Neue Amalienstraße Nr. 66
Der Salon Dönniges
In eine ganz anders geartete Geisteswelt, in den Salon des Freundes und Erziehers Max II., des Rates im Auswärtigen Amt Wilhelm von Dönniges, führt Otto Freiherr von Völderndorff in seinen „Harmlosen Plaudereien eines alten Münchners":
Was im politischen Wirken Wilhelm von Dönniges,als ernachAltenhöfers berühmt gewordenen Versen „die Glutidee der Trias zündend in die Welt geschmettert", geleistet und worin er gefehlt haben mag, soll der Beurteilung eines Staatsmannes überlassen bleiben. Was er mit seinem Feuereifer in Durchführung der Pläne seines Königs, dem geistigen Leben Bayerns einen neuen großartigen Aufschwung zu geben, an guten Resultaten erzielt und worin er danebengegriffen hat, mögen Gelehrte entscheiden. Hier soll nur des sozialen Lebens gedacht sein, das sich in jenen Jahren in der „Reuen Amalienstraße Nummer sechsundsechzig" entwickelt, und zwar blühend entwickelt hat. Der Münchner und überhaupt der Süddeutsche ist zwar gemütlich, aber nicht gastfreundlich, vielmehr in seinem Lause recht exklusiv. Vor dreißig Jahren kannte man hier zwar „Salons", in der haute volee und in den übrigen Kreisen der Gesellschaft einzelne, selten vorkommende „Einladungen", allein ein tägliches soziales Leben, wie es in Norddeutschland Sitte ist, war damals hier fast unbekannt. Frau von Dünniges hatte den Mut, den Berliner „Tee-Abend" bei uns einzuführen, aber sie war zu praktisch und zu gesund im Gemüte, als daß sie jene vielbesprochenen Spree-Soireen mit dünnem Tee und noch dünneren poetischen Vorträgen, mit kaltem Aufschnitt und noch kälteren schöngeistigen Gesprächen hätte importieren können. In ihren gastlichen Räumen brodelte zwar auch im Salon die Teemaschine, aber dies war rein nebensächlich, die physikalische Grundlage des Abends bildete stets ein treffliches, kopiöses Souper mit bajuwarischem Bier und einer nach bewährten Rezepten vom Lausherrn, der darin — wie in so vielem — Meister war, gebrauten Bowle, zu welcher die Zigarre fteundlich gestattet wurde. And was an Poesie, an Geist, Witz, Lumor und an künstlerischen Leistungen jene Abende geboten haben, unvergeßlich blieb es dem Einheimischen und dem Fremden, der ihnen anwohnte. And Fremde erschienen in reicher Fülle; man darf sagen, es ist damals keine Zelebrität durch München gekommen, die nicht im Salon der Frau Franziska sich eingefunden hätte.
Die Empfangsräume waren für die damalige Zeit elegant eingerichtet. Jetzt freilich, wo die Kunstwerke der Gotik und Renaissance den meisten Wohnungen einen so trauten Zauber verleihen, würde man allerdings den Salon mit seinen grellroten Sammetmöbeln, den langen Etageren und geradlinigen Spiegeln, das Boudoir mit der blauen Tapete und dem napoleonischen Kanapee, das Speisezimmer mit der Sphinx-Ahr und den steifbeinigen Tischen und Stühlen mit dem Epitheton „echt biedermännisch" belegen und als völlig unstilgemäß perhorreszieren. Damals aber wußte man es nicht besser. Man sah mehr darauf, ob derjenige, der auf dem Stuhle saß, ein geistreicher und amüsanter Mensch war, als darauf, ob der Stuhl eine bestimmte Fasson hatte, und so war man, wie gesagt, mit der Eleganz der Einrichtung zufrieden. Kommen durfte des Abends jeder Bekannte, so oft Frau von Dönniges zu Lause war, was man einfach an den beleuchteten Fenstern von der Straße aus erkannte. Zwei Tage aber in der Woche war man sicher, die Lausftau und — sofern nicht königliche Einladung ihn fernhielt — auch den Lausherrn zu Lause zu treffen. Für gewöhnlich war die Anterhaltung völlig zwanglos; man setzte sich, wohin man wollte; man ging in dieses oder jenes Zimmer, wie es einem beliebte; man suchte sich Gesellschaft, wie sie einem behagte; man sprach mit einer Person, stand auf und sprach mit einer anderen, und wer gehen mochte, der ging. Das letztere kam aber vor ein Ahr nachts nicht leicht vor. Rur für die Montage lautete das bestimmte Programm: Einzelvorträge oder Lesen mit verteilten Nollen.
Beim Eintritt empfing Frau von Dönniges, eine nicht große, aber wohlproportio-nierte Gestalt, ihre Gäste liebenswürdig mit freundlichem Drucke der kleinen, wohlgepflegten Land, indes ihr Gemahl meist schon bei der ftöhlichen Begrüßung irgendein satirisches Wort an den Kommenden richtete. Aber seine Satire erfreute den geistig Gesunden, weil man durch dieselbe stets das ehrliche, treugemeinte Wohlwollen durchfühlte; nur wer an narzißartiger Selbstbespiegelung kränkelte, der mochte sich vielleicht verletzt fühlen. „Willkommen, unwiderstehlicher Bodenstedt", empfängt er den Sänger des Mirza-Schaffy, der mit seiner „Edlitam" (wie er seine anmutige Gattin Mathilde nannte) eintritt. And: „Nicht jeder hat soviel Glück bei den Frauen wie du mit deinem struppigen Barte", lautet die lachende Antwort. „Nicht wahr, zu zweien philosophiert es sich besser?" wird Carriere begrüßt, der seine junge Frau, Liebigs älteste Tochter, die leider so früh geschiedene Agnes, glückstrahlend am Arme hereinführt. „Jedenfalls ist der Dualismus leichter durchzuführen als die Trias", entgegnet schlagfertig der Ästhetiker. „Nanu, Jung-Goethe, wie weit ist das Leysesche Trauerspiel vorgeschritten?" — „Was du wieder für ein Reinekegesicht mitbringst, Kaulbach! Gott Gnade unserer Geselligkeit!" So und in ähnlicher Weise dauern die Begrüßungen fort. Allmählich füllt sich der Saal, Bluntschli mit dem mächtigen Denkerhaupte, begleitet von seinem alpenfrischen Töchterlein Luise, Schlachtenmaler Feodor Dietz, Geibel mit seiner schüchternen, taubenartigen Frau, der ewig gut gelaunte Franz von Kobell mit seinen zwei liebenswürdigen Töchtern Marie und Luise, in der Gesellschaft „Rose und Röschen" geheißen, Justus von Liebig mit der zweiten, schönen Tochter Johanna, Franz von Löher, Obermedizinalrat Pfeufer, der berühmte Kulturhistoriker Riehl, Maler Rugendas und Seibertz, Professor Siebold, der Historiker Sybel, Vater Thiersch mit seiner Familie, Julius von Wickede und „zuletzt, wie natürlich, der Nachtwächter" wird der verspätete Dingelstedt vom Lausherrn angeredet. „Daran ist Jenny schuld, diese Frauen werden ja nie fertig", will dieser sich entschuldigen; aber da kommt er schlecht an; denn sofort empört sich seine Ehehälfte, und die Lausfrau eilt ihr zu Lilfe. Den glänzenden Namen, die soeben genannt wurden, schließen sich einzelne Mitglieder der Aristokratie an: vor allem Baron (jetzt Gras) von Schack, der, selbst ein Dichter und Gelehrter und großmütiger Mäzen der Künstler, eigentlich schon oben zu nennen gewesen wäre, und der, wenn auch kein „Berufener", doch ein „Auserwählter" ist; dann Graf Karl Tascher, der auch als späterer Lerzog cke la Pagerie in den Tuilerien zu Paris wohnend, mit rührender Anhänglichkeit an sein liebes München der treue Leiser und Berater aller ihn aufsuchenden früheren Landsleute blieb; Baron Perfall, der nunmehrige Generalintendant, der jetzige Regierungspräsident Graf Luxburg, ein allgemeiner Liebling wegen seiner übersprudelnden Lebendigkeit; auch ich selbst, der in jenen Räumen das „Plaudern" erlernte, und andere meist inzwischen zu hohen Stellungen gelangte Namen. And nun entwickelt sich ein lebhaftes Treiben und Konversieren, bis Frau Franziska entweder die Rollenlesenden an den großen runden Tisch in der Ecke vorfordert oder ein Tischchen in die Mitte rückt, an welchem der Einzelvortragende sich niederläßt...
War ein Fremder anwesend, so gehörte ihm der Abend. Einmal erzählte uns Andersen seine schönsten Märchen; ein andermal ließ Rubinstein ein Meer von Tönen unter seinen Virtuosenhänden erklingen; dann wieder sang die schöne Cruvelli grausig und doch entzückend die wilden Melodien, die sie mit Vorliebe vortrug, oder es las Lebbel, mit seiner wie von innerem Angestüm gleichsam vulkanisch vorgetriebenen Stirne, seine erschütternden Poesien. Ihm aber nahm plötzlich Dingelstedt das Buch aus der Land. „Ich kann nicht mehr anhören, daß Sie meines Freundes Lebbel Gedichte so verhunzen", sagt er dem verblüfften Dichter und liest dann seine Verse so herrlich und entzückend, daß Lebbel tief ergriffen ihm die Land drückt mit den Worten: „Ich habe nicht gewußt, daß meine Sachen so schön sind". Freilich lohnte es auch, anregend und lobverdienend zu sein bei einer Zuhörerschaft von so schönen Frauen, wie sie im Salon Dönniges stets zu finden war. Neben der Lausfrau selbst die reichbegabte Frau Stadler, Frau Kaulbach mit dem antik geschnittenen Kopfe und den funkelnden Augen, die blendend schöne Fürstin Cantacuzene, die junonische Tochter des großen Liszt, Frau von Pacher, die beiden reizenden Gräfinnen Lolnstein (geb. von Kark und von der Malsburg) und andere. All die schönen Frauen aber stellte Frau von Dingelstedt, die unvergleichliche Jenny Lutzer, in Schatten, wenn sie sich zu singen entschloß, was freilich immer einige diplomatische Verhandlungen erforderte. Anfänglich nämlich war stets alles Bitten vergeblich; „ich bin nicht disponiert, ich bin müde, meine Stimme ist belegt" und so weiter. Dann verzichtete man anscheinend und bat eine andere Dame zu singen. Kaum aber erklangen die ersten Töne, so erwachte in Frau Jenny die Kunstrivalität, sie verschwand aus dem Salon, und bald vernahm man außen im Gange glockenhell intonierte Skalisationen, die immer mehr anschwollen; die Singende am Klavier hörte nach und nach lächelnd auf, und Frau von Dingelstedt trat ein mit der Erklärung: „Ich sehe, es geht doch". And nun begann sie mit ihrer vollsten Meisterschaft. So trillert keine Nachtigall, so jubelt keine Lerche, so ruft kein Kuckuck im schönen Monat Mai, wie Frau Jenny die Taubertschen „Klänge aus der Kinderwelt" hinausjauchzte. Dann wieder, wie ganz anders, wenn die Tarantella in glühenden und sprühenden Tönen erschallte, oder wenn unwiderstehlich kokett das „ouvrez-moi, ouvrez-moi“ eines französischen Chanson das Ohr umschmeichelte. And wenn sie nur das einfache „Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus" sang, unwillkürlich traten dem Lörer da Tränen ins Auge. Zeigte sich aber endlich die große Künstlerin in voller Glorie als Primadonna, indem sie die Arien der Donna Anna oder der Agathe sang, dann kannte der Enthusiasmus keine Grenzen mehr, und ich erinnere mich, daß einmal Geibel und Dietz ihr zu Füßen fielen und rechts und links die Land küßten.
Solche begeisterte Verschönerung des Angesichts regt den darstellenden Künstler notwendigerweise gleichfalls an, und so mag in Kaulbach der Gedanke entstanden sein, die Matadore der Gesellschaft zu porträtieren. Er begann mit Frau von Dönniges und wußte den interessanten Kopf, die lebendigen und doch so fteundlich blickenden Augen, die hohe, geistvolle Stirne, den energisch geschwungenen Mund und die schönen, scharf geschnittenen Züge so treffend und doch von Freundeshand unwillkürlich etwas idealisiert zu gestalten, daß alles in Jubel ausbrach.
Von da an stellte er jeden Montag ein anderes Bild, in Kreide gezeichnet, im Salön Dönniges aus und schenkte sein Kunstwerk in großmütiger Weise dem Originale.
Am Schluß der Abende folgte, wie bereits erwähnt, regelmäßig das gemeinsame Souper, bei welchem deutsch-gemütliche Unterhaltung mit attisch-feinem Tischgespräche Land in Land ging. Anter dem Brillantfeuer des Lumors wurde gegessen, getrunken, geplaudert und gelacht, dann und wann wohl auch eine ernst politische oder wissenschaftliche Frage erörtert. Tiefes Schweigen aber herrschte unter uns übrigen, wenn das Dichterkleeblatt Geibel, Dingelstedt und Bodenstedt zu improvisieren begann in Schlag auf Schlag sich folgender, gereimter Wechselrede, in welche der Äausherr mitunter einige zündende Verse hineinwarf. Welch köstliche Perlen der frisch empfun-densten Poesie reihten sich da aneinander, die leider ungesammelt geblieben sind; nur der lautschallende Beifall der Anwesenden lohnte die gottbegnadeten Dichter.
Verklungen sind sie nun längst, die sprudelnden Reime, und die ihnen gespendeten Zurufe sind verhallt; verschwunden ist das lebendige Tun und Treiben in jenen gastlichen Räumen, und das Feuer ist erloschen, das einst sorgfältig von so vielen hohen Geistern genährt und gehütet war. Richt bloß still erloschen leider: viel Trauriges und Schweres hat ihn nachmals getroffen, der das Laupt der „Neuberufenen" in München gewesen ist, und nicht wenig Bitteres mußte Wilhelm von Dönniges über sich ergehen sehen, bis er in Rom zum stillen Friedensschlafe sich niederlegte. And nun ruht auch sie, die ihm als Gattin und Gehilfin so treu zur Seite stand, neben ihm bei der Pyramide des Cestius, umrauscht von den Pinien der ewigen Stadt, nach der sie sich aus den Wirrnissen und Trübsalen ihres späteren Lebens gerettet hatte. Vergessen aber ist jene schöne Zeit, die wir oben geschildert, bei keinem, der sie miterlebt: wohl an manchem Abend zieht die Erinnerung daran vorüber an den Augen des Geistes, und manch einer denkt dankend sich zurück in die „Reue Amalien-straße Nummer sechsundsechzig".
Wilhelm von Dönniges (1814—1874), ein Schüler Leopold von Rankes, 1842 Professor in Berlin, begleitete von 1842—1845 den damaligen Kronprinzen Maximilian von Bayern nach Göttingen an die Universität und wirkte bestimmend auf seine geistige Richtung. 1851 wurde er bayerischer Legationörat, 1854 Rat im bayerischen Auswärtigen Amt. Dönniges wurde sehr viel angefeindet, die Stockmünchner sahen in ihm den bösen Genius des Königs, den Urheber der „Fremdenkolonie". Allgemein war der Spruch verbreitet: Os ckuodus v sb uno T libera nos, Dornins. Gemeint waren damit Dönniges, Dingelstedt und von der Tann. Dönniges verließ München, den Anfeindungen weichend; er wurde im diplomastschen Dienst verwendet, war Gesandter Bayerns bei der Eidgenossenschaft und zuletzt in Rom, wo er starb. Die Bitternisse seines Lebens, auf die Völderndorff anspielt, flössen aus seiner Verwicklung in daS ttagische Ende Ferdinand Lassalles, das durch DönnigeS' Tochter Helene (geb. 1846 in München) veranlaßt wurde. Wegen dieser Umstände wurde Dönniges von 1865—1867 zur Disposition gestellt.
Moritz Carriere (1817—1895), seit 1853 Professor der Philosophie an der Münchner Universität, nebenbei Generalsekretär der Akademie der bildenden Künste, einer der Hauptvertteter der theistischen Weltanschauung. Sein philosophisches System hat er niedergelegt in seinem 1877 erschienenen Hauptwerk „Die sittliche Weltordnung". Wegen seiner maßlosen Eitelkeit war er vielen Sticheleien ausgesetzt.
Karl Freiherr von Perfall (1824—1907), Komponist, ein geborener Münchner, wurde 1864 zum Hofmusikintendanten berufen und 1867 auch mit der Leitung des HofthcaterS betraut; 1872 wurde er zum Generalintendanten ernannt; 1893 trat er von dieser Stellung zurück. Unter ihm erlebte die Münchner Hofoper ihre Blütezeit; um das Schauspiel machte er sich besonders durch die für ein Hoftheater sehr mutige Tat der Uraufführung von AbsenS Dramen „Nora" und „Ein Volksfeind" verdient.