Der Bockkeller
Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 262)
Wie es aussah und zuging in der biedermeierlichen Zeit im „neuen" Bockkeller, der nach dem Abbruch des alten die Maifreuden der trinkfesten Münchner umhegte, erzählt G. F. Blaul in seinem Skizzenbuch „Bilder aus München":
Des Lebens Mai blüht alle Jahre wieder! Dies ist der Wahlspruch manches Münchners. Im Mai erschließt sich hier das wahre Leben; er ist der Wonnemond im vollen Sinne des Wortes — der Bockkeller tut sich auf. Maienlust und Bock sind dem Münchner von ganz gleicher Bedeutung. Bock heißt der Karneval des Frühlings; Bock ist der süße Name, der alles in sich schließt, was manches Münchner Lerz Großes und Beseligendes kennt. Wenn an der Schweizerbrust das trübe Äeim-weh zehrt und das Auge mit unwiderstehlichem Sehnen sich nach dem semen Vaterlande richtet, sooft der junge Mai der Flur ihr farbenbuntes Kleid zu weben beginnt, so bleibt mir dies stets ein unerklärliches Rätsel. Wenn aber der eine oder der andere Münchner dann nicht mehr in der Fremde weilen will, so begreife ich das wohl, sehr wohl, weil hier das wahre Gefühl der Menschlichkeit sich regt. Gras und Blumen und Berge und Täler und Kühe und Ochsen gibt es ja überall, aber Bock — Bock gibt's nicht überall.
Es hieße leeres Stroh dreschen, wollte ich erzählen, woher dieses doppelt gesottene Maibier zu seinem edlen Namen kam; da lasse ich den einzigen Demagogen, wie ihn Leine nennt, Lerrn Maßmann, und etwa noch den Märchen- und Romanzen-Duller reden.
Die haben die Geschichte vom Braunschweiger König Gambrinus, von Einbeck und der dicken Mumme, schon breit genug gedrückt und durch köstliche Zitätlein erwiesen, weß Stammes und Namens dieser Nektar sei.
Der Mai hat in München zwei Tage mehr als anderwärts, denn der Bockkeller geht schon am 29. April auf. Wenigstens war es im Jahre 1831 so. Ich war erst zwei Tage in der Stadt und hätte noch gar mancherlei vorläufig zu betrachten ge-habt, aber diese Feier wollte ich nicht versäumen; alles andere war noch nachzuholen. Ich ging mit meinem Freunde hinab an den Isararm, aber ach! Der alte Bockkeller war eben zertrümmert worden, um an seiner Stelle das neue Katasterbüro aufzubauen. Ich hab' es also nicht mehr gesehen, das dunkle, rußige Gewölbe mit seinen niedrigen Pfeilern, an denen das alte Bockschild und der große Rettich hingen. Die Bockfreude muß viel verloren haben durch die Einbuße des alten Kellers, in dem Gambrinus selber noch gezecht haben könnte. Das neu dazu eingerichtete Lokal, dem alten gegenüber, entbehrt jene frühere Gemütlichkeit. Es war, wie ich mir sagen ließ, nicht mehr jenes außerordentliche Gedränge; der Raum hatte sich in zwei Löse und zwei große Säle erweitert. Wohl beseht war jedoch jeder dieser Räume, und dicht gedrängt stand stets eine ansehnliche Menge mit den leeren, eigen geformten Gläsem in und vor einem niedrigen Gewölbe, wo der köstliche Saft gleich von den aufgelagerten Fässern geholt wird, und wo das Brot in hohen Laufen ausgeschnitten liegt.
In der großen Stube zu ebener Erde bewegte sich schon bei meiner Ankunft das Leben am wildesten durcheinander, und die Musik, die während der ganzen Maizeit diesen Platz nicht mehr verläßt, steigerte von Zeit zu Zeit die wilden Äußerungen der Freude bis zum Höllenjubel; während draußen in dem Linterhofe mit dem reinlich ausgeweißten Schuppen, wohin sich die etwas gewähltere Gesellschaft zurückgezogen, eine Donna mit der alten Harfe auf einer aufgestellten Biertonne saß und ihre sentimentalen Lieder durch Geige und Klarinette begleiten ließ. Wo die Bockwürste gleich zu Dutzenden aus den großen dampfenden Töpfen herausgezogen wurden, wo die vollen Gläser windschnell wechselten, wo Finger und Fäuste auf allen Tischen den Takt zur Musik trommelten, wo die Männer wie die Löwen brüllten und die weiblichen Luldinnen Feuer aus den Augen sprühten oder mit schwimmendem Blicke süße Minnelieder lallten, den Kopf gefühlvoll wiegten wie ein junger Orang-Atan, den Gegenübersitzenden leise mit dem Fuße traten und beiden Nachbarn mit massiver Zärtlichkeit die Lände quetschten: da waren die Bockfreuden in der höchsten Blüte.
So ging's aber nicht bloß am ersten Abende, so ging's den ganzen Mai hindurch alle Tage, und wenn ich mir jetzt noch die höchste Lustbarkeit der unteren Volksklasse Münchens denken will, so denk ich mir die beim Bock. Ich hatte nun zwar am ersten Tage schon Studien genug gemacht, hatte gesehen, wie manchen der Bock stieß, hatte sogar schon an diesem ersten Abende, üblicherweise, ein Bockglas heimlich meiner Tasche anvertraut und mit genauer Beobachtung des elften Gebotes nach Lause gebracht, konnte aber doch nicht umhin, an andern Tagen bisweilen wieder einzusprechen.
Mit dem Mai schließt sich der Bockkeller zwar; aber wie es immerhin gehe, etwas muß noch übrigbleiben zur Würze des Fronleichnamsfestes. Damit dem guten Volke die anstrengende Frömmigkeit nicht zu schwer werde, tut sich, auf kurze Frist, das Leiligtum des Bockkellers wieder auf, um durch die Neige für Fasten und Kasteien zu entschädigen und demLl. Vater die Mühe der endlosen Heiligsprechungen zu ersparen.