Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 87)
Der Fasching fängt in den ersten Wochen des Januar an. Da rennen am Abend schon neckende Masken lärmend durch die Straßen. In allen Familien beginnt die Sorge und dre Arbeit der notwendigen Kleider und Maskenanzüge für den angebrochenen Fasching. Alles hat eine neue, belebende, aber auch nur diese einzige Beziehung erhalten. Die junge weibliche Welt treibt sich schon hüpfend in den Läden der Kaufleute herum, überall sieht man geheimnisvolle Mitteilungen, je geheimnisvoller, desto unwahrer, denn Betrug und Neckerei ist schon jetzt das herrschende Gesetz des Tages und der Nacht geworden. Alles fragt, alles beratet, alles hintergeht sich. Wahrer nur sind die Verabredungen zwischen beiden Geschlechtern, denn wie wichtig soll nicht beiden vereint die Maske werden! Wie vieles soll sie nicht verheimlichen und verbergen! Wie vieles ward nur bis hieher verschoben, was flüher ohne Fasching nicht sein konnte! Wie viele Löschungen, wie viele heiniliche Freuden sind nicht an die Maske geknüpft! Das goldene Zeitalter scheint, wenigstens für die Putzmacherinnen, wirklich zurückgekommen; nie hören sie mehr Beschwörungen, nie müssen sie mehr versprechen. Die zahlreichen Maskenverleiher öffnen in allen Straßen ihre bunten Läden. Gräßliche und liebliche Wachsgesichter schauen durch die Feilster, im Innern glänzen hundert Farben, Folie, Schmelz, Flitter uild Tressen, hier die streng verhüllende Kapuze neben dem verräterischen Tirolerkleidchen, dort der stolze Lelmbusch und Larnisch neben dem scheckigen Pulicinell und dem drollig-gravitätischen Türkerlhabit. Täglich mehren sich die Maskeil auf den Straßen. Der erste Maskenball im Loftheater gibt endlich das Signal zum Losbruch des allgemeinen Jubels, für den alles Bisherige nur Einleitung war.
Wo soll ich aber anfangen, um meinen Lesern und Leserinnen das tausendfache Leben eines solchen Balls zu beschreiben? In Norddeutschland kennt man nichts Ähnliches. Wer davon sprechen will, dem ergeht es wie dem Lomer mit seinen Schlachtenbeschreibungen: immer malt der alte Sänger nur einzelne Kämpfe. Auch ich kann nur im einzelnen zeichnen; das große bunte, lebenerfüllte Ganze muß gesehen, mit fleudigem Auge gesehen werden.
Der weite, durch Kronleuchter und tausend Logenkerzen taghell gelichtete Saal strotzt von sreudelustigeil Menschen. Alles muß maskiert sein, solange der Los in seinen Logen gegenwärtig ist. Seine Teiüiahme am Feste steigert den Frohsiml uild das lustige Treiben. Angeachtet, daß die Menge sich kaum iil ruhigem Schritte nebeneinailder bewegen und nur in schraubenförmigen Windungen forthelfen kann, so
ist es doch den Tanzomanen unmöglich, dem Reiz der guten Musik zu widerstehen, sie walzen daher mit wachsgesichteten Nymphen — so gut es unter vielfachem Anstößen gehen will — durch den Saal. Indessen scheint es mir doch weniger eigentliche Tanzlust als der gegenseitige Wunsch, schon recht bald und so früh als möglich in irgendein angenehmes Verhältnis mit jemand zu treten, das den ganzen Abend und die Nacht, ja oft selbst noch einige Tage nachher oder gar für den ganzen Karneval dauern soll. Der Tanz ist das unverfänglichste Mittel, in den langen Stillstandspausen und bei der nachfolgenden Promenade mit jemand traulich zu reden. Versäumt man die erste Stunde des Zusammenseins unter der Maske, so kommt später leicht ein trennendes Hindernis — sei es ein alter Freund vom vorigen Karneval, eure lästige Base oder sonst etwas Arges und Anheimliches — dazwischen, und die Freude liegt im Brunnen. Sind aber die Präliminarien zu einer längeren oder kürzeren Intrige schon unterzeichnet, so vermag keine Dazwischenkunft dritter Personen mehr zu schaden.
Wie fteut man sich über die vielen blühenden Mädchen- und Frauengestalten, die sich hier in herrlichem Kranze vereinigt finden; freilich ist noch unentschieden, was das griechische Wachsprofil verbirgt, ob ein brennendes Feuermal, eine Zahnlücke, eine Habichtsnase oder das entsprechende Gegenstück zu seiner äußeren Maskensorm, wofür immer eher zu wetten ist. Sehen wir hier die beiden Gärtnerinnen in weiß und blau mit den schalkhaften Hütchen, die über den niedlichen Köpfchen nur zu schweben scheinen wie Heiligenschein! Gibt es etwas Lieblicheres in weiblicher Form? Sie tragen Orangen, Mandeln, Rosinen und Feigen in zierlichen Körbchen und bieten mir fteundlich davon: mit gutmütiger Laune antworten sie mir, und als ich forschen will, verschwinden die lieblichen Gestalten in der treibenden Menge.
Zwei Herren aus dem siecle de Louis XV. treten süßschmunzelnd daher. Ihr breites habit fran^ais, himmelblau und rosenrot, ihre hohe Frisur nebst gehörigen Haarbeuteln, duftend von sieben mal siebenWohlgerüchen,und das zierlicheFranzösisch, das die beiden Masken miteinander im Charakter ihrer Rolle sprechen, kontrastiert drollig mit jenem Stutzer aus dem Jahre 1808 mit Brille, Lorgnette und knotigem Krummstab, der sich zwischen ihnen durchschiebt, und dessen glockentönende Ahrpetschafte ein Schlittenpserd anzukündigen scheinen. Dort verfolgt ein mutwilliger Matrose zwei Nonnen, die sich eben nicht zufällig in das Nebenzimmer zu flüchten scheinen.
Nun soll das Ballett erscheinen. Schon drückt sich alles. Jeder bemüht sich, das hingegebene Seil zu fassen und aus Kosten des Zurückstehenden den fteizulassenden Kreis zu erweitern. Allgemeines Getümmel, Drängen und Treiben, doch ohne Anordnung und Anmut. Tänzer und Tänzerinnen treten herein, und das Ballett geht vor sich. Demoiselle Pfeifer erfteut durch ihre reizende Grazie, Demoiselle Abel durch ihr schönes Aplomb. Wenn die erste, von einer Tänzergruppe leicht wie ein Gedanke emporgehoben, dem geliebten Königspaar einen Blütenstrauß in die Loge reicht, stürzt aus den menschenerfüllten Logen ein Blumenregen auf das Parterre herab, dessen Duft sich in das laute Beifalljauchzen der fröhlichen Menge mischt.
Darauf verschwindet der Tänzer Chor, und die Menge im Saal nimmt, freier aufatmend, den ihr mühsam und nicht ohne Widerstand entzogenen Raum wieder ein. Nun erneuert sich die freie Lust und Neckerei, bald mit mehr, bald mit minderer Grazie vergesellschaftet, aber fast nie mit störender Anart verbunden.
Mitternacht ist vorbei. Man geht in den Saal zur Seite und setzt sich an langer Tafel zum stärkenden Abendessen.
Die Maskenlust ist nun mit Ablegung der Maske der Eßlust gewichen und ihr untergeordnet worden. Indessen geschieht dies doch gewöhnlich nicht eher, als bis jene bergende Freundin vollständig ihre Dienste geleistet hat und nun unnötig geworden ist. Mit der Maske fällt auch der ganze Zauber des Maskentreibens. Jener Dame dort oben im schwarzen Kleide habe ich vorhin im Saale manches gesagt, was ich jetzt nicht wiederholen könnte. Sie antwortete mir drei Worte, an welche sie ihrer Nachbarschaft und ihrer abgelegten Maske wegen auch nicht durch das Entfernteste erinnert werden darf. Dort der weibliche Pulicinell, der sich — obgleich in Gesellschaft des feurigen Liebhabers — mit dem Flügel eines Indians viel zu tun macht, scheint mich jetzt nicht mehr zu kennen, obgleich er mir noch vor einer Viertelstunde eine Entdeckung machte und recht wohl wußte, wer ich war, was er jetzt vergessen haben muß, weil er sich scharf beobachtet weiß.
So herrschen jetzt wieder die alten Rollen des Bürgerlebens, das trauliche Du ist verklungen, und nur manchmal schießt hier und dort ein flüchtiger, verstohlener Blick über die lange Tafel, welcher noch die Maske angeht. Die wahren Masken- fteunde halten sich auch so kurz wie möglich bei dem Abendessen auf, um dann mit oder ohne Maske wieder in den Saal zu eilen. Sobald der Äof seine Loge verlassen hat, darf jedermann seine Maöke abnehmen, und nur die behalten sie bei, welche dadurch nicht verlieren wollen oder die sie zu ihren Zwecken nötig haben. Nach zwei Ahr endigt der Ball. Manche sind ganz im stillen schon früher — wer weiß wohin? — gefahren. Die Wagen rollen nun vor, und auch jetzt nimmt nicht jeder den Weg, auf dem er kam. Viele halten — es heißt, um sich gegen Erkältung zu schützen, — beim Einsteigen die Maske wieder vor; denn die neugierigen, forschenden Blicke, die gerne wissen möchten, wer in den traulichen, sicher bergenden Gewahrsam des verschlossenen Wagens zusammensteigt, sind allerdings noch gesährlicher, als der schneidende Ianuarwind, der wenigstens keine Zunge hat, und von dem man ja bekanntlich auch nicht weiß, wohin er fährt.
Aus: Christian Müller, „München unter König Maximilian Joseph I.".
Auch hier ist unter dem Hoftheatcr das heutige Residenztheater zu verstehen.