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Sagen & Geschichten

Tee-Abende bei der Königin Marie

Anderer Art als die Symposien beim König waren die „poetischen" Teeabende bei der Könin Marie; indessen wurden auch sie von des Königs „Symposiasten" bestritten. Paul Leyse plaudert darüber in seinen „Iugenderinnerungen und Bekenntnissen" :

Neben den Symposien wurden Geibel und ich zuweilen zu den Teeabenden der Königin geladen, wo auch der König erschien, da er gern häufiger etwas Poetisches von uns vorlesen zu hören wünschte.

Es war immer nur ein kleiner Kreis: außer der Obersthofmeisterin Frau von Pille-mand, einer ganz verwitterten, kleinen, alten Dame, die Platens erste und einzige Liebe gewesen sein sollte, die schöne Gräfin Charlotte Fugger und Fräulein von Redwitz, die zweite, ebenfalls sehr anmutige Losdame, gewöhnlich von der Tann mit seiner Gemahlin, der Äofmarschall Baron Zoller und eine sehr gescheite, unverheiratete Dame, Fräulein von Küster, Tochter eines früheren preußischen Gesandten in München, die der jungen Kronprinzessin nach ihrer Ankunft in München attachiert worden war, um die noch sehr kindliche Bildung der reizenden jungen Frau ein wenig zu vervollkommnen. (Sie hatte dabei gewisse sittliche Rücksichten zu nehmen, deren man sonst gegenüber jungen Frauen überhoben zu sein pflegt. So erzählte man, es sei ihr zur Pflicht gemacht worden, beim Vorlesen von Romanen und Novellen das Wort „Liebe" stets durch „Freundschaft" zu ersetzen.)

Trotz alles Bemühens aber war es nicht gelungen, der Königin Interesse an Literatur und Poesie einzuflößen. Ihr war nur wohl im leichtesten Geplauder und besonders in der freien Luft des Gebirges, das sie unermüdlich nach allen Richtungen zu durchstreifen liebte. Auch am Theater sand sie keinen Geschmack und sah, wenn sie doch einmal mit dem Könige in ihrer Proszeniumsloge erschien, lieber ins Publikum als auf die Bühne.

Jene Tee-Abende, an denen gelesen wurde, erfreuten sich daher nicht ihrer Gunst; sie fügte sich eben nur dem Wunsche des Königs und pflegte während der Vorlesung in Photographiealbums zu blättern. Zuweilen flüsterte sie dabei der neben ihr sitzenden Dame ein Wort zu, einmal so laut, daß Geibel das Buch, aus dem er gelesen, auf den Tisch legte und nut finsterem Stirnrunzeln verstümmle.

Der König, auf das peinlichste berührt, warf seiner Gemahlin einen unwilligen Blick zu und lud dann Geibel mit einer huldvollen Landbewegung ein, fortzufahren.

Ich selbst durste mir einen ähnlichen Protest gegen einen Mangel an Respekt vor der Würde der Poesie nicht erlauben, sondern erhob nur die Stimme ein wenig stärker, wenn ich das Flüstern vom Sopha her vernahm. Abrigens waren diese kleinen Gesellschaften sehr behaglich, der König gewöhnlich besonders gütig, die Damen dankbar dafür, die allabendliche, ziemlich einförmige Konversation einmal durch etwas Poetisches unterbrochen zu sehen.