Neu-München
Die Fremdenkolonie unter König Max II.
Aber die exklusive Stellung der sogenannten „Berufenen", meistens Norddeutscher, die König Max an seinen Los zog, äußert sich Franz von Dingelstedt in seinen „Münchner Bilderbogen":
Am die Mitte der fünfziger Jahre war die Fremdenkolonie so an Zahl gewachsen, im Bestände befestigt, daß sie als eigenes Element in der Bevölkerung gelten durfte, als solches auch bereits sich wirksam erwiesen hatte. Die meisten der neuen Ankömmlinge gruppierten sich um die Universität: Liebig, der Chemiker, Jolly, der Physiker, Siebold, derZoologe, Bischoff, der Anatom und Physiologe, Pfeufer, der Therapeut, Sybel, der Geschichtsschreiber, nach seinem frühen Abgang ersetzt durch Giesebrecht, die Kulturhistoriker Niehl und Löher, Bluntschli, der Staatsrechtslehrer, Carriere, derPhi-losoph und Kunsthistoriker, der Pandektist Windscheid, also Männer aller wissenschaftlichen Fächer und aller akademischen Fakultäten mit Ausnahme der theologischen. Der ehrwürdige Thiersch, der beinahe um 50 Jahre früher, gleichfalls infolge einer königlichen Berufung, nachMünchen gekommen war und dieReform derGelehrtenschulen inBayern gegen vielseitigeAnfechtungen durchgesetzt hatte, verhielt sich zu dem jüngeren Ansiedlergeschlechte wie ein Patriarch. Er pflegte, wenn die Rede auf die Kämpfe zwischen Altmünchen und Neumünchen geriet, sein dichtes, schneeweißes Laar aus dem Nacken zu streichen und zum Beweise, daß damals noch mit ganz anderen Waffen gefochten wurde als mit Zungen und Federn, auf eine breite Narbe zu zeigen, welche ihm als Andenken an einen nächtlichen Mordanfall zurückgeblieben war. Zwei wackere Söhne Vater Thierschens, der eine ein berühmter Chirurg geworden, der andere Maler, schlossen sich naturgemäß dem Kreise Neumünchens an. Von Dichtern besaß derselbe ein glänzendes Vierkleeblatt: Geibel, Leyse, Bodenstedt, Schack; dann und wann hospitierten Zuzügler von draußen oder auch eingeborene, wie L ermann Lingg, welchen Geibel auf dem deutschen Parnaß eingeführt, Melchior Meyr, Julius Grosse. Ein einziger Autochthone, er aber ein urwüchsiges, echt- und altbayerisches Talent, Poet und Professor zugleich, Franz von Kobell, ward als Ausnahme völlig heimisch unter uns Fremden, wie wir es in seinem Lause wurden, das eine liebenswürdige Frau und drei holde und kluge Töchter schmückten. Auch aus König Ludwigs Künstlerkreis trat nur einer, der größte freilich, Wilhelm Kaulbach, offen und entschieden zu uns herüber, während andere: Schwind, Volz, Kreling, Teichlein nur vereinzelt und gelegentlich eine gesellige Gastrolle gaben. Am nächsten hielt sich noch Ernst Förster, mit welchem ich mich später im Verwaltungsrat der deutschen Schillerstiftung ost und gern wieder zusammenfand. Im übrigen blieb Neumünchen in gesellschaftlicher Richtung so ziemlich auf sich allein angewiesen und bis auf die offiziellen, sozusagen obligatorischen Begegnungen in den Salons der Aristokratie und der Diplomatie von Altmünchen streng abgesondert. Ein einziges Laus, das der Grafen Tascher de la Pagerie, selbst ftemden Ursprungs und darum neutraler Boden, machte zugunsten der Fremden eine Ausnahme; aber der Windstoß des zweiten Empire trug dasselbe aus der Prannerstraße plötzlich in die Tuilerien, wo ich nach Jahr und Tag dessen Lerren und Damen in ansehnlichen Stellungen am Lose der ihnen nahe verwandten Napoleoniden, aber ebenso heiter und herzlich wie an unseren Münchner Abenden wiedersah. Die Paläste der bayerischen Standesherren und des einheimischen Adels, ebenso die Läufer des Beamten- und Bürgerstandes sind den Einwanderern, die auf König Maximilians Ruf herbeigeeilt, verschlossen gewesen und geblieben — wenigstens so lange, wie ich mit ihnen in München verweilte. Später hat wohl einer oder der andere in der dortigen Scholle Wurzel gefaßt, aber die Mehrzahl ist, sei es nach kürzerem, sei es nach längerem Aufenthalt, wieder davongegangen, so daß heute, nach Verlaufvon 20Jahren, der ganze, in seiner Zusammensetzung so interessante Kreis für aufgelöst gelten kann, obgleich der Tod verhältnismäßig nicht viele der bedeutungsvollen Namen ausgelöscht. Sind die Äbriggebliebenen verschmolzen mit dem allerdings merklich veränderten heutigen München, dem gegenwärtigen Bayern? Laben die Folgen des siebziger Jahres allseitig verwirklicht, was seit Beginn der Fünfziger von einer Seite her angestrebt worden? Ich weiß es nicht. Aber ich erinnere mich nur, daß, als ich in denZeitungen las,König Ludwig II. habe namens derReichsfürsten die deutsche Kaiserkrone dem König von Preußen dargeboten, das Bild meiner Münchner Vergangenheit in eigentümlicher Beleuchtung wieder vor mir auftauchte. Quantum mutatus ab illo!
Wenn ich jetzt, durch eine lange Reihe von Wintern gereist und bereift, durch schwere Erfahrungen zwar weder müde noch mürbe gemacht, wohl aber mild im Llrteil gegen andere und streng gegen mich, — wenn ich jetzt mich aufs Gewissen stage, wer oder was die traurige Kluft zwischen Altmünchen und Neumünchen verschuldet hat, so kann ich keinen Teil unbedingt anklagen, keinen unbedingt steisprechen, mich selbst eingeschlossen. Gaststeundschaft gegen Fremde, entgegenkommende Löslichkeit im geselligen Verkehr, freiwillige Teilnahme an wissenschaftlichen oder künstlerischen Bestrebungen, Versuchen, Neuerungen, alle diese Eigenschaften liegen bekanntlich nicht im angeborenen Stammcharakter des Altbayern. Er neigt vielmehr zum Parti-kularismus, zur Abgeschlossenheit gegen außen, entschiedener noch als sein Nachbar gen Westen, der Schwabe, und in diesem Bezüge fast ein Gegensatz zu dem Nachbarn gen Osten, dem Österreicher, welcher zutunlich, neugierig, empfänglich für fremde Einflüsse und Erscheinungen ist, welcher den Begriff des Fremden eigentlich gar nicht kennt, da sein ganzes Volkstum einer Völkermosaik, seine Reichshauptstadt einer internationalen Redoute gleicht. Demnach war es nicht zu verwundern, daß die öffentliche Stimmung in München zu den Berufungen des Königs Max sich von vornherein kühl, mißtrauisch, ablehnend, im besten Falle gleichgültig verhielt. Sie soll bei der Ankunft der Maler, Steinmetzen und Bildhauer, die König Ludwig herbeizog, nicht wärmer sich beteiligt haben, obwohl derer: Tätigkeit der Residenz unmittelbare Vorteile versprach. Daß die berühmten neuen Lehrer hundert Studenten mehr nach München zogen, als vor ihnen schon anwesend waren, ohne Lieblinge der Bevölkerung geworden zu sein wie in kleinen Universitätsstädten, — daran lag der Münchner Bürgerschaft blutwenig, der Münchner Gesellschaft gar nichts. Welche Aufnahme würde ein Mann wie Liebig — von Paris und London zu schweigen — in Berlin gefunden haben, wo, und das nicht bloß seit heute, sondern seit geraumer Zeit, die „Fürsten der Wissenschaft" in der Gesellschaft rangieren, bei Los ausgezeichnet werden, Gemeingut des Volkes sind, an welchem jeder Eckensteher sein eigen Teil hat! Ob ein solcher in Wahrheit stolz ist auf „seinen" Lumboldt oder nur „dicke mit ihm tut", das kommt in der Wirkung auf eins hinaus. Für die Wissenschaft erweist sich der BerlinerBoden als entschieden günstig; vielweniger für dieKunst.
In München kam zu angeborenen Abneigungen und Stimmungsverschiedenheiten noch ein wichtiges Moment: das konfessionelle. Der Altramontanismus hat seinerzeit in Bayern schärfer und strenger regiert als der Klerikalismus in Österreich. Es war mehr als zufällig, daß nicht in Wien, sondern in München das wissenschaftliche Laupt-quartier derPartei aufgeschlagen war, die „Listorisch-politischen Blätter", aus welchen die populären Zeitungen nicht bloß in Bayern, sondern auch in Tirol, am Rhein, im Münsterlande ihre Direktive, Waffen und Munition empfingen. Grundsätzlich schaltete und waltete die kirchliche Politik Metternichs milder als diejenige Abels, welcher jene, bewußt oder unbewußt, diente. Da nun die Mehrzahl der Maximilian-kolonie zum Protestantismus sich bekannte — nicht einer freilich zum streitbaren Muckertum — und außerdem von jenseits der Mainlinie ihre Abstammung herleitete, so wurden wir insgesamt von vornherein als Preußen und als Ketzer angesehen, mithin zur Minorität gezählt', als Opposition gehaßt. Daraus flössen Konflikte, die wir keineswegs herausforderten, denen wir aber auch nicht ausweichen durften, die wir ausfechten mußten, wollten wir nicht uns selbst und unserer Aufgabe untreu werden. Dafür nur cinVeispiel aus meinen: besonderenWirkungskreise,demTheater.
„Nathan der Weise", den das Wiener Burgtheater seit einem halben Jahrhundert gibt, mit verhältnismäßig geringen Auslassungen, stand auch in München nicht auf dem Index, wohl aber bei Äof und bei der Kurie in üblem Geruch, als
ein antikatholisches Stück, eine Apotheose des Judentums. Bei König Max, dessen methodische Denkweise sich gern an Kategorien, an geflügelte Worte hielt, hatte man, wie die „Minna von Barnhelm" als ein „Preußenstück", so den Nathan als ein „Iudenstück" oder auch als „die Komödie des religiösen Indifferentismus" zu diskreditieren gewußt. Dieses Vorurteil, das sich für ein Arteil ausgab, konnte mich nicht abhalten, für den Tag der Eröffnung der Industrie-Ausstellung „den mit falschen Ringen handelnden Lebräer" (dritte Variante der Inquisition), auf das Repertoire zu setzen. Ich dachte dabei an keinerlei Demonstration gegen die Widersacher; Leffmgs Meisterwerk schien mir durch seinen Charakter reinster Humanität und kosmopolitischer Aniversalität eben auf diesen Tag zu passen. So drang ich denn auch in höchster Instanz damit durch, daß „Nathan" stehenblieb; aber, um den frommen Seelen wenigstens ein Zugeständnis zu machen, der König neigte seiner Natur nach zu Kompromissen, mußte das Bild des Patriarchen, welchen unser Jost in allerdings grellen Farben und scharfen Zügen, aber ungemein wahr und wirksam darstellte, wesentlich abgetönt werden, in der Maske, im Akzent, im Vortrag. Darauf dann großes Ach und Weh über mich in den Kulissen und im liberalen, im eigenen Lager. Den „Berufenen" galt folgender, mit ihren Namen spielender Spruch des Berliner Humoristen GlaS-brenner: Merkt es euch, ihr Geibel, Heyse, die ein Wind beliebig dreht,
Hofgunst ist ein Dingel, das auf keinem festen Boden steht.
Emanuel von Geibel (1815—1884), seit 1852 in München, von König Maximilian berufen, das Haupt und der Mittelpunkt der Münchner Dichterschule, die bis zum Wegzuge GeibelS nach dem Tode des Königs blühte. Seine Beziehungen zu München brach er völlig ab, als ihm König Ludwig II. wegen eines Huldigungsgedichtes an König Wilhelm von Preußen den Ehrensold entzog, den ihm König Max ausgesetzt hatte. — Die Daten für Paul Heyse siehe Seite 3.
Friedrich Bodenstedt (1819—1892), der Mirza Schaffy-Dichter, Widerpart Gcibelö in der Müchner Dichterrunde, war eine etwas komische Figur. Robert von Hornstein erzählt von ihm in seinen „Memoiren", seine Hauptschwäche sei der Glaube an seine Unwiderstehlichkeit bei den Frauen gewesen; die Sache habe aber um so komischer gewirkt, als er eigentlich nichts weniger als gefährlich auSgesehen habe.
Adolf Friedrich Freiherr (später Graf) von Schack (1815—1894), ein ausgesprochener Kunstdichter, Platen nachstrebend, war aus seiner Heimat Mecklenburg nach München gekommen. Durch die Anlage seiner Privatgalerie, die nach seinem Tod in den Besitz des Kaisers Wilhelm II. überging und München bisher erhalten blieb, hat er sich um das Kunstleben und die Förderung stärkster deutscher Talente außerordentliche Verdienste erworben.
Melchior Meyr (1810—1871), ein Bauernsohn aus dem Ries, der Verfasser köstlicher Erzählungen und der „Gespräche mit einem Grobian", war auch als philosophischer Schriftsteller bedeutend.
Julius Grosse (1828—1902), Schriftsteller und Journalist, in Versdichtungen nicht ohne liebenswürdige Anmut, kommt auch als aufmerksamer und scharfblickender Zeitschildercr in Frage; zuletzt lebte er in Weimar als Geschäftsführer der Schillerstiftung.
Justus von Liebig (1803—1873), der große Chemiker, folgte im Jahre 1852 einem Ruf nach München als Professor an die Universität und lebte hier ganz seinen Forschungen. Seit 1860 war er Präsident der Akademie der Wissenschaften; er ist einer der wenigen „Berufenen", die heimisch wurden, er ist auch in München, dessen Ehrenbürger er war, gestorben.