederike heim, der übrigen Familie das Erlebnis zu berichten. Der begleitenden Tochter aber tat trotz dem Ergötzen an der originellen Szene das Lerz doch weh, weil gerade zu jener Zeit der hohe Herr sich seines alten Dieners so treu und eifrig angenommen hatte. „Der König" heißt es in einem Brief, „fängt gewiß nicht so bald wieder an über Catels Bild." Als bald darauf Graf Karl Geinsheim zu Besuch erschien und ihm die Sache lächelnd, aber auch unter Erwähnung jenes Bedauerns erzählt wurde, da meinte derselbe: „Das schadet nichts, der König wird es Ihnen auch nicht nachtragen, weil er fühlt, daß er Anrecht hat." And sieh, bei der nächsten Straßenbegegnung fing in rührender Güte der König, als wäre nichts vorgefallen, wieder vom Catelschen Bild zu sprechen an, und Friederike beeilte sich, ihr Wohlgefallen daran so harmlos auszudrücken, als wäre niemals die Rede gewesen von einer Kaulbachschen Karikatur. Doch hatte Seine Majestät die Sache sich gemerkt; denn wo in einem Saale der Pinakothek bei den kleinen farbigen Entwürfen zu jenen Fresken auch die mit Nummern und Namen versehenen Amrißblätter für die Köpfe sich befinden, traf bald nachher ein Besuchender den Namen Ringseis verklebt; natürlich währte es nicht lang, so hatte ein andrer Besucher das verklebende Blättchen wieder abgerissen.

Karl Zettel urteilt in seinen „Monacensia" über Kaulbachs Fresken folgendermaßen:

Großer Kunst- und Schelmenmeister,
Welche teufelischen Geister
Führten Pinsel dir und Land,
Als du an der öden Wand
Jenes langen Bilderschreines
Hier ein derbes, dort ein feines
Späßchen und Satirchen maltest
Und mit heißer Münze zahltest.
Hat ein Gegner dir gegrollt
Oder Ehre nicht gezollt?

Aber Zeus, der Regenspender,
Helios, der Strahlensender,
Und der Winde lose Schar
Zürnten schon im ersten Jahr
Deines Pinsels bunten Witzen,
Deines Spottes farb'gen Blitzen,
Tilgten erst die Arabesken
Später fast die ganzen Fresken. —
Schließt man aus der Götter Grimm,
Warst du ihnen, scheint's, zu schlimm.

König Ludwig I. überlebte seinen Sohn und Nachfolger Max II.; er starb am 29. Februar 1868 in Nizza. Sein Leichnam wurde nach München verbracht und in der Bonifaziuö-Basilika beigesetzt. Auch nach seiner Abdankung stellte er sein wahrhaft königliches Kunstmäzenat nicht ein. Insgesamt wandte er für seine Kunstschöpfungen aus privaten Mitteln rund zwanzig Millionen Mark auf.

Das Bild von Franz Ludwig Catel, von dem des öfteren die Rede ist, befindet sich jetzt in der Neuen Pinakothek und stellt König Ludwig in seiner Kronprinzenzeit in der spanischen Weinkneipe auf Ripagrande in Rom in Gesellschaft von Künstlern dar; auch RingSciS ist auf dem Bilde zu erblicken.