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Sagen & Geschichten

Industrie im alten München

Wolf - Ein Jahrhundert München (Seite 60)

Christian Müller ließ in den Jahren 1816—1817 ein gründliches Buch über die wirtschaftlichen, sozialen uiid kulturellen Verhältnisse in Müiichen erscheinen, in dein er sich über die Anfänge der Industrie in München folgendermaßen vernehmen läßt:

Die letzten zehil Jahre (1806—1815) haben viel Merkwürdiges und Rühmenswertes eiitsiehen lassen. Es ist ein Geist rege gewordeii, der schoir sehr viel leistet und noch mehr für die Zukunft verspricht.

Senefelders lithographische Kunst ist — auch insoserne sie nur der Industrie mrd nicht der höheren Kunst angehört — eilte der wichtigsten und gemeinnützigsten Entdeckungen der neueren Zeit, welche in ihrer Wiege zu München auf einen sehr hohen Grad von Vollendung gediehen ist und fast überall ins tägliche Leben eingreift. Das mechanischoptische Institut von Reichenbach und Atzschncider läßt alle neueren Arbeiten, selbst die des britischen Auslands, hinter sich, und die größten Sternwarten Europas wünschen sich Glück, aus dieser Wcrkstätte bayerischer Kunst, die in Äerrn von Reichenbach 

ihren Lerschel und Tollond besitzt, Teleskope und andere astronomische Instrumente zu beziehen, welche jetzt nur in München und sonst nirgends in solcher klassischen Vollkommenheit gefertigt werden. Die Gläser zu den astronomischen und mathematischen Instrumenten werden von Benediktbeuren, aus dem dortigen Institut Atzschneider und Fraunhofer geliefert. Für die Belebung der Industrie von München hat in älterer und neuerer Zeit niemand mit so viel Sinn, Kenntnis, Tätigkeit und Glück gearbeitet wie der verdienstvolle Geheime Rat Atzschneider, dessen eigene Fabriken und Gewerbe zu München und im Lande sich der höchsten Blüte erfreuen. Sein von Erfolg begünstigtes Beispiel hat den Münchnern sehr genützt und manches Vorurteil verdrängt.

Die K. Porzellanfabrik zu Nymphenburg liefert in diesem Augenblicke ausgezeichnete, schöne Arbeiten, die — wenn nicht in Linsicht des Materials — doch in Form und Malerei den besten dieser Art an die Seite gesetzt werden können. Ihre Niederlage zu München gewährt euren wahren Kunstgenuß. Dülken ist ein rühmlich bekannter Name für die Fabrikation der Fortepiano, die im In- und Ausland gesucht sind und häufig gekauft werden. Sautter verfertigt chirurgische Instrumente, welche den besten englischen gleichkommen. In der Sphäre der niederen Industrie finden wir in München weniger Ausgezeichnetes. Es befinden fich da: ein königlicher Kupferhammer und zwei königliche Eisenhämmer mit einer königlichen Eisenniederlage, eine große königliche Kattun- und Zizfabrik, zwei lyonische Spitzenfabriken, bedeutend, drei Möbelfabriken, unter welchen sich die Liltlsche auszeichnet, jedoch den Wiener Arbeiten noch nicht gleichkommt, vier Orgelmacher, zwei Geigenmacher, ein Fabrikant von musikalischen Blasinstrumenten, ein Waldhornmacher, zwei Papierfabriken, zwei Siegellackfabriken, drei Tabakfabriken, wovon zwei bedeutend, sechs Lederfabriken, unter welchen sich besonders die Atzschneiderische sehr durch ihren Am- sang, durch Behandlung und Güte ihrer Fabrikate auszeichnet, zwei Wagenfabriken, zwei Pulvermühlen, eine bedeutende Gold- und Silberdrahtfabrik, vier Spielkartenfabriken, wovon eine vorzüglich ist, eine Farbenfabrik, eine Maschinenfabrik, eine Pinselfabrik, eine Barometer- und Thermometerfabrik und eine Steingutfabrik.

Ferner sind noch vorhanden: Sechs Büchsenmacher und Büchsenschäfter, eineBaum Wollmanufaktur, eine Landschuhfabrik, drei Lutfabriken, zwei Pottaschefabriken, drei Puder- undStärkefabriken, einePerlfabrik, eineRosogliobrennerei, zweiSeidenstrumpf- sabriken, zwei Brillenschleifereien, ein Edelsteinschneider, ein Fabrikant elastischer Arbeiten, zwei Spiegelsabriken, zwei Schokoladefabriken und eine Galanteriefabrik.

Alles übrige gehört zu den bürgerlichen Landwerken, unter denen nach Maßgabe des vorzüglichsten Erwerbszweiges — der Bierbrauerei — 60 Brauer mit 153 Bierwirten obenanstehen. Diesen schließen sich an: 64 Bäcker, 66 Metzger, 71 Leinweber, 107 Schneider, 69 Schuhmacher usw. 

In dem noch nicht hinlänglich erregten Sinne für die Industrie bei den Münchnern, im Mangel an rohen fabriktauglichen Produkten und in dem Mangel an Wasserfracht suche ich die Haupthindernisse des Aufkommens und Allgemeinwerdens der Industrie. Indes hat sich in der neueren Zeit auch in dieser Linsicht vieles gehoben. Nicht alle Gewerbe treiben ihre Arbeiten mehr handwerksmäßig, manches Gewerbe ist zur kleinen Fabrik geworden, manches ist noch höher gestiegen.