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Sagen & Geschichten

Das Fest der Zwanglosen

Geibel zu feiern, fand sich die Gesellschaft der „Zwanglosen", die heute noch in München als eine hochgeschätzte Vereinigung angesehener und gemütvoller, den Musen zugewandter Männer besteht, am 5. Dezember 1852 zu einem großen Fest im Bayerischen Los zusammen. Es war eine Art Siegesfeier der „Berufenen". Dr. A. I.Altenhofer, der Redakteur der Allgemeinen Zeitung, verfaßte einen anonym gedruckten, als Flugblatt erschienenen Bericht über das Fest in Versen, die voll Anzüglichkeiten stecken:

München, München, Metropole siebenfüß'ger Lerameter,
Wo von Prosodie und Metrik zwanglos dichten Paul und Peter!
In der Allgemeinen Zeitung liest man jetzt in Ost und West
Nur vom Kaiser Bonaparte und vom Münchner Dichterfest.

Dich, o Geibel, zu begrüßen, dich den Liederschwan aus Norden,
Trat am Jsarstrand zusammen bajovarscher Sänger Orden;
Mit den frischen Iodelkehlen, mit dem Lackbrett frank und frei
Kam der Beilhack, Teichlein, Kobell, kam die ganze Dichterei.

Geibel! kein Poet im schnöden Sinn der Leiden, kein Gestalter,
Nur die zartesten, modernsten Fühlsamkeiten tönt dein Psalter,
Patriotisch, doch vernünftig, allzeit fromm und tugendhaft.
Ohne unanständ'ge Wallung, ohne blinde Leidenschaft.

Deine Minne, keusch, geschlechtslos fast, wie ein Mosa'scher Engel,
Statt der glühend roten Rosen trägt sie Josephs Lilienstengel;
Ach! das duftet! Ach! das säuselt, und kein Weiblein geht dir fehl,
Tugendsamer Rattenfänger, Gott mit uns — Emanuel!

And so bist du vorgedrungen glücklich bis zur Auflag' dreißig.
Nur der Anna Strüffin Kochbuch kauften sie bisher so fleißig.
Und des lieben Oskar Redwitz allerliebste Amaranth,
Der in Wien Geschmacksprosessor ist, wie du am Jsarstrand.

Eine Mahlzeit diesem Edlen rüsten Münchens hochverehrte
Groß' und kleine Würdenträger, Michelsritter, Schriftgelehrte;
Schlagen ihre guten Klingen, wischen dann sich ab den Mund,
Und es gibt den ersten Trinkspruch feierlich Ernst Förster kund.

Ernst, im Kunstrevier der Förster, Kämmrer, Wichsier, Cicerone,
Dankt im Schiller-Iambenschwunge dem Augustus auf dem Throne;
Und nun spricht in Versen alles, hin und her stiegt Gruß auf Gruß;
Paff! der Tölzer Scheibenfranzel tut sogleich den Meisterschuß.

Franz von Kobell ohne Lobel, doch den Lebel übersingend.
Am die vaterländ'schen Alpen grüne Lopfenkränze schlingend,
Äschylus der Schnadahüpferln! zwar die Mundart ist nicht fein.
Doch erlaubt muß Dorern Dorisch und den Bayern Bayrisch sein.

Sah der große Muschkin — Puschkin nicht mulattisch aus vor Jahren,
Und war doch ein guter Russe unter seinen Wollenhaaren?
Also ist auch unser Kobell tief im Lerzen blau und weiß
Und bei Sendling seine Muse — welche Schultern! welcher Steiß!

Thiersch, Geheimrat, der den Pindar bös verpindart hat vor Zeiten,
Wollte statt in Oden-Rhythmen sich in Prosa sanft verbreiten.
Sprach den Münchenern von Platen? — August Platen? hör ich recht?
Was Gemeinsames, o Lümmel, hat mit Platen dies Geschlecht?

Rein, ein andrer Geist wohl mochte durch den Dichterfestsaal schweben.
Jener Geist, der, sagt man, weiland solchen Reichsbefehl gegeben:
„Welcher meiner Untertanen diese Verse mir skandiert. 
Sei mit des Zivilverdienstes Orden heut noch dekoriert."

Kommt der Teichlein, der amphibisch rühret so Palett' als Leier,
Der langweilig einst gedichtet jene Küifftler-Maskenfeier;
Dann der Beilhack — hui! der Name hört sich guillotinisch an.
Doch besang er uns gemütlich Bayerns großen Biedermann.

Doch die Dichtergattin leben läßt Regierungsrat von Daxen-
Berger, der, „in Nebenstunden" ist als Dichter groß gewachsen.
Oh! anheimelnd wie der Rettich, den im durst'gen Monat Mai
Huldmnen zum Bock kredenzen, tönt Karl Fernaus Melodei.

Daß der Frühverklärte fehlte, der Verfasser „guter Bücher", 
Jener blondgelockte Guido, jung gehüllt in Leichentücher;
Ein Marienliedlein hätte Geibels weiches Lerz gerührt
Und uns diesen Ostsee-Skalden in der Kirche Schoß geführt.

Jenen auch, der München lieblich „angetutet" mit Sonetten,
Einen Franz, den mit dem andern Franz wir nicht zusammenbetten.
Ihn vermiß ich. Warum schwieg er? Oder blieb er gar verbannt. 
Weil er statt der Leier Saiten Vogt die Löslein hat gespannt?

Auch der Vogt, er fehlte leider bei dem heim'schen Bardenreigen, 
Vogt mit seinem deutschen Lerzen, stets den Agilulfen eigen.
Der bei allen edlen Taten billig in die Larfe klingt:
Freiheit, nachgeborne Prinzen — alles, was man will, besingt.

Doch um zwei, drei att'sche Bienen, unnütz war's, sich hier zu härmen.
Wo nian zählt ein halbes Tausend, eh' der Stock fing an zu schwärmen.
Drei noch sprachen gold'ne Worte beim Konfekt und Schweizerkäs,
Völkel, Martius und „voll Tiefsinn", du, o Staatsmann „Könnt'iches",

Der die Glutidee der Trias zündend in die Welt geschmettert.
Doch in seinen Mußestunden sich den Musen angevettert
Und den Dante deutsch gesungen, wie's kein Schlegel je vermocht.
Auch aus England, ohne Englisch, die Balladen mürb' gekocht.

Und nun höhne mir noch einer, daß halt München München bleibe.
Daß da wohl die Kunst der Bilder, doch die Bildung nicht bekleide!
Glaub, es ist Athen und Florenz; komm, o Wandrer, sieh und dann
Stirb? Nein! trink — du triffst den besten Stoff bei Pschorr und Zacherl an.

Außer vielen ohne weiteres bekannten Persönlichkeiten erscheint hier vr. I. G. Beilhack, der damals Rektor in München war und dem Kreise der „Krokodile" nahestand. Daxenberger hat unter seinem Pseudonym C. Fernau als der Verfasser des „Münchner Hundert und Eins" schon wiederholt zu uns gesprochen. Der Vergleich Kobells mit Puschkin zielt auf Kobells volles, krauses Haar hin. Der Frühverklärte ist Guido Görres, der kurze Zeit vor dem Feste im Alter von siebenundvierzig Jahren starb. Der München „angetutct" mit Sonetten, ist der Hoftheaterintendant Franz Dingelstedt, der „Exnachtwächter"; er hatte kurz vor dem Feste einen Konflikt mit dem Journalisten Vogt, einem Loyalitätsdichter, der indessen als Kritiker Dingelstedts Gattin rnit seiner Galle überschüttete. Es kam zu einer Prügelei im Englischen Garten. Martius ist der berühmte Botaniker. Der Staatsmann Könnt'iches ist natürlich W. v. Dönniges.