Raff - So lang der alte Peter... (Seite 136)
Der alte Name der Hofmark Nymphenburg ist „Kemnaten". Unter diesem Namen schenkte es Kurfürst Ferdinand Maria seiner Gemahlin Adelheid „ins Kindbett", als sie ihn durch die glückliche Geburt eines Thronerben erfreut hatte. Die Kurfürstin fand den bisherigen Namen zu gewöhnlich. Sie bat ihre Mutter, einen anderen vorzuschlagen, und dieser andere war „borgo delle nymphe“ d. h. Nymphenburg. Die Fürstin ließ den Mittelbau des heutigen Schlosses durch den Bologneser Agostino Barelli aufführen, als einfaches Lustschloß, im Stile der italienischen Villa, umgeben von einem kleinen Garten im französischen Geschmack. Aber erst der damals geborene Kurprinz, spätere Kurfürst Max Emanuel baute Schloß und Park in ihren heutigen Größen aus. Der „Adelaidestock", der Mittelbau, wurde nach beiden Seiten fortgesetzt; der eine Flügel endete in einer Kaserne, der andere in einem Kloster (jetzt das der Englischen Fräulein), bis viel später die den Schloßplatz umgebenden Beamtenwohnungen sich daran reihten. Ländlich und doch großartig wirkt der Anblick des weißen Schlosses mit seinen Nebenbauten und der Fontäne, die inmitten des Platzes lichtfunkelnde Tropfen sprüht. — Der spanische Erbfolgekrieg unterbrach die Bauten, die damals Anton Viscardi leitete, für volle zehn Jahre. Als Max Emanuel gleich nach seiner Heimkehr sie wieder aufnehmen ließ, ward ein Bayer, der in Paris auf kurfürstliche Kosten ausgebildete Joseph Effner, damit betraut. Auch die Parkanlagen wurden nun vollendet: breite Alleen, lauschige Wege wurden angelegt; Wasserkünste mit schimmernden Steinfiguren, ein verträumter kleiner See und ein Kanal belebten die Landschaft. Als Ruhewinkel nach den mancherlei Gesellschafts- und Laufspielen im Freien, die hier des Sommers betrieben wurden, entstand die „Pagodenburg" im chinesischen Geschmack, ferner als prunkvolles Badehaus die „Badenburg". Später jedoch, da Max Emanuel alterte und die Stimmungen zerknirschter Andacht, die bei ihm sein Leben lang mit gelegentlicher Frivolität gewechselt hatten, vorherrschend wurden, ließ er das St. Magdalenenkirchlein im Park aufführen und sich daneben ein paar einfache Zimmer, die Klause oder Eremitage, einrichten. Die als künstliche Ruine begonnene, erst unter Max Emanuels Nachfolger vollendete Kapelle enthält die weiße Marmorfigur der heiligen Büßerin inmitten einer dunklen Grotte aus Muscheln und Tuffstein, wo ein kleiner Brunnen rieselt. Es war Sitte, daß alljährlich am Feste der heiligen Magdalena, 21. Juli, die Kapelle, die für gewöhnlich verschlossen ist, für jedermann offen stand. Daher schrieb sich ein großes Volksfest, das Magdalenenfeft, zu dem die Münchner noch jetzt scharenweise nach Nymphenburg hinausgehen oder fahren. Denn das Wasser des Magdalenenbrünn- leinS galt im Angedenken der reuigen Tränen der hl. Büßerin als heilsam für kranke Augen. Manche Besucher füllten davon in ein Fläschchen und trugen eS zu täglichen Waschungen mit heim. Nach der Andacht pflegte eine gemütliche Einkehr in einer der Wirtschaften des großen Rondells zu Seiten des Schlosses zu folgen, vornehmlich beim „Controlor".
Karl Albrecht, unter dem die Magdalenenkapelle vollendet ward, hat zu Ehren seiner Gemahlin Maria Amalie, der tapferen Jägerin, auch das Juwel des Nymphenburger Parkes erbauen lassen, die „Amalienburg". Sie ist das schönste Werk ihres Meisters Cuvillies und eine Perle aller Rokokokunst überhaupt. Das Ganze ein Traum in Silber, unterwebt mit Blau und Gelb, etwas unendlich Zartes, Schimmerndes, der Lebensausdruck eines auf feinsten Daseinsgenuß eingestellten Menschen, der die Schönheit in allem liebt. An die Bestimmung des Hauses zu Jagdzwecken erinnert — ein so leidenschaftlicher Jäger Karl Albrecht auch war — nur der auf dem Dache errichtete „Hochstand" mit zierlicher schmiedeeiserner Einfassung, von dem herab zumeist auf Fasanen geschossen ward. Die Raumverhältnisse, die Linien, die innere Ausstattung der Amalienburg bilden einen Zusammenklang von vollendeter wunderbarer Harmonie; sie ist sozusagen das Wahrzeichen des Nymphenburger Parkes: die Seele ihres fürstlichen Bauherrn scheint in sie hinein gebannt zu sein.
Was Karl Albrechts Schöpfungen ebenso wie die seines Vaters für das heimische Kunsthandwerk bedeuteten, beweist die entzückende Feinheit der Holzschnitzereien, die sich an den Wandpanneaux empor
schlingen und der köstlichen Stuckarbeiten der Plafonds. Die ersteren stammen von einem „Schneidkiftler" in der Au-, Joachim Dietrich, die zweiten von dem Wessobrunner Stuckator Joh. Bapt. Zimmermann — alles Handarbeit nach Cuvillies Entwürfen.
Bekanntlich trug Karl Albrecht sich mit dem Gedanken, zwischen München und Nymphenburg eine eigene Stadt, genannt „Karlstadt" zu errichten. Hierzu ließ es der österreichische Erbfolgekrieg nicht kommen, doch haben Karl Albrecht und seine Gemahlin den Grundstein zum ersten Hause der künftigen Stadt, der Taferne und Bäckerstatt „Zum Controlor" persönlich gelegt (März 1728).
Dagegen entstand unter dem Kurfürsten Max III. Joseph in Nymphenburg eine Neuheit von größter gewerblicher Bedeutung- In den fünfziger Jahren des 18. Jahrhunderts nämlich hatte ein einfacher Münchner Hafnermeister, mit Namen Johann Niedermayer, ohne die seit einem halben Jahrhundert bestehende Meißener Porzellanfabrik zu kennen, das Geheimnis der Porzellantechnik entdeckt. Unter Überwachung des Grafen Sigmund von Haimhausen, des kunstsinnigen Direktors der von Max III. gegründeten bayerischen Akademie, ward Niedermayer erster technischer Leiter der Nymphenburger Porzellanmanufaktur, die sich in einem Nebenflügel des Schlosies befindet und deren künstlerische Schöpfungen sich Weltruhm erworben haben. All die Anmut der Schäferspiele, der zierlichen Herren und Damen, die ehemals auf den Parkwegen Nymphenburgs lustwandelten, die Nymphen und Gottheiten, die weißschimmernd aus dem Gebüsch hervorlauschten, bis herab auf die Drölerie der zahmen Hunde und Rehe, der Lieblingsvögel und Papageien, lebt fort in der berückenden Kleinkunst der Nymphenburger Porzellanfabrik.
Der letzte Kurfürst und erste König Bayerns, Max Joseph I., hat Nymphenburg besonders geliebt und ist hier 1825 gestorben.
Einer wenig bekannten Besonderheit des Schlosies zu Nymphenburg sei noch gedacht. In der großen Galerie des oberen Stockwerks, über dem Einfahrtskorridor, hört, wer ruhig darin verweilt, mitunter das Geräusch von Tritten und Menschenstimmen, ohne daß er jemand sieht. Jedenfalls liegt dem eine akustische Eigentümlichkeit der Bauanlage zu Grunde; auf bängliche Gemüter wirkt der Vorgang spukhaft, wie er sogar von solchen gelegentlich mit dem Andenken König Ludwigs II. in Verbindung gebracht wurde.
Denn auch die Wiege eines Königs hat in Nymphenburg gestanden: Ludwig II. ist hier am 25. August 1845 geboren, zur größten Freude seines Großvaters Ludwig I-, der an diesem Tage seinen Geburtsund Namenstag beging. Den Wünschen, die den kleinen Prinzen beim Eintritt inö Leben begrüßten, sollte keine Erfüllung beschieden
sein. Dies Leben, das so glückverheißend im schönheitsvollen Nymphenburg begann, endete leidenbeschwert an einem regendunklen Pfingsttag in der Tiefe eines Bergsees.