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Sagen & Geschichten

Aus Münchens Fürstenschlössern

Der erste Kurfürst

Raff - So lang der alte Peter... (Seite 129)

Der erste Kurfürst

Er saß an seinem Schreibtisch zu München, in dem Gelaß, das er selbst hatte entstehen sehen und nach seinem Sinn geschmückt hatte, ehe der Krieg, der dreißigjährige, ihn und die Welt mit anderen Sorgen belud. Der ruhige Farbenglanz der Hauteliffe-Wandteppiche schimmerte im späten Tageslicht; von der Decke sahen die gemalten Allegorien fürstlich-christlicher Tugenden zwischen Stuckmarmor und schwerem Getäfel auf ihn herab, der sich in stetiger Arbeit abmühte, sie zu verwirklichen. Da war die monatliche Zollrechnung, die wollte durchgerechnet sein, denn dies war des Fürsten Stolz im Alter, wie einst in der Jugend, daß er „selbst zu seinen Sachen sah" und jede Rechnung selbst überlas. Ein altes deutsches Wort hatte er zum Leibspruch erkoren: in jeder Hauswirtschaft muß man einen Zehrpfennig, Ehrpfennig und Sparpfennig haben. Zum Ausgeben des Ehrpfennigs kamen Fürsten leicht genug. Die bevorstehende Vermählung seines Kurprinzen würde manches schöne Stück Geld dahin nehmen. Gut: wer rechtzeitig spart, kann rechtzeitig ausgeben. Heute hatte er den Bau des neuen Opernhauses am Salvatorplah, der bereits tapfer emporstieg, angeschaut. Es würde eine schöne Vista ergeben, wenn es fertig stand. Dem Fürsten schwellte ein gewisser Stolz die Brust, im Gedenken der Aufgaben, die er, Maximilian I., den Künsten schon gestellt hatte, er, den die Mitwelt als karg verschrie. Ein bißl gehörte er ja selbst zum Handwerk: in seinen wenigen Mußestunden drehte er, dessen ganzer sonstiger Tag zwischen Gebet und Arbeit verfloß, zierliche Gebilde aus Elfenbein. Und am Plan dieser seiner Residenz hatte er fest mitgetan. Nichts von weltlichen Dingen bot dem Kurfürsten solche Erquickung als die Betrachtung von Kunstwerken. War ihm jemals ein Brief, eine Mühe zu viel gewesen, um von den Nürnbergern oder anderswoher ein Stück seines geliebten Albrecht Dürer zu erwerben? Mit Luft übersann er, was Alles er von des herrlichen Meisters Hand besaß. Und die Gedanken wanderten weiter: zum Grabmal, das er seinem kaiserlichen Ahnen Ludwig gesetzt hatte, zu Peter Candids Malereien im Kaisersaal, zu dessen Himmelfahrt Mariä in der Frauenkirche — 

Da wandle Maximilians Sinnen sich ab von der Kunst, hinüber zu seiner himmlischen Herrin, zu deren Füßen sein Leben verglomm wie draußen überm Residenzportal die ewige Lampe vor ihrem, von HanS Krumpper geschaffenen, Erzbild. Voreinft hatte er eine, mit seinem Blute geschriebene, Widmung an sie verfaßt und in Altötting niedergelegt. Keine irdische Liebe war je so stark gewesen, daß sie ihn abwendig gemacht hätte dieser einen, rein geistigen, seine Seele beherrschenden Liebe zur Mutter des Herren. - „Ora pro nobig!" - sprach er leise, und sah innig hinauf zu dem Marienbilde über dem Tische an der Wand. Das war das Stück Schwärmerei, das dem sonst Kühlen, Nüchternen innewohnte.

Sein Tagewerk brauchte wahrlich nüchterne, kühle Klarheit, brauchte einen ungebeugten, zuweilen harten Willen. Hatte er es nicht hundertmal schwerer gehabt, als sein Vater und Ahn? Hatte er nicht fliehen müssen aus seiner Hauptstadt, nicht der Kriegsfurie in die medusenartigen Augen gesehen? Hatten zu dem endlich Sieghaften, wieder im Frieden Herrschenden nicht Hunger, Pest, Verwüstung um Hilfe geschrien? Und es war ihm doch einigermaßen gelungen, dem ärgsten Elend zu steuern; er hinterließ doch ein beruhigtes, geordnetes Land, einen gefüllten Schatz. Vor Allem: ein Volk, in Ehrfurcht und im Väterglauben erhalten.

Wem hinterließ er es? Fürsten können so wenig als Andere ihr Bestes, Stärkstes vererben. Nur den Besitz, nicht die bewahrende Kraft. Und er, der Kurfürst, stand im neunundsiebzigsten Jahre; täglich konnte Gott ihn abberufen. —

Die welke Greisenhand schob die Stöße der Rechnungen, Suppliken, Berichte zur Seite; da und dort waren die Ränder der Papiere mit kleinen unwilligen Anmerkungen bedeckt, wo irgend etwas Mißfälliges sein scharfes Auge getroffen hatte. Er zog ein Heft hervor, das die Erfahrungssumme eines ganzen Fürstendaseins seinem Nachfolger überliefern sollte, die „Treuherzigen väterlichen Lesestücke, Erinnerungen und Ermahnungen" für seinen Sohn.

Sparsamkeit und Mäßigkeit, Erhaltung der Würde und Autorität, jedoch mit Freundlichkeit und Sanftmut gepaart, Verschwiegenheit bei wichtigen Geschäften, die goldene Regel, nur langsam zu reden, verständig und mit gutem Bedacht, Neuerungen und ä la modisches Gebaren zu meiden. Alles hat fein Beispiel dem Prinzen schon eingeprägt, nachdrücklicher als gemalte und in Erz gegossene Allegorien. Und die rastlose hagere Hand schreibt, gleichsam als Motto, noch die Worte: „Eifrige, arbeitsame Potentaten und Fürsten sind den brennenden Kerzen zu vergleichen, welche sagen könnten: aliis lucendo consumor! Anderen leuchtend verzehre ich mich." — 

Anderen leuchtend? Es gab Viele, die den Kurfürsten Maximilian tadelten oder fürchteten. Hart, streng, eigensüchtig hießen sie ihn, freilich im Widerspruch zu Solchen, denen er als der Salomon Europas galt. Er fragte den Einen und den Anderen nicht nach. Wie der bayerische Bauer nur zweierlei kennt: den Herrgott und das Stück Heimatscholle, das er bebaut und mit Stolz seinen Hof nennt, so gab es für Bayerns Herrscher auch eben nur Gott und den Staat. Aus seinem ganzen kämpfereichen Leben entsann er sich unter den Sünden, die er bereute, keines Augenblicks, wo sein katholischer Christenglaube gewankt oder wo er das Wohl des Staates nicht bedacht hätte. Käme jetzt seine letzte Stunde, so könnte er dies beteuern vor Gottes Angesicht —

In das Gemach blickte verglimmender Abendschein. Der greise Fürst, im Gedanken an seinen Tod, hatte die Feder niedergelegt und bekreuzte sich andächtig. Sein Antlitz trug den Ausdruck völligen Friedens.