Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 92)
Die Münchener Sommerdult (Messe) ist eine eigene Lustepoche für die Einwohner. Wenn gutes Wetter sie begünstigt, so entsteht eine Art von Faschingswesen, dem nur die Masken fehlen. Der Dultplatz und die dahin führenden Straßen fassen eine Menge Personen aus den höheren Ständen, die von einer sonst ungewöhnlichen Spazierlust hin und her an den bunten Budenreihen getrieben werden.
Der Reiz der Luxuswaren zieht Frauen und Mädchen in zahlreichen Gruppen aus ihren Gemächern nach dem Dultplatze. Die elegante Menge strömt ab und zu. Die Modeneuigkeiten geben vielfachen Stoff zur Unterhaltung, zu Scherz, Neckereien und Laune. Die schönen Frauen sind durch die Ansicht ihrer Lieblingsgegenstände angenehm aufgeregt; spekulative Aufmerksamkeit gewinnt hier und da bei den Äerren
ungewöhnlichen Raum, und so wird neben Bändern und Spitzen, Kaschemirs und Batisten, Ningelein und edlen Steinen noch so manches eingehandelt, was dem Gesetze der Mode weniger unterworfen ist.
Mittags ziehen die Banden englischer Reiter, Seiltänzer und Springer in Lelmen und romantischen Gewändern zu Pferd mit Zinken und Trommeln durch die Stadt. Es müßte nicht gut sein, wenn nicht jede Truppe einen hübschen weiblichen Chorführer, in vielversprechender Kleidung, an ihrer Spitze hätte und dadurch den Vergnügungsplan der jungen Männerwelt für den Abend bestimmte oder abänderte.
Gegen Abend beginnt nun erst das wahre Schlaraffenleben. Da gibt es vor dem Karls- und Maxtor englische Reiter und Seelöwen, Niesen und kurzgefaßte Zwerge, Metamorphosikünstler und monströse Kälber, französische Puppenkomödien und possierliche Affenschwänze, und was des närrischen Zeugs mehr ist. Zwischen den bretternen Lütten, die, nach größerem oder kleinerem Maßstabe erbaut, diese Merkwürdigkeiten umschließen, flutet eine schaulustige, frohe Menge aus allen Ständen ab und zu. Anter dem Gekrächze und Geheul der ausländischen Tiere dringt das Geschrei des benachbarten Pulicinells und das Beifallwiehern des dritten Platzes aus den: nahen Zirkus hervor. Laternenpfähle, Schornsteine und Dächer der benachbarten Läufer sind mit sparenden Menschenkindern behängt, die sich das Recht, von der Löhe ihres Standoder Längpunktes zu applaudieren und herabzuwiehern, nicht nehmen lassen. Der dunkle Abend versetzt den Schauplatz etwas mehr nach Osten, an das Peristil der Lorenzonischen Thespishütte.
Was nie und nirgends gelingen wollte, kommt hier im Anschauen der hohen, tragischen Gestalten, auf Euripides' und Sophokles' Kothurn, zustande! Das zarte Menschenherz fühlt sich hier zwischen Satyrhaftigkeit und sinniger Rührung süß bewegt, gleich dem Pendel der Zamboniuhr, der, von den mächtigen Potenzen angezogen oder zurückgestoßen, bald diese, bald jene Säule flüchtig küßt und zur anderen zurückbebt, oder auch gleich dem Esel Buridani, der nicht weiß, welches von zwei Leu- bündeln er zuerst hinunterkauen soll.
Die Dult versammelt in München eine Menge Landbewohner aus den oberländischen Kreisen,und da dies der schönereMenschenschlag desKönigreiches ist, so gewährt das flüch- ügeDurchstreifen der zahlreichen „Bierzäpflerhäuser" im Tal,wo die Landbewohner sich amliebstenaufhalten,densreundlichenAnblickmanchesschönenMädchens aus Schliersee, Miesbach, Tegernsee und Audorf, deren kräftige Formenzeichnung, zusammengehalten mit der blühenden Jovialität des Gesichtes, dem Auge selbst in München wohltut.
Aus: Christian Müller, „München unter König Maximilian Joseph I.".
Das Maxtor wurde am Ausgang der Prannerstraße in den Dult-(MaximilianS-)Platz im Jahre 1805 nach den Plänen des Stadtbaudirektors Schedel von Greifenstein errichtet. Über Lorenzonis (später Schwaigers) Theater vergleiche das spätere Kapitel.