Raff - So lang der alte Peter... (Seite 139)
Kaum achtzehnjährig kam er zur Regierung. Aber seine Jugend war darnach angetan, ihn früh zu reifen: er hatte das schwere Sterben und kämpfereiche Leben seines Vaters, Karl Albrecht, mitgeschaut. Er übernahm von ihm ein schlimmes Erbe, den österreichischen Erbfolgekrieg. Die erste Handlung des jungen Kurfürsten war, Frieden zu schließen und das durch den Krieg entstandene furchtbare Elend nach Kräften zu lindern.
Unendlich bezeichnend für Max Joseph ist ein Zug aus dem ersten Jahr seiner Herrschaft. Er wollte eines Morgens mit Gefolge auf die Jagd ausreiten, die er gleich seinem Vater und Großvater leidenschaftlich liebte. Unterwegs, in der Sendlingergasse, begegnete ihm ein Priester von St. Peter mit dem Viaticum. Der Kurfürst stand ab von der Jagd, stieg vom Pferde und folgte entblößten Hauptes dem Priester hinunter zum Anger, in die Dachkammer eines dürftigen Hauses, wo ein armer Handwerksbursch am Sterben lag. Der Fürst wohnte knieend und tief ergriffen der heiligen Handlung bei, trat dann an das Bett, um dem Todkranken Trost und Mut zuzusprechen und geleitete, nachdem er ihn reichlich beschenkt hatte, still und ernst das Altarsakrament in die Peterskirche zurück.
Er fühlte wahrhaft für sein Volk. Dies Gefühl ward erwidert, wie dir vom Volke ihm verliehenen Beinamen, der „Gütige" oder der „Vielgeliebte" beweisen. Ebenso steckte die Liebe zu den Künsten und Wissenschaften ihm tief im Blut. Unter ihm ist das köstliche Re- sidenztheater geschaffen worden; unter ihm trat die bayerische Akademie der Wissenschaften ins Leben. Für Musik hatte er ausgeprägte Begabung: er spielte mit Leidenschaft Klavier, Violine, Cello und Gamba, ähnlich seinem Großvater Max Emanuel, ja er komponierte auch selbst. Der kunstsinnige, musikverständige Graf Salern war sein Muflkintendant, sein gelegentlicher Helfer desgleichen bei einer anderen Liebhaberei, die Max Joseph mit seinem Großvater sowie mit seinem großen Ahn, Maximilian I-, teilte: dem Verfertigen kunstreicher Arbeiten aus Elfenbein. Er war als Drechsler in Elfenbein sehr geschickt und tatsächlich stolz darauf. Ebenso ehrte und förderte er die handwerkliche Geschicklichkeit eines jeden auf jedem Gebiet. Der Grundzug seines Wesens war neben der Güte eine milde Heiterkeit, von der seine Umgebung manchen Zug berichtete.
In zweiunddreißigjähriger Regierung erlebte er viel Schweres. Die ersten Jahre waren ausgefüllt mit dem Bestreben, das durch jahrhundertlange Kriege völlig ausgesogene, verarmte und geschwächte Land einigermaßen wieder aufzurichten. Er sparte in erster Linie an sich selbst, setzte sein Einkommen herab zu Gunsten des Staates. Die Schulbildung stand auf schauerlich niedriger Stufe; Max Joseph bemühte sich, sie zu heben, unterstützte das Wirken des vortrefflichen Stiftskanonikus Heinrich Braun, der unablässig auf gründlicheren Unterricht in der Muttersprache hinwieö. Die Volksschulen wurden reformiert, Realschulen gegründet, die Gymnasien verbesiert. Max Josephs Kanzler Kreittmayr schenkte mit Zustimmung seines Fürsten dem Lande ein neues Strafrecht, ein verständliches bayerisches Landrecht. Außere schwere Katastrophen verschonten die Regierung Max Josephs nicht, trotzdem sie friedlich war. Von dem großen Residenzbrand 1750, der daö Schloß seiner Ahnen in Asche legte, ist schon geredet worden. Zwanzig Jahre darauf ward Bayern von einer fürchterlichen Hungersnot heimgesucht. Das Elend war so groß, daß in der Umgegend Münchens und teilweise auch in der Stadt, der Hungertyphus als ständiges Übel austral. Der Kurfürst, der natürlich von dem Getreidemangel gehört hatte — leider sperrten die deutschen Staaten, ja sogar deren einzelne Provinzen sich gegeneinander ab, statt einander in der Not auszuhelfen — fragte wiederholt, ob Münchens Bürgerschaft genügend versehen sei. Doch fehlte es in seiner Umgebung nicht an Leuten, die teils um ihre Unfähigkeit zu verdecken, teils um, wie sie angaben, fein weiches Gemüt zu schonen, ihm die bittere Wahrheit verschwiegen. Er erfuhr es auf eine schrecklich erschütternde Art. An einem Samstag kehrte er aus der Meffe in der Herzogspitalkirche zurück. Da wurde seine Karosse von einer ganzen Schar blasser abgezehrter Gestalten umringt, welche ihn mit aufgehobenen Händen um Hilfe anschrieen, da sie am Verhungern wären. Der Kurfürst war außer sich. Er versprach sofortige Hilfe, befahl, die Kassen und amtlichen Getreidespeicher zu öffnen. Sie waren leer. Der Kurfürst ließ alsbald in Holland eine große Summe Geldes aufnehmen, für welche Summe durch den Münchner Kaufmann Sabbadini ausländisches Getreide aufgekauft und auf allen Schrannen um billigen Preis ausgeboten wurde. Max Joseph schonte sogar seinen geliebten Wildbestand nicht. Er ließ eine große Menge Wild abschießen und das Fleisch an die Armen verteilen. Leider hatte der Fürst ohne den Kornwucher gerechnet, den etliche der beauftragten Kornverkäufer ruhig trotz der Größe der Not weiter betrieben. Das ging über die Milde sogar des Kurfürsten. Er ließ zwei Kornwucherer zum Tode verurteilen und verschloß sich am Tage ihrer Hinrichtung vor jedermann, weil er festen Willens war, kein mündliches oder schriftliches Begnadigungsgesuch für die beiden anzunehmen.
Eine segensreiche Neuheit wurde unter der Regierung Max Josephs III- auf Antrag und Betreiben seines Intendanten, Grafen Seeau, eingeführt: der erste Rettungsdienst. Nachdem Graf Seeau einen scheinbar ertrunkenen Knaben durch andauernde Wiederbelebungsversuche seinen Eltern wiedergegeben hatte, wurden Geldpreise ausgesetzt dafür: wer zuerst einem Wundarzt Mitteilung von einem geschehenen Unfall machte, wer die geeigneten Hilfsmittel zur Stelle schaffte, kurz, wer sich um Erhaltung von Leben und Gesundheit eines Verunglückten verdient machte. Den doppelten Lohn empfing, wer mit persönlicher Gefahr das Leben eines anderen rettete.
Im Jahre 1777 ging Max Josephs eigenes Leben zur Neige. Er erkrankte an den Pocken, die von den Ärzten nicht erkannt und daher verkehrt behandelt wurden. Es heißt, daß der Kranke seinen Tod vorausahnte, daß die „drei Siebener" der Jahreszahl ihm ein schwermütiges Vorgefühl erweckten. Doch starb er so friedlich wie er gelebt hatte, dankte seiner Gattin Maria Anna Sophie für ihre Liebe und treue Pflege, schied unter Segenswünschen von seinem Volk und Land. Der rührende Auftritt, als auf sein Bitten das Gnadenbild der Muttergottes aus der Herzogspitalkirche zu ihm gebracht ward, ist bereits erzählt worden. Er konnte der Patron« Ba- variae, die er zeitlebens mit ganzer Innigkeit verehrt hatte, getrost in die Wunderaugen sehen. Soweit es menschlicher Unvollkommenheit möglich ist, hatte er seine Aufgabe in diesem Leben erfüllt, ein Vater der ihm Anvertrauten zu sein.