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Sagen & Geschichten

Aus Münchens Fürstenschlössern

Schleißheim

Raff - So lang der alte Peter... (Seite 131)

Schleißheim

Ein uralter Edelsitz und Kirchort, kam Schleißheim im 15. Jahrhundert zuerst an Herzog Ernst von Oberbayern, später an die Brüder Pfattendorfer, die natürlichen Söhne Herzog Sigmunds. Die stille friedsame Lage des Ortes auf der Garchinger Heide, sowie die Fruchtbarkeit des Bodens veranlaßten Herzog Wilhelm V., hier eine Musterschwaige und ein Herrenhaus zu errichten. Später baute er zu den im Umkreis schon bestehenden vier Kapellen noch fünf weitere hinzu, jede mit einer Klausnerwohnung daran. Es waren nun im Ganzen 9 Kapellen, die zu Sankt« Maria, St. Jakob, Sankt« Margaretha, St. Nikolaus, St. Korbinian, St. Franziskus, St. Ignatius, St. Wilhelm und St. Renatus. Sie alle sind verschwunden, nur die St. Jakobskapelle besteht noch als Friedhofskapclle von Hochmutting, und die Jgnatiusklaufe ist umgewandelt in die bekannte Gastwirtschaft „zum Bergl." In die Schleißheimer Klausen pflegte Wilhelm V. mit seiner Gattin Renata und einigen Vertrauten vom Hofe sich zurückzuziehcn, wenn er einsam der Betrachtung und den Andachtsübungen obliegen wollte. An diese Klausen mahnen heute noch einzelne niedrige, einstöckige Häuschen. Später, als Wilhelm V. seinem Sohne Maximilian die Regierung abgetreten hatte, bot er dem neuen Herrscher die Schwaige Schleißheim, die sein persönliches Eigentum war, zum Kaufe an. Es ist bezeichnend für den sparsamen Sohn, daß er genau prüfen ließ, welchen Ertrag die Schwaige abwarf, ehe er auf den Handel einging. Um jede Kleinig

feit der Bewirtschaftung kümmerte er sich selbst, bis auf den Speisezettel für die Dienstboten herab. Doch behagte auch ihm Schleißheim als Aufenthalt, denn er ließ durch seinen Liebling Peter Candid hier an Stelle des einfachen Herrenhauses das alte Schloß aufführen, den ältesten Renaiffaneebau in Münchens Umgebung. Seine Nachfolger bauten die so geschaffene Sommerresidenz noch weiter aus, schmückten sie mit Gemälden und Stuckarbeiten, gestalteten den Park im Sinne der damaligen französisch-italienischen Gartenkunst. Ferdinand Maria, der gern hier weilte, starb in Schleißheim im Jahre 1679; sein Sohn Max Emanuel ist der eigentliche Schöpfer des neuen großartigen Schloßes. Es war sein Lieblingsbau, für sein persönlichstes Wesen so bezeichnend, wie die MichaelSkirche für Wilhelm V. oder der Plan der neuen Residenz für Maximilian I. Aus dem Feldlager vor Namur sandte der Fürst, der seinem eigenen Geständnis nach „schon glücklich war, wenn er Pläne zeichnete, nur daS Papier zu verschmieren" — seine baulichen Anordnungen hinsichtlich Schleißheims nach Hause. Begonnen ward mit dem Schlößchen Lustheim, das an Stelle der abgebrochenen Renatusklause des Urahns Wilhelm steht, die zierliche Nachbildung eines italienischen Kasinos. Dann folgte der Bau des Hauptschloffes, das noch bei Max Emanuels Tod nicht ganz vollendet war. Der Ehrgeiz Dessen, der von einer Königskrone träumte, wollte, daß sein Schloß eines Königs würdig sei; daneben spricht aus jedem Zug der Anlage seine schwelgerische Sinnenfreudigkeit, das Stück Romantik, das in ihm wohnte und sein wirkliches Kunstgefühl. Er hat Unsummen verschwendet, dieser Kurfürst, über den die Meinung der Mitlebenden so geteilt, häufig mit Recht absprechend war. Aber er hat der bildenden Kunst, dem Kunsthandwerk, der Gartenkunst würdige Aufgaben gestellt; und so leicht er in politischen Dingen sanguinisch daneben griff, so sicher fand er die richtigen Persönlichkeiten heraus, die solche künstlerische Aufgaben lösen konnten. Für Schleißheim war es zuerst der Graubündner Enrieo Zueeali, dann Joseph Effner, der Dachauer Gärtnerssohn.

Wenn schon der Plan des Schlosses nicht in vollem Umfange zur Ausführung kam, ist der Eindruck dennoch majestätisch genug. Von monumentaler Wirkung schon der Eintritt durch das Hauptportal, herrlich der Blick von den Fenstern der Ahnengalerie herab auf die blumigen Teppichgärtnereien und die ganze Gestaltung des Parkes, der den Zusammenhang zwischen Schleißheim und Lustheim vermittelt. Die berühmte Gemäldegalerie, zum Teil von Max Emanuels Vorfahren herstammend, aber durch ihn und seine Nachfolger bedeutend gemehrt, umfaßte zu seiner Zeit schon 1000 Nummern.

Zwar ist aus dem Gemäldeschah das Beste inzwischen in die Alte Pinakothek überführt worden, doch ist dafür wieder manches Wertvolle in Schleißheim neu hinzugewachsen.

Während der Spätzeit Max Emanuels und der Regierung Karl Albrechts weilte der Hof zur Sommerszeit abwechselnd in Schleißheim und Nymphenburg. Es fanden hier wie dort die gleichen glänzenden Feste statt: auf dem Kanalarm, der von Schleißheim nach Lustheim führt, wurden venezianische Gondelfahrten unternommen, der Park ward glänzend beleuchtet und großes Feuerwerk darin abgebrannt. In den prächtigen Sälen, wo goldene und silberne Ornamente sich an seidenen Stofftapeten hinaufranken oder in die Wandbespannung kostbare Gemälde eingelassen sind, wurden Bälle und festliche Empfänge, Konzerte und Theateraufführungen veranstaltet. Der graue und rosige Marmor des Treppenhauses, die eingelegten Mosaikfußböden spiegelten den Glanz der Kerzen und das Flackern der Windlichter, mit denen den höchsten Herrschaften hernach in ihre Gemächer geleuchtet ward. Und wenn dann die Lichter verloschen waren, und nur der Mond sein Silber auf Park und Schloß ergoß, klang vielleicht noch leises Liebesgeflüfter da und dort aus den verschnittenen Buchenhecken oder den süß und schwül duftenden Fliederbüschen hervor. —

Seit dem Kurfürsten Max III. Joseph kam der Hof nicht mehr nach Schleißheim. 1822 ward es landwirtschaftliche Lehranstalt, später Kreisackerbauschule, dann Remontedepot. Heute, im Gegensatz zu Nymphenburg, das vom Leben der bis zu ihm sich erstreckenden Hauptstadt umgeben wird, ist Schleißheim still. Abseits und einsam liegt das Schloß inmitten des flachen moorigen Landes. Die Schönheit und der Prunk dieses Kleinods dekorativer Kunst stechen seltsam ab gegen die Ode ringsum. Der Besucher mag sich in den Sälen und Parkwegen ergehen und Betrachtungen anstelle» über die Vergänglichkeit alles Irdischen. Aber im Scheiden wird er das Gefühl mitnehmen, zu Gaste gewesen zu sein in einer Welt, die dem Heutigen fern und unwirklich scheint und deren Anhauch doch Jeder als einen Zauber empfindet.