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Sagen & Geschichten

Krawalle und kein Ende

Zwei Briefe Josephine Kaulbachs an ihren Gatten nach Berlin.

20. August 1848.

Bei uns in München geht es wieder toll zu. Es ist ein Lärmen und Toben in den Straßen; die Wühler und Schreier lassen nicht nach, das Volk auf alle mögliche Weise aufzuwiegeln. Nun setzen sie den Leuten in den Kopf, den Lausschah, die Juwelen des Staates, hätte König Ludwig fortgebracht. An allen Ecken waren Plakate angeschlagen, worin aufgefordert wird, sich zur Beratung auf dem Rathause einzufinden. Tausende von Menschen strömten hinauf; es wurde beschlossen, zum Minister zu gehen, und der sollte Rechenschaft abgeben. Der erklärte aber auf eine ziemlich brutale Weise, daß sie kein Recht hätten, darnach zu ftagen. Darüber wurden sie noch erzürnter; der kleine, an Leib und Seele verkrüppelte Volkstribun Vogt stolzierte durch die Straßen, gefolgt von einem Laufen Schusterjungen, Weibern und Gesindel. Auch sah man Gruppen von Menschen beisammenstehen, und einer in ihrer Mitte, der das große Wort führte, schimpfte aus Gesetz und Ordnung und suchte das Volk zu reizen. Bald mußte das Militär ausrücken, und alle Plätze und Straßen wurden besetzt. Aber auch das half nichts; denn es kam des Nachts zu schlimmen Auftritten, und es gab mehrere Verwundungen. Bürger und Freikorps übernahmen es dann, die Ruhe wieder herzustellen. Leute ist an allen Ecken angeschlagen, daß auf Befehl des Königs die Schatzkammer für jedermann offen steht, und man warnt die Bürger davor, künftig wieder solchem Geschwätz und böswilligen Gerüchten Glauben zu schenken.

22. August 1848.

Guido Görres hat wieder was Schönes angefangen; er wäre beinah vom Volk gesteinigt worden. Gestern nämlich erschien ein Auftuf an alle Katholiken, daß wir Zusammenhalten müßten; unsere Religion sei in Gefahr, der Staat müßte von der Kirche getrennt werden, und der Unterricht sollte allein der Geistlichkeit zufallen usw. Eine Adresse läge auf dem Rathause, wo sich alle guten Christen unterschreiben sollten, um dann die Epistel nach Frankfurt zu schicken. Der Auftuf wurde an den Straßenecken schon heruntergerissen, und die Menschen strömten aufs Rathaus nicht zum Anterschreiben, sondern um ihrem Anwillen Luft zu machen. Dort wurde für und dagegen gesprochen. Schließlich packten einigen Menschen die Adresse mit ungefähr 

600 Unterschriften und zerrissen sie. Die Tintenfässer warfen sie sich an die Köpfe. Die Magrstratsräte flüchteten mit genauer Not, und die Menschenwoge stürzte dann herunter auf die Straße. Da kam auf einmal unser guter Guido Görres des Weges. Er wurde von der Menge umringt, versuchte zu sprechen, aber er wurde mcht gehört. So schleppten sie ihn bis in die Burggasse und wollten dort über ihn herfallen. Er aber, dank seiner großen Gewandtheit, entschlüpfte ihren Fäusten und entfloh bis auf den Schrannenplatz unter die Bögen, wo er sich ausruhte. Ein Bekannter, der ihn dort sah, sagte zu ihm: „Am Gottes willen, was haben Sie angefangen? Wie haben Sie Ihrer Partei geschadet!" Da sprach Guido: „Man muß für seinen Glauben zu sterben wissen." Leute nacht ist alles Militär in Bewegung, man fürchtet große Anruhen durch diese Geschichte; denn auf dem Lande sollen Tausende diese Adresse unterschrieben haben. Aber sage, ist das nicht entsetzlich? Sie ziehen den Religionskrieg ja gewaltsam herbei! „Man sollte sie alle an den Fußzehen aushängen", sagte heute unsere gute Anna. Ich meine, die katholische Kirche sei immer dann am besten gewesen, wenn sie arm war. Die reichen Geistlichen haben nie etwas getaugt.

Guido Görres (1805—1852) war der Sohn von Joseph Görres und in dem hochkatholischcn Münchner Spätromantikerkreise, sowie im politischen und gesellschaftlichen Leben der Stadt eine wichtige Persönlichkeit, wenn auch an weittragender, politischer Bedeutung seinem Vater keineswegs ebenbürtig. 1838 begründete Guido Görres die „Historisch-politischen Blätter für das katholische Deutschland"; vielseitig literarisch tätig, gab er 1846—47 das erfolgreiche „Deutsche Hausbuch" heraus.